Sucht im Büro

Viele Manager fallen dem Alkohol zum Opfer

Fünf Prozent der deutschen Angestellten sind alkoholabhängig. Doch Suchtprobleme werden am Arbeitsplatz häufig tabuisiert. Firmen tun aus Angst vor dem Imageschaden meist alles, um die Trunksucht ihrer Mitarbeiter zu verschleiern. Ein Fehlverhalten, das Betroffene und Arbeitgeber teuer zu stehen kommt.

Foto: infor_sql / Okapia

Die Sucht kam heimlich und schleichend. Immer hatte sich Claus Janssen* unter Kontrolle gehabt. „Alkohol sollen mal die anderen trinken“, dachte er in jüngeren Jahren. „Ich bleibe nüchtern, das kommt viel besser bei den Mädels an.“ Und es sollte viele Jahre dauern, bis er – inzwischen Chef von 15 Leuten bei einer oberen Verwaltungsbehörde – begriff, dass ausgerechnet er, der Sportliche, der ewig Kontrollierte, dem Alkohol zum Opfer gefallen war.

„Leistest Du was, dann bist Du was“, von klein auf war dies sein Leitmotiv, und die Rechnung ging auf: Von der mittleren Reife ging es nur noch bergauf. Seine Kumpels machten eine Lehre, er kriegte den Beamtenjob, wanderte hoch in die oberen Sphären der Stadtverwaltung, wurde Abteilungsleiter, mit 15 Leuten unter sich – und mit dem Erfolg kam die Sucht.

Bier, Wein, Grappa. „Ich brauchte das, um zu entspannen.“ Erst ein Glas, dann zwei, immer mehr, und hatte er den Alkohol nicht im Glas, so doch immer im Kopf, wohl 15 Jahre lang. „Man muss mir das angesehen haben“, sagt er heute, und der 64-Jährige mit dem gepflegten Anzug, dem ordentlich gescheitelten Haar, hat wohl wenig gemein mit dem Kollegen von damals. Mit trübem Blick hangelte er sich durch den Tag, mit rotem Gesicht, die Stimmung gereizt, je länger der Feierabend auf sich warten ließ. „Doch die Kollegen schauten nur, ob ich die Arbeit schaffte.“ Das Leiden dahinter, sein alltägliche Kampf mit der Sucht, waren tabu.

Die Ignoranz seiner Chefs und Kollegen, die Janssen erlebte, ist in deutschen Unternehmen fast alltäglich. Schätzungen zufolge sind im Schnitt fünf Prozent der Angestellten in einem Betrieb alkoholabhängig, und verursachen ihren Arbeitgebern meist erhebliche Kosten durch Fehlzeiten, Unfälle und verminderte Leistungsfähigkeit.

Suchtexperten zufolge ist das Problembewusstsein darüber bei vielen Unternehmen dennoch viel zu wenig entwickelt. „Zwar sind Betriebe heute weit stärker sensibilisiert für das Thema Sucht als noch in den 80er-Jahren“, sagt Bernd Sprenger, Chefarzt der Oberbergkliniken Berlin-Brandenburg, die sich auf die Behandlung von Suchtkranken spezialisiert haben. „Doch mit dem allerseits steigenden Wettbewerbsdruck neigen die Betriebe wieder stärker dazu, derlei Probleme zu tabuisieren.“

Alkoholiker kosten die Firmen viel Geld

Ein Fehlverhalten, für das die Unternehmen in der Regel teuer bezahlen müssen. Denn die 1,3 Millionen Alkoholabhängigen, von denen die deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) deutschlandweit ausgeht, belasten nicht nur das Gesundheitssystem mit geschätzten rund 20 Milliarden Euro pro Jahr. Auch wenn sie in der Regel viel Kraft aufwenden, um ihre Sucht zu kaschieren, sind sie auch ein extremes wirtschaftliches Risiko: „Sei es durch steigende Fehlzeiten, durch das erhöhte Unfallrisiko oder durch verminderte Leistungsfähigkeit“, sagt Theo Baumgärtner vom Hamburger Büro für Suchtprävention. „Alkoholkranke belasten die Firmen allem voran auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht.“

