Comeback

Das Sparbuch gilt als hip – aber völlig zu Unrecht

Die Finanzkrise hat die Deutschen zum Nachdenken gebracht. Obwohl die Börsen boomen, wollen viele lieber die absolute Sicherheit und parken ihr Geld auf dem Sparbuch. Dabei verzichten die Bundesbürger praktisch völlig auf Rendite – vor allem, wenn man den Zinseszinseffekt berücksichtigt.

Der Weltspartag im Jahr eins nach der Finanzkrise weckt nostalgische Gefühle. Das Beben an den Börsen hat die deutschen Sparer offenbar um 20 Jahre zurückgeworfen. Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) ist das eigentlich längst abgeschriebene Sparbuch plötzlich wieder die beliebteste Anlageform zur Altersvorsorge. Gleichzeitig sparen die Bundesbürger mit 11,2 Prozent einen so hohen Anteil von ihrem Nettoeinkommen wie zuletzt zu Beginn der 1990er-Jahre.

Mit 62 Prozent haben das traditionsreiche Sparbuch und andere verzinsliche Spareinlagen erstmals seit Jahren die Lebens- und Rentenversicherung (je 60 Prozent) von der Spitze der beliebtesten Vorsorgeprodukte verdrängt. Auf den Plätzen folgen der Bausparvertrag (51 Prozent) und die selbst genutzte Immobilie (50 Prozent). Dagegen verfügt nur jeder fünfte Bundesbürger über Aktienanlagen. Diese riskantere Anlageform rangiert damit fast am Ende der Beliebtheitsskala.

Damit haben zuletzt vor allem konservative Sparformen in der Gunst noch einmal zugelegt. Die Finanzkrise hat das Bedürfnis der Bundesbürger nach Geborgenheit noch einmal verstärkt. Mit 95 Prozent ist Sicherheit das mit Abstand wichtigste Anlageziel der Deutschen. Eine anständige Rendite ist dagegen lediglich für 62 Prozent der privaten Anleger wichtig.

In den Jahren vor der Finanzkrise hatten die traditionellen Formen des Sparens zu kämpfen. Vielen Anlegern erschienen Sparkassen und Volksbanken mit ihren vergleichsweise hohen Gebühren und niedrigen Zinsen als Auslaufmodell. Sparbücher waren out. Direktbanken überboten einander mit Spitzenzinsen auf Tagesgeld. Ausländische Geldhäuser wie die isländische Kaupthing Bank warben mit attraktiven Zinsen. Zertifikate wie die der Lehman-Bank boten überdurchschnittliche Renditen. Dann kam die Krise. Heute fühlen sich Lehman-Anleger betrogen, Kaupthing-Kunden mussten lange um ihr Geld kämpfen. Als das Bankensystem im Herbst 2008 kurz vor dem Zusammenbruch stand, zahlten panische Anleger plötzlich größere Summen bei Sparkassen ein, weil das Geld dort am sichersten schien. Wie groß der Bewusstseinswandel durch die Krise ist, zeigen die aktuellen Zahlen. Anleger flüchteten aus Aktien - rund 45 Mrd. Euro zogen sie im Jahr 2008 aus dieser Anlageform ab. Gleichzeitig stiegen die Einlagen bei Kreditinstituten um rund 96 Mrd. Euro - noch 2006 waren es nach den DSGV-Zahlen nur 24,8 Mrd. Euro.

"Zwei Finanzkrisen innerhalb von acht Jahren waren für viele wohl einfach zu viel", kommentiert der Mainzer Finanzmarktplaner Antonio Sommese. Experten sehen die Renaissance von Sparkassen und Sparbüchern kritisch. "Gerade beim langfristigen Vermögensaufbau hat ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis gravierende Folgen", sagt Sommese.

Eine einfache Rechnung führt die Konsequenzen vor Augen. Wer 10.000 Euro zum momentanen durchschnittlichen Sparbuchzins von 0,5 Prozent anlegt, hat nach 30 Jahren gerade einmal 1614 Euro dazuverdient und damit 11.614. Bei einem Zins von vier Prozent werden aus 10.000 Euro im gleichen Zeitraum bereits 32.434 Euro, und bei einer Verzinsung von acht Prozent lässt sich das Anfangskapital sogar verzehnfachen. Das Geheimnis dahinter ist der sogenannte Zinseszinseffekt, der nichts anders besagt, als dass einmal erhaltene Zinsen wieder angelegt weitere Zinsen erbringen und so weiter. Dadurch steigt im Laufe der Jahrzehnte die Anlagesumme nicht linear, sondern progressiv. Und je höher die Verzinsung, desto steiler geht es mit dem Vermögen nach oben, weshalb Experten den Zinseszinseffekt auch als achtes Weltwunder betiteln (siehe Grafik).

Tatsächlich bieten die meisten Sparbücher momentan gerade einmal Zinsen im Promillebereich an, im Schnitt sind es 0,5 Prozent. Immerhin gibt es einige Ausnahmen. Die Citibank offeriert immerhin über drei Prozent. Allerdings müssen Sparer im Jahr einen festen Betrag auf ihr Sparbuch einzahlen. Ohne Haken und Ösen funktioniert das Sparbuch der BMW-Bank, die immerhin das Geld mit über zwei Prozent verzinst.

Die schwachen Konditionen sind nicht nur die Folge knauseriger Banker, sondern auch der Niedrigzinspolitik der Notenbanker. Die Währungshüter, auch die europäischen, halten trotz deutlicher Anzeichen für eine Konjunkturerholung die Leitzinsen beharrlich nahe null. Und da sich die Konditionen für Sparer an den Sätzen der Notenbanker orientieren, gibt es für sichere Anlagen selten mehr als ein Prozent. Für Sparer ist die Situation damit alles andere als einfach. Denn wollen sie auf Nummer sicher gehen, werden sie mit kümmerlichen Zinsen abgespeist. Wollen sie dagegen mehr erwirtschaften, müssen sie ins Risiko gehen.

Experten raten beim langfristigen Vermögensaufbau zu einer Streuung der Anlagen. Je länger die Laufzeit, desto höher kann dabei der Anteil riskanterer Produkte im Portfolio sein.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.