Late Night: Anne Will

Wie Oskar Lafontaine die Finanzkrise vorhersah

Vielleicht sind es auch alle ein bisschen leid, die Finanzkrise und die Zukunft des Kapitalismus zu diskutieren. Ungewohnt harmonisch zeigten sich die Gäste von Anne Will. Hitziger wurde es nur bei einer Frage: Wer hat das alles schon viel früher geahnt und wurde nur nie erhört? Oskar Lafontaines Antwort: Na, die Linken, natürlich.

Alle haben sich damit abgefunden: Die Finanzkrise ist da und geht auch nicht mehr von allein weg. Das von der Regierung geplante Maßnahmenpaket, das CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Volker Kauder bei „Anne Will“ schon mal vorab vorstellte, wurde deshalb auch im Großen und Ganzen von fast allen schlichtweg durchgewinkt.

Bürgschaften, um das Vertrauen wieder herzustellen, mehr Eigenkapital für die Banken: Unternehmensberater Roland Berger fand kaum etwas auszusetzen, Linken-Parteichef Lafontaine hielt das alles für „unvermeidlich“.

Edgar Most, einst bei der Staatsbank der DDR, später im Vorstand der Deutschen Bank, war erleichtert, dass endlich etwas passiert: „Ich hatte in den letzen zwei Wochen den Eindruck, wir verwalten die Krise und bekämpfen sie nicht.“ Und auch DGB-Chefökonom Dierk Hirschel befand: „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird der Abschwung noch tiefer und dauert noch länger.“

Einig war man sich auch bei der hauptsächlichen Crux der Finanzkrise: Das Vertrauen ist weg und muss wieder her. Deutschland habe keine Finanz-, sondern eine Vertrauenskrise, sagte Kauder. Und dass die Konjunktur wenn möglich wieder angekurbelt werden soll – dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

Stattdessen gab es durchaus konkrete Vorschläge, um die Finanzkrise zu überwinden: Most setzte darauf, nicht verwendetes Geld in ein Konjunkturprogramm zu stecken. Hirschel forderte mehr Einfluss auf die Geschäftspolitik der Banken. Berger wollte mehr gestandene Bankmanager statt Politiker in den Vorständen. Zum richtigen Zankapfel taugte scheinbar nichts.

Auch Fraktionschef Kauder hatte schon eine sehr konkrete Vorstellung: Eine Bank, die staatliche Hilfe in Anspruch nehme, müsse auch mit massiven Einschränkungen rechnen. „Deswegen werden wir in dieser Woche noch das Aktiengesetz ändern müssen. Überall dort, wo wir etwas tun, werden wir auch das Vergütungssystem der Führungsetage verändern“, kündigte Kauder für das Rettungspaket an. Den Managern geht es also an die Gehälter.

Das Paket in Höhe von rund 400 Milliarden soll laut Kauder umgehend beschlossen werden. Es beinhalte unter anderem Staatsbürgschaften, um den Kredit-Verkehr zwischen den Banken wieder in Gang zu bekommen. „Wir wollen das Vertrauen, das Banken zueinander nicht mehr haben, wieder herstellen. Allerdings, so betonte Kauder, solle das Hilfspaket kommenden Jahres auch schon wieder auslaufen. So lange hätten die Banken Zeit, sich wieder zu stabilisieren.

Von da an konnte sich Oskar Lafontaine nicht mehr zurückhalten. Als dann auch noch ein Filmchen über ihn gezeigt wurde, in dem es hieß, dass Lafontaine als Mitglied des KfW-Verwaltungsrats lieber an einer Wahlkampfveranstaltung als an einer Sitzung der Bank teilnahm, war der Damm gebrochen. „Sie sind bei mir an der falschen Adresse“, triumphierte Lafontaine – und zählte gleich mal auf, was die Linken gleich von Anfang an richtig entschieden hatten. Und überhaupt versuchte Lafontaine jetzt einen Stich zu setzen: Hat Kauder nicht im Bundestag gerade die Begrenzung der Managergehälter – wie von den Linken vorgeschlagen – abgelehnt, die die Regierung jetzt angehe?

Das sei nur mal wieder eine populistische Aktion nach dem Motto „den Reichen an den Kragen gehen“ gewesen, konterte Kauder über den damaligen Vorschlag. „Es interessiert die Menschen nicht, wer was in der Vergangenheit gesagt hat.“

Was die Menschen im Studio letztendlich interessierte, zeigte sich bei den Zuschauerreaktionen. Empört wurde geraunt, als von Lafontaines Abwesenheit bei der KfW-Sitzung die Rede war.

Applaus gab es für Dierk Hirschels Vorwurf, eine Unterstützung der Banken ohne Gegenleistung sei „größtmögliche Steuerverschwendung“. Roland Berger hatte das Publikum auf seiner Seite, als er mehr Transparenz von den Banken forderte, damit „Kunden nicht auf Berater- und Verkäufergeschwätz hereinfallen.“ Als Kauder dafür einstand, dass ein Staat nicht mehr ausgeben dürfe als er einnehme, gab es ebenfalls Beifall.