Dies wollte Claus Janssen über all die Jahre hinweg niemals wahrhaben. Obwohl er Feierabends zusehends mehr Bier heranschaffen musste, um wirklich entspannen zu können, so viel, dass der Kater, der verzweifelte Wunsch nach mehr auch am Tag drauf noch zu sehen waren, „blieb das Gefühl, alles im Griff zu haben.“ Erst im Nachhinein sei ihm klar geworden, dass er „sicher falsche Entscheidungen getroffen hatte, auch Anweisungen gegeben, die nicht immer in Ordnung waren.“

Da Unternehmen aus Angst vor dem Imageverlust meist alles tun, um etwaige Alkoholprobleme ihrer Mitarbeiter zu verdecken, sind verlässliche Daten kaum erhältlich. Suchtexperten verweisen jedoch unisono auf Schätzungen, denen zufolge ein alkoholkranker Mitarbeiter nur höchstens drei Viertel seiner gewohnten Arbeitsleistung bringt, vier Mal so häufig in Unfälle verwickelt und fast dreimal so häufig krank ist. „Da ist es nicht unbedingt reine Nächstenliebe, wenn sich Unternehmen beginnen, dieses Thema ernst zu nehmen“, sagt Baumgärtner.

Psychologen helfen den Trinkern

Nicht umsonst lassen sich heute viele Firmen in Sachen Suchtprävention coachen, oder beschäftigen sogar hauptamtlich Psychologen, die sich der Drogenaffinität ihrer Mitarbeiter widmen – etwa Daimler-Chrysler, Siemens oder die Lufthansa. Suchtexperte Sprenger von den Oberbergkliniken beobachtet dennoch in der Praxis des Arbeitsalltags eine „gewisse Doppelbödigkeit“: „Da wird die Sucht dann zu oft nicht als Krankheit angesehen, sondern als Fall von charakterlichem Versagen.“ Und im schlechten Fall missachtet, im besten Fall großmütig ignoriert.

Dabei senden Alkoholkranke, anders als etwa Medikamentenabhängige, durchaus Signale, die Kollegen misstrauisch machen müssten. Die DHS verweist auf eine ganze Reihe von Auffälligkeiten im Arbeits- und Sozialverhalten sowie im Erscheinungsbild – vom aufgedunsenen Gesicht über zitternde Hände, von der Fahne über zeitweise Aggressivität bis hin zu unentschuldigtem Fehlen und Unzuverlässigkeit. Das große Problem ist Suchtexperten zufolge dabei nicht, dass die Kollegen diese Signale nicht verstünden, „sondern dass sie wegschauen, um nicht handeln zu müssen“.

Dadurch geht viel kostbare Zeit verloren. Betroffene können sich ungestört weiter etwas vormachen. Morgens, erinnert sich Janssen, wenn er verkatert vorm Spiegel stand, schwor er sich „heute trinke ich definitiv nichts.“ Mittags hieß es dann „ach, vielleicht doch“, „und kaum war ich zu Hause, hatte ich das erste Bierchen intus.“

Unternehmen kommt eine Schlüsselrolle zu bei der Überwindung der Sucht

Erst als ihn die Polizei nachts aufgriff, weil er volltrunken einen Unfall verursacht hatte, wurde ihm klar, dass er allein „nicht mehr aus der Nummer raus“ kam. Jahre lang hatte er gegenüber seiner Frau alles abgestritten: „Dann habe ich sie um Hilfe gebeten“, sagt er heute. „Ich, der immer alles alleine konnte, das war vielleicht der schwerste Schritt.“

Es war zugleich der Wichtigste, denn Psychiatern zufolge müssen Suchtpatienten vor allem verstehen, dass ihre Abhängigkeit nur das Symptom für ein inneres Problem ist. Gerade auf Leistung getrimmten Menschen fiele es schwer, diese Schwäche einzugestehen.

