Analyse

Was der Gipfel in Davos gegen die Krise bewirkt

Der Wirtschaftsgipfel der Unternehmenschefs und Regierungsführer ist eigentlich ein Abglanz alter Zeiten: Luxusempfänge fallen aus, die Teilnehmer üben sich anders als in Demut. Dennoch bietet der Gipfel die Chance zu einem Aufbruch zum Kampf gegen die weltweite Krise.

Davos hat viele große Momente erlebt. Augenblicke, in denen Weltgeschichte geschrieben wurde. 1987 forderte Hans-Dietrich Genscher in dem Alpenkurort: „Geben wir Gorbatschow eine Chance!“ Und auch auf dem Jahrestreffen 1994 wurde Geschichte geschrieben: Damals unterschrieben israelische Außenminister Schimon Peres und der Palästinenserführer Jassir Arafat einen Vertragsentwurf über Gaza und Jericho.

Davos 2009 wird wohl kaum derartig historische Momente schaffen. Zwar sprach am Mittwoch mit Wen Jiabao erstmals ein chinesischer Regierungschef am Eröffnungstag, gefolgt vom russischen Premier Wladimir Putin. Doch solche Auftritte sind zurzeit eher Orientierungshilfe für den illustren Zuhörerkreis, viel mehr nicht.

Dennoch hat gestern ein Alpengipfel der Superlative begonnen. 41 Staatschefs haben sich angemeldet, fast ebenso viele Finanzminister sowie ein gutes Dutzend Zentralbank-Gouverneure. Das gab es noch nie – auch wenn die US-Regierung nach ihrem Antritt vor einer Woche nicht vertreten ist. Die große Zahl an Politikern macht deutlich, worum es derzeit in dem Graubündener Luftkurort in etwas mehr als 1500 Metern über dem Meeresspiegel geht: Staatschefs wie Manager wollen ein Gefühl dafür gewinnen, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt. Ohnmächtig muss die Davoser Gipfelgemeinde in diesen Tagen verfolgen, wie auch noch so große Milliardenprogramme nicht dazu geeignet sind, die Kernschmelze im westlichen Finanzsystem und die davon ausgehende Rezession der Wirtschaft zu stoppen.

Davos wird damit zum Spiegelbild der globalen Befindlichkeit – wobei es die Konturen wie jedes Jahr stark überzeichnet. So, wie zur Jahrtausendwende Chefs von Internetfirmen keine Kosten scheuten, um auch mit dem Privatjet möglichst nah an den Alpenkurort heran zu fliegen, so steht dieses Davos im Zeichen der Bescheidenheit, vielleicht sogar der Demut. Manche Empfänge, wie der von Goldman Sachs beispielsweise, finden gar nicht erst statt. Und wenn es nur das wäre: Das World Economic Forum (WEF) hat im vergangenen Jahr zahlreiche Protagonisten verloren. Lehman-Brothers-Chef Richard Fuld, ein Stammgast in Davos, ist sogar zur Personifizierung des globalen Gier-Kapitalismus geworden.

Die äußerst nachdenkliche Stimmung, die sich schon am ersten Tag breitmachte, birgt eine Gefahr: Die globale Elite könnte sich in den nächsten Tagen in ihrem Pessimismus noch bestärken. Wenn die rund 2500 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien sich gegenseitig davon überzeugen, dass es noch schlimmer wird, dann wird es wohl auch so kommen. Die Krise an sich ist das alles beherrschende Thema. Die nächsten drei, sechs, neun Monate sind es, die Staats- und Unternehmenschefs gleichermaßen interessieren. „Ich weiß nicht“, ist ein Satz, der oft fällt, wenn es um die Aussichten für die kommenden Monate geht. Oder: „Wir müssen uns überhaupt erst einmal klar werden, was passiert ist.“ Irgendwann sei die Krise vorbei. Doch dann, so sind sich viele Teilnehmer, wird die globale Wirtschaftsordnung anders aussehen. Nur wie?

Kurzfristig drängen freilich Antworten auf andere Fragen gesucht: Wie groß ist die Gefahr, dass nun ganze Staaten von Investoren attackiert werden? Wie geht die Weltgemeinschaft damit um, wenn Länder auf einmal zahlungsunfähig werden? Und was wird aus dem Euro, wenn Peripheriestaaten wie Griechenland oder Portugal in die Bredouille geraten?

Auch wenn es mehr als genug Stoff für weitere Hiobsbotschaften gibt, dürfte den meisten Teilnehmern bewusst sein, dass von diesem Alpengipfel ein positives Signal ausgehen muss. Die Weltwirtschaft braucht dringend Zeichen, die Vertrauen schaffen. Manche sprechen bereits von einer Zäsur der Weltgeschichte wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als die großen Nationen in Bretton Woods eine neue Weltfinanzordnung erdachten. Die Zahl der anwesenden Regierungschefs und Unternehmer zeugt von der Erkenntnis, dass Alleingänge in dieser Krise ins Verderben führen. Reflexion und Kommunikation sind so wichtig wie selten zuvor in der 39-jährigen Geschichte des Weltwirtschaftsforums. Darin, und nicht in historischen Momenten, liegt in diesem Jahr der Wert von Davos.