Fall Radiohead

Selbst kostenlose Musik wird nur noch geklaut

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Michael Pilz

Im Herbst stellte die Band Radiohead ihr Album "In Rainbows" frei ins Netz. Jetzt liegt eine britische Studie vor: Die Nutzer luden sich die Musik trotzdem von illegalen Tauschbörsen herunter. Mit gespeicherter Musik kein Geld mehr zu verdienen. Daran sind die Plattenfirmen größtenteils selbst schuld.

Im Herbst hatte die Rockband Radiohead im Internet ihr neues Album gegen eine freiwillige Spende angeboten. So beflissen sich ihr Publikum bediente: Viel kam dabei nicht zusammen. Kaum noch jemand zahlt für aufgenommene Musik, wenn sie umsonst zu haben ist.

Weil Radiohead mit ihrer großzügigen Geste das Geschäft mit Platten und Konzertkarten beflügelten, betrachtete die Plattenindustrie das Treiben nicht mit Wohlwollen aber als Testballon. Nun ist der Testballon geplatzt. Und diesmal wohl endgültig: Die MCPS, die Mechanical Copyright Protection Society, teilt mit: Das Radiohead-Album „In Rainbows“ wurde häufiger von illegalen Tauschbörsen geladen als von der legalen Webseite der Band.

Die Gesellschaft der MCPS kümmert sich wie die deutsche Gema um verwertungsrechtliche Aspekte der Musik. Die Studie dürfte also nicht in ihrem Sinne ausgewertet worden sein. Die Studie sagt: Allein BitTorrent, ein Programm, das die gemeinsame Verwendung von Dateien ermöglicht, sorgte in den ersten drei „In Rainbows“-Wochen für 2,3 Millionen Raubkopien. Warum? Man weiß es nicht. Man weiß nur, dass die ehemaligen Konsumenten lieber klauen wie gewohnt, als mit Musik beschenkt zu werden.


Und vor allem weiß man nun: Das Fundament der Plattenindustrie, der Handel mit gespeicherter Musik, ist nicht zu retten. Nicht durch digitale Rasterfahndung und zur Abschreckung verklagte Gymnasiasten. Nicht durch knallharte Kopierschutzmaßnahmen. Vor allem nicht durch die Verheißungen benutzerfreundlicher und preiswerter Portale für den zukunftsweisenden Musikkonsum.

Die Plattenindustrie hat ihre Käuferschichten nicht erst im vergangenen Herbst verloren. Weder iPods noch mobile Telefone haben die Musik entwertet. Sondern leitende Angestellte größerer Plattenfirmen, die Musik in besseren Geschäftsjahren verkauft haben wie Software.

Dass Musik an sich noch immer über allen anderen Künsten schwebt, zeigt nicht zuletzt die Studie für die britische MCPS. Es wird auch für Musik bezahlt, mitunter mehr als je zuvor. Zum Beispiel, um die Rockband Radiohead beim Musizieren in Konzerten zu besuchen. Wieso die vergängliche Musik der Menschheit heute kostbarer erscheint, als jederzeit verfügbare? Weshalb man Aufnahmen nicht einmal mehr geschenkt will? Und warum verschwundene Schuldgefühle offenbar verschwunden bleiben? Darüber muss sich die Plattenindustrie Gedanken machen.