Warenhaus-Kette

Britischer Aktionär stürzt Hertie in die Krise

Zittern beim deutschen Traditions-Warenhaus: Hertie droht in die Krise seines britischen Mehrheitsaktionärs Dawnay Day zu geraten. Denn der hat akute Geldsorgen – und könnte das deutsche Unternehmen nun verkaufen oder zerschlagen. 4100 Arbeitsplätze sind bei Hertie bedroht.

Die Einschläge kommen offenbar immer näher – doch das Management von Hertie hüllt sich ebenso in Schweigen wie das der britischen Eigentümer. Die Kette mit 72 früheren Karstadt-Warenhäusern kommt immer mehr in Schwierigkeiten, seit der Haupteigentümer Dawnay Day als Folge der Kreditkrise bei anderen Immobilien-Geschäften Millionen verloren hat und Geld braucht. Das Unternehmen aus dem Londoner West End befindet sich in einer Art Vorstufe des Insolvenzverfahrens.

Damit wird es auch eng für Hertie und dessen verbliebene 4100 Mitarbeiter. Die Briten könnten in ihrer Not versuchen, die Immobilien, in denen die Warenhäuser untergebracht sind, zu Geld zu machen. Hertie könnte abermals verkauft oder gar zerschlagen werden. Rund 700 der einst 4800 Stellen wurden bereits abgebaut.


Denn die Geschäfte des verschwiegenen Unternehmens laufen nicht gerade blendend. Hertie, dessen größte Produktgruppe die Textilien sind, leidet an der allgemeinen Branchenschwäche ebenso wie an hausgemachten Problemen. Geschäftspartner von Hertie berichten bereits von unbezahlten Rechnungen. Geschäftsverbindungen wurden deshalb bereist beendet. Lieferanten arbeiten inzwischen mit doppelten Sicherungen. Einige haben längst für die Zeit geplant, in der es Hertie als ihren Kunden nicht mehr gibt. Unbestätigten Meldungen zufolge wollen Kreditversicherer für Hertie-Lieferungen ab August keine Garantie mehr übernehmen. Immer wieder gehen dem Warenhaus zudem Waren aus – unklar allerdings ist, ob der Grund dafür ein Problem mit der unzureichenden Datenverarbeitung, mit der Logistik oder schlichtweg mit der Zahlungsfähigkeit ist.

Zu allen diesen Informationen schweigt Hertie: „Kein Kommentar“. Eine PR-Agentur verbreitet nur, dass „alle Bereiche normal laufen“ – was immer das auch bedeuten möge. So gibt es auch keine Stellungnahme zum offenen Geheimnis, dass Hertie seinem Haupteigentümer Dawnay Day eine Miete zahlen muss, die deutlich über dem Branchendurchschnitt liegt. „Nur durch diese hohe Miete funktioniert das Geschäftsmodell der Briten. So lange Hertie dieses Geld aufbringt, ist denen das Geschäft von Hertie völlig egal. Die verstehen gar nichts vom deutschen Einzelhandel“, sagt ein Firmenkenner.

Noch erwirtschaftet die Kette die hohe Miete offenbar. Doch seit der Übernahme durch Dawnay Day und die ebenfalls britische Hilco 2005 rauscht der Umsatz in den Keller. 2004, als die Zahl letztmals veröffentlicht wurde, lag der Umsatz bei 680 Mio. Euro, inzwischen soll er auf einen Wert zwischen 500 und 550 Mio. Euro abgerutscht sein. Auch der Verluste, die 2004 noch 30 Mio. Euro betragen haben, dürften sich eher vergrößert haben.

2005 herrschte noch großer Optimismus

2005 hatte die Geschäftsführer Harald Fölkel und Ralf Dettmer voller Optimismus bereits schwarze Zahlen für das Jahr 2006 ebenso angekündigt wie eine baldige Expansion. Bisher jedoch gibt es weder Gewinne noch zusätzliche Häuser – im Unternehmen gibt es nicht einmal mehr Fölkel und Dettmer. Mit ihrer Abberufung 2007 begann ein steter Topmanager-Wechsel. Im Februar musste auch Kay Hafner, der Vorsitzende der Geschäftsführung, gehen. Vor wenigen Tagen demissionierte schließlich Vertriebschef Claus Cord Ernst. Der Name des Hilco-Managers Paul McGowans, der nach dem Hafner-Abgang als Nachfolger genannt worden war, findet sich heute schon nicht mehr auf der Hertie-Homepage.

Branchenkenner bewerten die Zukunftschancen von Hertie auch deshalb skeptisch, weil das Konsumumfeld immer schwieriger wird und die Deutschen ihr Geld zusammen halten. Gerade die Textilhändler und die Warenhäuser – Hertie ist beides – spüren das in Umsatzrückgängen. Selbst der große Konkurrent Karstadt hat sich am Freitag nach nur zwei Jahren von seinem Chef Peter Wolf getrennt. Elf große Karstadt-Häuser, die die Erwartungen an Umsatz und Gewinn seit längerem nicht erfüllen, stehen dort bis Ende September auf dem Prüfstand – sie könnten verkauft oder geschlossen werden.

Die Mitarbeiter des kleinen Konkurrenten Hertie schauen sorgenvoll zum früheren Schwesterunternehmen Wehmeyer. Die Textilkette, die bis vor drei Jahren ebenso zu KarstadtQuelle gehört hatte wie Hertie und Sinn-Leffers, musste Anfang Juli bereits Konkurs anmelden. Die Geschäfte beim Textilhändler laufen weiter, bis September werden die 1000 Mitarbeiter über das Insolvenzgeld bezahlt, während der Insolvenzverwalter nach Käufern sucht. Auch hier hat der neue Eigentümer nicht genug Geld in die Hand genommen, um die marode Kette wirklich wettbewerbsfähig zu machen.

Die Turbulenzen bei Hertie machen die Aufgabe nicht leichter, die 39 Wehmeyer-Häuser zu einen vernünftige Preis verkaufen. Denn Investoren spekulieren jetzt darauf, dass bald auch noch Hertie-Häuser auf den Markt kommen. „Alle am Markt halten erst einmal ihr Pulver trocken und beobachten sehr genau, wie es mit Hertie weitergeht“, sagt ein Firmenkenner. Auch beim Düsseldorfer Handelskonzern Metro dürfte man die Entwicklung mit Sorge sehen, dass es bald möglicherweise ein Überangebot an Warenhäusern auf dem Verkaufsmarkt gibt. Denn auch Metro will seine 113 Kaufhof-Häuser loswerden.