Finanzkrise

Wie die Bankenwelt um ihre Zukunft ringt

Ein Jahr nach der Beinahe-Pleite der IKB ist die Finanzkrise noch lange nicht ausgestanden. Viele Banken sind auf der Suche nach neuen tragfähigen Geschäftsmodellen. Denn in der Folge der Krise sind bei etlichen Instituten ein großer Teil des Geschäfts weggebrochen – und neue Schreckensmeldungen drohen.

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Es waren 303 Wörter, die die Bankenlandschaft in Deutschland verändern sollten. Gerhard Hofmann hörte davon auf einem Kreuzfahrtschiff, irgendwo im Mittelmeer. Und ließ sich erst mal nicht die Urlaubslaune verderben. „Es hat zunächst ja noch relativ harmlos ausgesehen“, erinnert sich der Vorstand des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) heute.

Doch hinter der kurzen Meldung mit der lapidaren Überschrift „KfW stärkt IKB“, die am 30. Juli 2007 über die Nachrichtenticker lief, verbarg sich ein Debakel. Der Mittelstandsfinanzierer hatte sich am amerikanischen Hypothekenmarkt verspekuliert. Und dies in derart großem Stil, dass der Steuerzahler, die Staatsbank KfW und die Bankenverbände die marode IKB bis heute mit mehr als 8,5 Mrd. Euro stützen mussten. Auch Hofmanns Genossenschaftsbanken mussten einen dreistelligen Millionenbetrag aufbringen. „Diese ganze Dramatik“, sagt er, „war damals nicht im Ansatz abzusehen.“


Der Beinahe-Zusammenbruch der IKB war paradox: Die Finanzkrise, die das Institut erfasste, hatte ihren Ursprung in Amerika – doch in Düsseldorf ging eine deutsche Bank in die Knie. Die Turbulenzen um zweitklassige Eigenheim-Hypotheken (Subprime) haben nicht nur offenbart, wie eng die Finanzbranche weltweit vernetzt ist, sondern auch, welche Schwächen gerade die deutsche Bankenlandschaft prägen. Auch wenn die Krise inzwischen ihr Mutterland USA fest im Griff hat – Deutschland hat sie deswegen längst nicht losgelassen. Ganze Geschäftskonzepte von Banken sind plötzlich nur noch für den Papierkorb. Viele Institute werden sich neu erfinden müssen – jenseits wie diesseits des Atlantiks.


Von Entspannung ist auch ein Jahr nach Ausbruch der Krise wenig zu spüren. „Ein klares Bild über den Zustand der Banken werden wir wahrscheinlich frühestens Mitte des Jahres 2009 haben“, sagte Joachim von Schorlemer, Deutschlandchef der französischen Großbank BNP Paribas, dem Nachrichtenportal Morgenpost Online. Bis dahin drohen immer neue Schreckensmeldungen. Rund 254 Mrd. Euro haben die Banken weltweit bisher auf Kredite abgeschrieben, die in unübersichtlichen Verpackungen über die ganze Welt verstreut waren. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass sich die Abschreibungen letztlich auf bis zu eine Billion Dollar summieren werden. „Die Finanzbranche hat sich noch nicht einmal im Ansatz von der Krise freigeschwommen“, sagt Stephan Illenberger, Mitglied der Geschäftsleitung der Beteiligungsgesellschaft Axa Private Equity. „Die zweite Welle kommt erst noch.“

IKB hat noch immer kein rettendes Ufer vor Augen

Und die IKB steckt mitten drin in diesem Strudel. Nach dem Beinahe-Untergang vom Sommer 2007 stand die Bank wiederholt kurz vor dem Aus, nur mit neuen Milliardenhilfen konnte sie gerettet werden. Und noch immer hat die Bank kein rettendes Ufer vor Augen.

Für mögliche weitere Abschreibungen würde zwar größtenteils die KfW aufkommen. Doch dafür ist unklar, womit die IKB in Zukunft ihr Geld verdienen will. Langfristige Kredite an Mittelständler warfen für die Bank schon vor der Krise nicht genug zum Überleben ab. Die Bilanz schönten riskante Schuldtitel – und davon wendet sich nun die ganze Finanzwelt mit Schaudern ab. „Der Markt für viele komplexe Kreditpapiere ist tot, weil sich zu viele Investoren die Finger verbrannt haben“, sagt der ehemalige IWF-Direktor Gerd Häusler, der heute für die Investmentbank Lazard arbeitet. Institutionelle Investoren fragten nur noch Produkte nach, die sie verstanden hätten. „Bis vor einem Jahr haben viele auch gekauft, wenn sie es nicht verstanden hatten, solange eine Ratingagentur ihr Gütesiegel draufgeklebt hatte“, sagt Häusler.

