Helfer im Netz

Viele Versicherungs-Apps bergen versteckte Gefahren

Versicherungs-Apps werden immer beliebter bei den Nutzern. Doch Tipp- und Flüchtigkeitsfehler auf dem Smartphone bergen Gefahren.

Foto: Infografik Welt Online

Sie heißen Schaden-App, Service-App, Pannen-App oder Unfall-App – und sollen den Versicherten im Schadenfall erste Hilfe leisten: Die Assekuranzbranche springt auf den derzeitigen Trend zur Nutzung von Smartphone-Applikationen auf und bietet diese etwa als Unterstützung bei einem Unfall an oder beispielsweise auch als Bußgeldrechner.

Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt: Die Versicherungs-Apps warten mit den unterschiedlichsten Funktionen auf. Im Fall einer Autopanne lotsen sie den Pannendienst per GPS direkt zum Nutzer.

Sie stellen die wichtigsten Notrufnummern und Hotlines parat, damit nicht erst im Telefonbuch danach gesucht werden muss. Sie liefern eine Checkliste notwendiger Schritte und Tipps zum Verhalten am Unfallort. Und man kann den Schaden in der Regel direkt per Smartphone an die Versicherung melden und Beweisfotos übermitteln. Doch was erst einmal praktisch klingt, ist mit Vorsicht zu genießen, warnen Daten- und Verbraucherschützer.

Die AachenMünchener Versicherung zum Beispiel bietet ihren Kunden mit der kostenlosen Service-App den direkten Draht zu ihren Kunden- und Service-Centern. Egal, ob ein Kfz-, Haftpflicht-, Hausrat-, Glas- oder Unfallschaden gemeldet wird – mit der App geht das einfach und schnell, wirbt der Versicherungskonzern. Vorstandschef Michael Westkamp erklärt – etwas euphorisch – in einer Pressemitteilung: „Wir freuen uns sehr, dass wir unseren Kunden eine so innovative und hilfreiche Anwendung für ihre Smartphones kostenlos anbieten können.“

Apps haben hohen Marketingeffekt

Was den AachenMünchener-Chef eher freuen dürfte, ist der Marketingeffekt einer solchen Smartphone-App: Denn natürlich dient deren Nutzung in erster Linie der Imagebildung des Unternehmens. Die Kunden sollen den Versicherer wegen der vermeintlichen Vorteile durch die App für besonders modern und innovativ halten. „Versicherer sind in den Köpfen der Verbraucher vorwiegend als ‚Helfer in der Not’ verankert.

Durch gezielte App-Angebote für unterschiedliche Notsituationen können sie sich als moderne Gesellschaften profilieren“, sagt Axel Stempel, Geschäftsführer des Marktforschungs- und Beratungsinstituts „Heute und Morgen“. Viel näher als über ein Smartphone kann man seinen Kunden schließlich nicht kommen – denn selbiges steckt meist in der Hosen- oder Jackentasche. Und ganz nebenbei verringert sich auch noch der Verwaltungsaufwand des Versicherers, wenn die Schadensmeldungen online eintrudeln und nicht mehr auf dem Papier.

Dass die Assekuranz mit ihrem zunehmenden App-Angebot durchaus den Nerv der Kunden trifft, ist auch das Ergebnis einer „Heute und Morgen“-Trendstudie. So lasse sich mit App-Angeboten insbesondere die Zielgruppe der jüngeren Kunden sowie nicht zuletzt die hart umkämpfte Gruppe der Besserverdienenden mit einem monatlichen Haushalts-Nettoeinkommen von mehr als 4000 Euro erreichen.

„Besonders attraktiv sind für die Verbraucher App-Angebote, die echte Mehrwerte liefern und zum jeweiligen Anbieterprofil passen“, sagt Marktforscher Stempel. 60 Prozent der Befragten waren der Meinung, ein Versicherungsunternehmen würde mit der Zeit gehen, wenn es seinen Kunden eine Smartphone-Anwendung anbietet. Der Studie zufolge werden von Versicherern dabei vor allem Apps zur Unterstützung in Notfällen gewünscht.

