Weltwirtschaftsgipfel

Was vom Davos-Auftritt der Kanzlerin bleibt

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J. Eigendorf, O. Gersemann und J. Hartmann

Foto: AP

Soziale Marktwirtschaft, Klimaschutz und globale Armutsbekämpfung: Angela Merkel will die Probleme des Planeten mit einem Weltwirtschaftsrat lösen. Doch Experten zweifeln an den Vorschlägen. Es seien einfach zu viele Aufgaben, um sie in einer einzigen Institution zu bündeln.

Es ist einfach, nur einen Stein ins Wasser zu werfen und dann zu sehen, welche Kreise er zieht. Das war wohl Angela Merkels Ansinnen, als sie kurz nach Davos zum Weltwirtschaftsforum flog, eine 22-minütige Rede hielt, sich beklatschen ließ und dann wieder verschwand – ohne auch nur eine Frage des Publikums im Kongresszentrum des Schweizer Luftkurortes zu beantworten.

Am nächsten Morgen sind die ersten Kreise zu sehen. Der britische Premierminister Gordon Brown hat auf der Bühne, auf der am Nachmittag zuvor noch die Kanzlerin gestanden hatte, Platz genommen. Christiane Amanpour sitzt neben ihm, und es dauert nicht lang, bis die Chef-Reporterin des US-Senders CNN nach dem Vorschlag der Kanzlerin fragt, schon bald in einem Weltwirtschaftsrat die Regeln der internationalen Wirtschaftsorganisationen zusammenzuführen. Und zwar unter dem Dach der Vereinten Nationen mit ihren 192 Mitgliedsstaaten.


Das sei ein guter Vorschlag, sagt Brown, ohne allerdings den Begriff „World Economic Council“ in den Mund zu nehmen. Man müsse die globalen Aufsichtsbehörden zusammen bringen. „Wir kommen ohne globale Institutionen keinen Schritt weiter“, fährt er fort. Laisser-faire, das freie Spiel der Märkte, werde die Probleme auf jeden Fall nicht lösen.

Kaum ein Unterschied ist zwischen den Positionen Merkels und Browns auszumachen. Allerdings haben beide noch etwas anderes gemein: Sie bleiben sehr unkonkret. Ja, nicht mehr die G?8, der Zusammenschluss der größten Industrienationen, seien das Forum, das über die Reform der globalen Finanzarchitektur entscheidet. Vielmehr seien die G20, die auch China, Indien oder Brasilien mit einschließen, eine bessere Runde. Doch reicht das aus?


Es ist eine Frage, die nicht nur Ökonomen und Regierungschefs umtreibt, sondern auch die Manager unter den Davos-Besuchern. „Wir haben uns in einem kleinen Kreis einen ganzen Nachmittag darüber den Kopf zerbrochen“, sagt Werner Wenning, der Vorstandschef des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer. „Wir brauchen eine Art Vorstand für die Weltfinanzordnung, der das Zepter in die Hand nimmt.“ Seiner Meinung nach sind aber auch die G20 keine die optimale Runde. Da seien Staaten drin, die nicht unbedingt dazugehörten.

Etwas optimistischer ist Shumeet Banerji, der Chef der Unternehmensberatung Booz & Company: Immerhin seien in den G20 Volkswirtschaften vereinigt, die zusammen 85 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts bündeln. „Wenn diese 20 Länder zu einer Lösung kommen, hat das auch einen Einfluss auch auf die übrigen 165“, sagt er.


Weitaus größer ist der Konsens in Davos, wenn es darum geht, was alles nicht funktioniert. Eigentlich hätte der internationale Währungsfonds (IWF) beste Chancen gehabt, zum Star des Weltwirtschaftsforums zu werden. Vom ersten Tag an war die wichtigste internationale Finanzinstitution, die 1944 in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire gegründet wurde, in aller Munde in Davos.

Skepsis über Merkels Vorschlag

Doch so groß die Nachfrage nach einem durchsetzungsstarken Währungsfonds ist, so einig sind sich die Kongressteilnehmer, dass der IWF in seiner heutigen Form nicht dazu taugt, das internationale Finanzsystem zu stabilisieren und zu überwachen.

„Wir können nicht einfach nur den IWF von 1945 nehmen und hier und da ein bisschen schrauben“, sagt etwa der indische Regierungsberater Montek Singh Ahluwalia. Er steht nicht alleine da mit dieser Ansicht.


Briten-Premier Brown benutzt fast die gleichen Worte: „Es ist lächerlich zu glauben, dass Institutionen, die im Jahr 1945 visionär waren, noch passend sind für die Probleme im Jahr 2009.“ Man müsse viel radikaler denken. „Wir brauchen eine neue Bretton-Woods-Ordnung“, beschwört Brown wie so viele andere in diesen Tagen die Aufbruchstimmung der Nachkriegsära. Doch wie könnte dann diese Ordnung aussehen? „Niemand hat in Davos neue Antworten präsentiert“, sagt Dennis Snower. Der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, ist pessimistischer nach Deutschland zurückgekehrt als er nach Davos gekommen ist.

Merkels Vorschlag eines Weltwirtschaftsrats wird jedenfalls von vielen Experten sehr skeptisch bewertet. „Ich glaube nicht, dass ein solches zentralisiertes Planen von Prozesse der richtige Weg ist“, sagt Ricardo Hausmann, Ökonomie-Professor an der Harvard University. „Es gibt die Gefahr, dass neue Hierarchien geschaffen werden. Besser wäre es, den Problemen in spontan gebildeten Netzwerken zu begegnen."


Auch Robert Lawrence, ein Fakultätskollege Hausmann an der Harvard University, hält Effektivität für entscheidender als Repräsentativität. „Es kommt darauf an, was getan wird, nicht darauf, wer in irgendwelchen Gremien sitzt.“


Die Sorge ist außerdem, dass eine solche Institution völlig überfrachtet würde. Zumal Merkel in Davos einen Fünf-Punkte-Plan vorstellte, der nicht nur die eine Reform der Finanzordnung, sondern auch gleich noch den Klimaschutz und die weltweite Armutsbekämpfung umfassen soll. Harvard-Experte Hausmann ist skeptisch: „Das sind zu viele Themen, um sie in einer einzigen Institution zu bündeln“, sagt er. Außerdem zweifeln Fachleute wie der Kieler Institutspräsident Snower daran, dass Merkel mit den Vereinten Nationen ausgerechnet eine Institution mit zusätzlichen Aufgaben betrauen will, die sich „nicht immer als sehr effektiv erwiesen“ habe.

Das dürfte auch der Grund sein, warum sich der britische Premierminister Brown nicht ausdrücklich auf Merkels Vorschlag festlegen wollte. Und so ist bisher nur gewiss, dass es mit der Dominanz der G?8 wohl vorbei ist. Was an ihre Stelle tritt, ist alles andere als klar. In den nächsten zwei Monaten, bis zum globalen Finanzgipfel am 2. April in London, dürften die Leitungen zwischen den Regierungen heiß laufen.

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