In der Tat liegt die eigentliche Arbeit beim Suchtkranken, wenn es darum geht, die Sucht zu überwinden. Doch gerade Unternehmen kommt eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, das Problem möglichst frühzeitig zu erkennen. Nicht immer tun die Kollegen das Richtige: „Aus Mitleid und falsch verstandenem Teamgefühl versuchen Mitarbeiter fälschlicherweise, die aus der Sucht resultierenden Fehler des Alkoholkranken aufzufangen“, warnt Suchtexperte Baumgärtner. „Sie meinen es gut, und erreichen doch das Gegenteil.“

Speziell auf Unternehmen zugeschnittene Suchtpräventionsprogramme raten den Personalverantwortlichen in den Firmen vielmehr zu schonungsloser Offenheit im Umgang mit Drogenproblemen. In einem Vier-Augen-Gespräch soll Hilfe angeboten, aber auch mit Entlassung gedroht werden, wenn bestimmte Zielvereinbarungen wiederholt nicht erfüllt werden. Hemmschwellen seien nachvollziehbar, aber nicht berechtigt: „In der Regel reagieren die Betroffenen sehr positiv“, so Baumgärtner. „Wenn man ihnen die Folgen ihrer Sucht klar macht, hilft ihnen das, ihr meist verdrängtes Suchtproblem auch tatsächlich anzugehen.“

Wer sich seiner Sucht stellt, hat dabei gute Chancen, der Abwärtsspirale zu entkommen. Mehr als der Hälfte ihrer Patienten gelänge es, ihre Sucht langfristig in den Griff zu bekommen, heißt es bei den Oberbergkliniken. Entscheidend dafür sei nicht zuletzt, dass sich die Patienten den nötigen körperlichen und emotionalen Ausgleich holten, Pausen beanspruchten und lernten, souverän mit ihrer Suchtkrankheit umzugehen.

Steinig ist der Weg bis dahin dennoch. 52 war Janssen, als er von einem Tag auf den anderen entschied, aufzuhören mit dem Alkohol. Der körperliche Entzug dauert kurz, dank Selbsthilfegruppe und Paartherapie. Er lernte so langsam, auch seine süchtige Seele in den Griff zu bekommen. „Heute bin ich frei“, sagt er. Noch immer ist der 64-Jährige Abteilungsleiter und Chef von 15 Mitarbeitern – und seit zwölf Jahren trocken.

*Name geändert

Hintergrund: Manager sind besonders gefährdet

Generell sind Suchtprobleme quer durch alle Hierarchieebenen von Unternehmen existent, doch schon qua Jobbeschreibung gelten gerade Führungskräfte als besonders gefährdet, in eine Drogenkarriere zu schlittern. „Gerade narzisstisch veranlagte Menschen, deren Ego extrem auf Anerkennung und eine gute Außendarstellung angewiesen ist, tendieren zum Konsum von Drogen“, sagt Götz Mundle, Psychiater und Geschäftsführer der Oberbergkliniken, die sich auf die Behandlung von Suchtpatienten spezialisiert haben.

Verlässliche Angaben darüber, wie viele Manager tatsächlich Tag für Tag im Büro ihre Sucht kaschieren müssen, gibt es schon deswegen nicht, weil Suchtprobleme aus Angst vor Imageverlust zu den bestgehüteten Geheimnissen von Unternehmen gehören. Doch immer wieder kursieren Geschichten von Investmentbankern, Managern, Unternehmenschefs, die ihr Ego zunächst nur vereinzelt mit Alkohol, Beruhigungs- oder Aufputschmitteln füttern - und schließlich in die Abwärtsspirale der Sucht geraten.


Aufgrund des omnipräsenten Leistungsdrucks in den Führungsetagen, dem Zwang zu ständiger Erreichbarkeit und maximaler Flexibilität ist die Versuchung für Topmanager Experten zufolge heute grundsätzlich größer als früher, die eigene Leistungsfähigkeit durch Drogen zu unterstützen – sei es nun durch Alkohol, Medikamente oder illegale Drogen wie Kokain. „Kommen dann noch Probleme hinzu – eine zerbrochene Ehe, Misserfolge im Job, Einsamkeit – dreht sich die Spirale weiter“, sagt Mundle. Dann steigt das Risiko, das zuvor gelegentlich eingesetzte Drogen immer öfter konsumiert werden, bis hin zur Abhängigkeit.

Der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zufolge sind 1,3 Millionen Menschen hier zu Lande alkoholabhängig, doppelt so viele Männer wie Frauen. Mindestens eine Million soll medikamentenabhängig sein, weitere Hunderttausende konsumieren Opiate, Kokain oder Ecstasy.