Ein Liter kostet 1,60 Euro

Benzin in Deutschland so teuer wie nie zuvor

Die Spritpreise in Deutschland haben neue Höchststände erreicht. Ein Liter Superbenzin kostete nach Angaben aus der Mineralölwirtschaft im Bundesdurchschnitt 1,60 Euro. Ein Liter Diesel kostete 1,56 Euro. Die horrenden Kraftstoffpreise gefährden inzwischen deutsche Arbeitsplätze. Aber nicht in der Fahrradbranche: Die verkauft mehr - wegen der Spritpreise.

Die Autofahrer in Deutschland müssen einen neuen Spritpreisschock hinnehmen. Der Preis für Superbenzin kletterte am Freitag auf ein neues Allzeithoch von 1,60 Euro pro Liter im Bundesdurchschnitt. Ein Liter Diesel kostete nach Angaben aus der Mineralölwirtschaft 1,56 Euro, ebenfalls ein Rekord. Dagegen sank der Rohölpreis wieder unter 145 Euro. Superbenzin hatte seinen letzten Höchststand am 25. Juni mit 1,562 Euro pro Liter erreicht, war seitdem aber im Preis wieder gesunken. Der letzte Spitzenwert für Diesel liegt noch länger zurück: Ende Mai hatte der Literpreis bei 1,53 Euro gelegen.

Die hohen Kraftstoffpreise bedrohen nach einer Umfrage der „Bild“-Zeitung unter Branchenverbänden in der deutschen Wirtschaft bis zu 140.000 Arbeitsplätze. Nach der Umfrage müssen vor allem Beschäftigte im Taxi- und Transportgewerbe bangen, weil viele Firmen die hohen Benzinkosten nicht mehr bezahlen können und beim Personal einsparen müssen. Nach Angaben des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands (BZP) sind im Taxigewerbe bis zu 50.000 der rund 200.000 Arbeitsplätze bedroht.

In der Transportbranche könnten laut Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik (BGL) bereits nach der Sommerpause rund 30.000 der knapp 600.000 Arbeitsplätze wegfallen. Betroffen wären Lkw-Fahrer sowie Angestellte im kaufmännischen Bereich. Wie die Zeitung weiter schreibt, drohen auch in Bus-Unternehmen, Fahrschulen, der Fischerei-Branche und in Kfz-Betrieben Entlassungen wegen des hohen Kostendrucks. Darüber hinaus sei auch bei Kurier- und Postdiensten mit dem Abbau von Arbeitsplätzen zu rechnen.

Volkswagen stoppt neues Modell

Volkswagen teilte ausdrücklich unter Hinweis auf steigende Benzinpreise und die Klimadiskussion mit, der Konzern verzichte auf den Bau eines geschlossenen Pick-up für den europäischen Markt im Nutzfahrzeugwerk Hannover. Wie ein Unternehmenssprecher mitteilte, könne man nicht mehr mit ausreichenden Absatzzahlen für einen solch kleinen Lastwagen rechnen. Dies ändere aber angesichts der insgesamt guten Auftragslage nichts an der vereinbarten Beschäftigungssicherung in diesem Werk. In Hannover sind rund 13000 Menschen beschäftigt, etwa 700 sollten den Pick-up bauen. Nun muss sich das Unternhmen „intensiv um Ersatzlösungen“ kümmern.

Ein Barrel Rohöl notierte unterdessen gegen Mittag an der New Yorker Handelsbörse bei 144,44 Dollar. Grund war ein Rückgang des Euros gegenüber dem Dollar, nachdem die Europäische Zentralbank am Vortag angedeutet hatte, dass zunächst keine weitere Zinserhöhung im Euro-Raum anstehe. Gibt der Dollar gegenüber dem Euro nach, steigen in der Regel die Rohölpreise.

Frustrierte Autofahrer kaufen Fahrräder

Am Donnerstag war der Rohölpreis auf den Rekordwert von 145,85 pro Barrel hochgeschossen. Der saudiarabische Ölminister Ali Naimi hatte erklärt, sein Land plane im Moment keine Ausweitung der Förderung. Naimi sagte beim Welt-Erdöl-Kongress in Madrid, es gebe derzeit keine Nachfrage nach mehr Öl. Sollte sich das ändern, wäre sein Land aber bereit, die Produktion zu erhöhen.

Angesichts hoher Benzinpreise steigen immer mehr Autofahrer auf das günstigere Zweirad um. In der Branche reibt man sich die Hände und rechnet für 2008 mit einem kräftigen Plus bei den Fahrradverkäufen. „Ich kann mich nicht beklagen, unser Absatz ist seit Anfang des Jahres deutlich in die Höhe geschnellt“, sagt Alwin Mindl, Inhaber eines großen Fahrradladens in Berlin. Vor allem frustrierte Autofahrer sorgen bei ihm derzeit für ein volles Haus und ein Umsatzwachstum im zweistelligen Bereich. „Viele suchen nach einem Ausweg, weil sie sich das Auto zu diesen Spritpreisen einfach nicht mehr leisten können oder wollen“, erklärt er. Zu Mindl kommen Akademiker, Studenten, Durchschnittsverdiener oder Arbeitslose - „das geht quer durch alle Schichten.“

Was auf den Berliner Fahrradhändler zutrifft, ist nach Einschätzung des Verbunds Selbstverwalteter Fahrradbetriebe (VSF) typisch für die gesamte Branche. „Die Stimmung geht eindeutig in Richtung Fahrrad, langfristig erwarten wir auf jeden Fall ein deutliches Plus“, sagt Geschäftsführer Albert Herresthal. Vor allem bei Kurzstrecken bis zu fünf Kilometern, zum Einkauf oder zur Arbeit seien viele aufgrund der hohen Benzinpreise inzwischen umgesattelt, berichten die im VSF organisierten Fachhändler.