Arbeitsmarkt

Meldungen über Jobabbau verzerren die Realität

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Ileana Grabitz und Jens Hartmann

Als hätten sie sich abgesprochen, kündigen Siemens, Henkel und andere Unternehmen umfangreichen Stellenabbau an. Doch der erste Eindruck täuscht – der Auftakt für eine Kündigungswelle ist das nicht. Tatsächlich sieht es auf dem Arbeitsmarkt ausgesprochen positiv aus.

Fast schien es, als hätten sie sich abgesprochen, die Volksseele mit einer konzertierten Aktion zum Kochen zu bringen: Nachdem Siemens Anfang der Woche ankündigte, in Deutschland 5 250 Stellen abzubauen, verging kaum ein Tag ohne ähnliche Meldungen. Beim Konsumgüterkonzern Henkel, so wurde bekannt, sollen 1000 Mitarbeiter am Standort Deutschland gehen. Heidelberger Druck will 500 Arbeitsplätze streichen, und der Düngemittelhersteller K+S kündigte an, trotz des guten konjunkturellen Umfelds Jobs abzubauen. Und dabei ist es nicht einmal vier Monate ist es her, dass große Konzerne wie Continental und BMW schon einmal die Öffentlichkeit mit der Ankündigung von Massenentlassungen aufschreckten.

Dass diese Meldungen der Auftakt sein könnte für eine nachhaltige Welle von Stellenstreichungen, wollen Arbeitsmarktexperten dennoch nicht bestätigen: "In Zeiten der Globalisierung müssen sich Unternehmen verschlanken, um wettbewerbsfähig zu bleiben", sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Ähnlich argumentiert sein Kollege vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Holger Schäfer: Die Entwicklung am Arbeitsmarkt sei nach wie vor "sehr robust". Die jüngst bekannt gewordenen Streichungen seien Einzelfälle, die wegen der Häufung verstärkt wahrgenommen würden.


Während die Schreckensmeldungen einiger Unternehmen das Land verunsichern, ist die Realität auf dem Arbeitsmarkt eine andere. Laut IW lag die Zahl der Arbeitsplätze im Mai um 600.000 über dem Vorjahreswert. Und tatsächlich gehen viele Jobs, die an einer Stelle abgebaut werden, nicht zwangsläufig verloren. Um sich fit zu machen für den globalen Markt, verschlanken sich Konzerne zwar tendenziell, was Arbeitsplätze kostet - gleichzeitig geben sie aber Tätigkeiten an Zulieferer ab, die ihre Belegschaft aufstocken. "Es findet eine Verschiebung von Beschäftigung statt, von den Großen hin zum Mittelstand", sagt Stephan Scholtissek, Deutschland-Chef der Beratungsgesellschaft Accenture.

So werden Stellen oft nicht vernichtet, sondern nur ausgelagert. Und selbst bei vielen großen Unternehmen sieht die Lage keineswegs so trostlos aus, wie die jüngsten Meldungen nahelegen. So will die Lufthansa im laufenden Jahr 4300 Mitarbeiter einstellen. Die Allianz plant nach einer Abbauphase, 2000 neue Vertriebsposten zu schaffen, und der Technologiekonzern Schott avisiert allein in Deutschland 500 Neueinstellungen. Nur erfährt die Öffentlichkeit davon in der Regel nichts: "Über Stellenabbau wird gerne berichtet, da er die Sorgen der Bürger trifft", sagt Scholtissek. "Über Stellenaufbau nicht."

Fraglich ist zwar dennoch, warum Schreckensmeldungen oft gebündelt auf die Öffentlichkeit einprasseln. Dass Unternehmen gern "im Windschatten von anderen segeln und leise eigene Abbaupläne verkünden, um weniger Kritik zu ernten", wie es ein PR-Berater formuliert, ist aber nur ein Teil der Wirklichkeit.

Am Ende zwingt auch der Kapitalmarkt die Firmen zur Aufrichtigkeit: Wegen der Berichtspflicht, der zufolge Aktiengesellschaften "ihre Anleger zum Quartalsende über alle relevanten Neuigkeiten informieren müssen", wie Dietrich Neumann, Europa-Chef von ATKearney erläutert.