Auch Wall-Street-Banken stark von der Krise betroffen

Der Stimmungswandel trifft vor allem diejenigen, die mit den unübersichtlichen Strukturen gutes Geld verdient haben – die Wall-Street-Banken. Sie müssen nicht nur Milliarden abschreiben, sondern haben zusätzlich damit zu kämpfen, dass ein Großteil ihres Geschäfts einfach verschwunden ist. Als besonders anfällig gilt etwa die Bank Lehman Brothers, obwohl deren Führung eindringlich auf ihre solide Kapitalbasis verweist. „Es ist nicht abzusehen, wo die genug Erträge erzielen sollen, um ihre Kosten zu decken“, sagt ein Frankfurter Banker. Er geht davon aus, dass Lehman in spätestens zwölf Monaten kein eigenständiges Institut mehr sein wird. Das Haus könnte ein ähnliches Schicksal erleiden wie der Konkurrent Bear Stearns, der auf staatlichen Druck an die Großbank JP Morgan Notverkauft wurde.

Doch auch hierzulande bringen die Folgen der Krise etliche Geldhäuser um ihre Ertragsquellen. So waren sowohl die Deutsche Bank als auch die Allianz-Tochter Dresdner Kleinwort stark im Geschäft mit strukturierten Krediten engagiert. Während man es der Deutschen Bank zutraut, genug andere Geldquellen zu erschließen, hat die Allianz die Geduld mit der seit Jahren kriselnden Dresdner Kleinwort verloren: Die Kapitalmarktsparte ist der Hauptgrund dafür, warum die Allianz die Dresdner Bank zumindest teilweise loswerden will.

EU-Kommission prüft staatliche Beihilfen bei Landesbanken

Im Fokus stehen in Deutschland allerdings vor allem die Landesbanken. Ähnlich wie die IKB haben auch etliche der halbstaatlichen Institute ihre schwachen Renditen mit riskanten Investments aufgepeppt. „Die Landesbanken, die an ihren Wurzeln kein Geschäft aufgebaut haben, von dem sie leben können, neigen zu Engagements, die mit ihrer Ausrichtung eigentlich nicht vereinbar sind“, sagt Bankenprofessor Dirk Schiereck von der European Business School in Oestrich-Winkel. Das Ergebnis: Die SachsenLB stand vor dem Kollaps und konnte nur mit Milliardengarantien des Freistaats und einem Notverkauf an die Stuttgarter LBBW gerettet werden. Die WestLB und die BayernLB brauchten jeweils eine mehr als vier Mrd. Euro schwere Bürgschaft von Landesregierungen und Sparkassen. Ob sie damit über den Berg sind, ist allerdings offen: Die EU-Kommission prüft die Beihilfen aus Steuergeldern kritisch.

Das gilt auch für die IKB. Weil Brüssel bisher einen Freibrief verweigert, verzögern sich eine lebenswichtige Kapitalerhöhung und möglicherweise auch der Verkauf an private Investoren voraussichtlich bis Oktober. Zur Überbrückung muss erneut die Hauptaktionärin KfW einspringen. „Mit dem Wissen von heute hätten wir die Rettungsaktion nicht gemacht“, lamentierte die inzwischen zurückgetretene KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier bereits im Dezember.

Volksbanker Hofmann verteidigt dennoch die Hilfe: „Es gab damals keine Alternative“, sagt er. Schließlich hatten praktisch alle größeren Banken in Deutschland haufenweise Schuldverschreibungen der IKB in ihren Tresoren liegen – bei einer Pleite wären sie wertlos geworden. Dazu, so die Befürchtung, wäre ein Schock für den gesamten Kapitalmarkt gekommen, wenn eine staatsnahe Bank plötzlich zusammengeklappt wäre. „Auch wenn es unglaublich klingt“, sagt Bankenprofessor Schiereck, „für die Gesamtwirtschaft war die Rettung wahrscheinlich die 8,5 Mrd. Euro wert, die sie bisher gekostet hat.“ Doch definitiv werden Banker wie Steuerzahler das nie erfahren.