Policen direkt via Smartphone abschließen

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam das Kölner Beratungsunternehmen MSR Consulting im Sommer bei einer Befragung unter 500 iPhone- und iPad-Besitzern: Grundsätzlich stoßen demnach Versicherungs-Apps, die einen wirklichen Zusatznutzen im Alltag bieten, auf großes Interesse. Dabei ist es der Kölner Studie zufolge durchaus erlaubt, sich vom typischen Versicherungs-Kernbereich zu entfernen: So interessierten sich mehr als die Hälfte der Befragten insbesondere für Unfallhelfer- und Notruf-Apps, sowie Unwetterwarnungs- und Arztsuche-Apps.

Auch bei der Ergo-Versicherungsgruppe scheint man diese Studien gelesen zu haben: Die Konzerntochter Ergo Direkt geht dabei noch weiter als die Konkurrenz und hat mit „Unfallschutz 48“ eine neuartige App auf den Markt gebracht.

Der Clou dabei: Die Police kann direkt via Smartphone abgeschlossen werden, sie gilt für genau 48 Stunden und kostet 99 Cent, die über die Mobilfunkrechnung abgerechnet werden. Gedanken über Kündigungstermine oder Laufzeiten muss sich niemand mehr machen. Die Kurzzeitversicherung bietet im Schadenfall ein Krankenhausgeld von 50 Euro, Rettungskosten in Höhe von bis zu 5000 Euro und bei Unfalltod eine Einmalzahlung an die Angehörigen in Höhe von 50.000 Euro.

Was erst einmal positiv klingt, stößt bei Verbraucherschützern auf wenig Gegenliebe: Den Bund der Versicherten (BDV) stört vor allem die Ergo-Police als solche. Die wichtigste Leistung – die bei Invalidität – sei nämlich gar nicht mitversichert, so BDV-Vorstand Thorsten Rudnik. „Wer eine Unfallversicherung abschließt, erwartet auch bei Invalidität Geld. In diesem Fall gehen die Versicherungsnehmer jedoch leer aus.“

Außerdem sei eine Todesfall-Leistung von 50.000 Euro für die Angehörigen viel zu niedrig. „Wer seine Familie ausreichend absichern will, sollte das mit einer Risikolebensversicherung tun. Hier kann die Summe nicht nur frei gewählt werden, sie leistet auch bei Tod durch Krankheit“, erläutert Rudnik. Außerdem sei der Schutz dann nicht auf nur 48 Stunden begrenzt. Passieren könne schließlich immer etwas.

Falsche Angaben sind schwer zu korrigieren

Von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kommt auch grundsätzliche Kritik an den Smartphone-Anwendungen der Versicherungsbranche. Die Gefahr von Tipp- und Flüchtigkeitsfehlern sei beim hektischen Ausfüllen der Online-Formulare auf dem Smartphone-Touchscreen besonders groß, warnt Verbraucherschützerin Elke Weidenbach „Einmal falsch gemachte Angaben führen zu widersprüchlichen Fakten, die schwer zu korrigieren sind.“ Im schlimmsten Fall könne das eine Kürzung der Versicherungsleistung nach sich ziehen.

Auch unter Datenschutz-Gesichtspunkten seien die Apps nicht unproblematisch, warnt die Verbraucherzentrale NRW. Niemand könne mit Sicherheit sagen, welche Nutzerdaten gespeichert werden. Auch sei es problematisch, dass sich per GPS der Aufenthaltsort des Nutzers feststellen lasse. Für Thilo Weichert, Chef des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein, steht daher fest, dass man sich eine solche App in jedem Fall genau anschauen muss, bevor man sie auf sein Smartphone lädt.

Es müsse sichergestellt sein, dass nur Daten erhoben würden, die auch wirklich notwendig seien, meint der Datenschutzexperte. Außerdem müsse der Versicherer für entsprechenden Schutz bei der Übermittlung der Daten sorgen, so Weichert: „Schließlich wird eine Online-Verbindung zu der Versicherung aufgebaut. Diese muss durch eine verschlüsselte Übermittlung dafür sorgen, dass die Daten nicht von Dritten gelesen werden können.“