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Videospielbranche kämpft sich aus der Schmuddelecke

Jeder dritte Deutsche spielt mit Computern. Neuigkeiten werden diese Woche auf der Messe Gamescom in Köln vorgestellt. Alle Großen der Branche sind dabei.

Foto: dpa-tmn / dpa-tmn/DPA

Empörte Kunden sind bei Verkehrsbetrieben nicht ungewöhnlich. Regelmäßig echauffieren sich Fahrgäste über Verspätungen, Zugausfälle oder dreckige Wagen. Auch in Köln. Die aktuelle Aufregung allerdings betrifft nicht die Verkehrsleistungen des Bus- und Bahnbetreibers KVB, sondern die Reklame auf zehn Wagen der Stadtbahn-Linie 13. Die zeigt Szenen wie im Krieg - Panzer, Kämpfe, Explosionen - und bewirbt das Computerspiel "World of Tanks", das die britische Entwicklerfirma Wargaming.net auf Europas größter Computer- und Videospielemesse Gamescom präsentiert, die von Mittwoch bis Sonntag in Köln stattfindet.

Dabei ist "World of Tanks" eins von mehreren Hundert Spielen, die während und nach der Gamescom neu auf den Markt kommen werden. Lediglich ein Prozent der Neuerungen hat Inhalte, die ausschließlich Erwachsenen vorbehalten sind, betonen die Verantwortlichen beim Veranstalter Kölnmesse. Und die seien für die jüngeren Messebesucher in den Hallen weder zugänglich noch einzusehen. Tatsächlich liegt der Fokus der Großmesse inzwischen weit abseits des mit der umstrittenen Werbung neu bedienten Klischees, nach dem Computerspieler gerne als gewaltbereite Eigenbrötler dargestellt werden. Das belegen unter anderem der Familientag am Messesonntag und darüber hinaus zahlreiche Sonderschauen zu Themen wie Pädagogik, Senioren-Spielen, Eltern-LAN oder Lern-Computern.

Aber auch abseits der Messe scheint die Sorge vor der Schmuddelecke mittlerweile immer weniger berechtigt. "Computerspiele sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", heißt es zum Beispiel in einer aktuellen Studie des Technologie-Verbandes Bitkom. Der Untersuchung zufolge spielt mittlerweile ein Drittel der Deutschen ab 14 Jahren regelmäßig auf dem Computer, der Spielekonsole, dem Laptop oder dem Handy. Und am beliebtesten sind dabei nicht etwa die viel kritisierten Ballerspiele. Ganz vorne im Beliebtheitsranking stehen vielmehr Denk-, Strategie- und Managementspiele. Aber auch sogenannte Social Games auf Plattformen wie Facebook oder StudiVZ boomen. In diesem Segment stellen Frauen laut einer GfK-Untersuchung sogar schon die Mehrheit unter den Spielern.

Welche Trends die stetig wachsende Fan-Gemeinde in den kommenden Monaten erwarten, zeigt die Industrie nun während der Gamescom. Mit mehr als 550 Ausstellern, darunter Branchengrößen wie Sony, Microsoft und Nintendo sowie Electronic Arts, Ubisoft und Blizzard, ist die Messe dabei so groß geworden wie noch nie. Um stattliche zehn Prozent hat die Zahl der vertretenen Unternehmen zugelegt. Rund die Hälfte davon kommt aus dem Ausland, das entspricht einem Plus von 16 Prozent. "Die internationale Bedeutung der Messe hat damit noch mal zugelegt", sagt Olaf Wolters, der Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU).

Und es sind längst nicht mehr nur Spiele, die auf der Gamescom präsentiert werden. Wenngleich mit der Fußballsimulation FIFA 2012, dem Ego-Shooter "Call of Duty: 13467575", dem Action-Abenteuer "Assasins Creed Revelations" und dem Fantasy-Rollenspiel "Diablo 3" echte Blockbuster dabei sein werden. Angesichts der fortschreitenden Heimvernetzung öffnet sich die Messe darüber hinaus auch für andere Industriezweige. "Wir bilden damit die Marktentwicklung ab", sagt Wolters.

LG zum Beispiel präsentiert erstmals einen Fernseher beziehungsweise Bildschirm, dessen 3D-Bild ohne Brille geschaut werden kann. Darüber hinaus sind auch Computerhersteller wie Acer und Smartphone-Anbieter wie Samsung und Nokia vor Ort. Die Konkurrenz zu anderen Messen wie der Funkausstellung IFA in Berlin oder der Cebit in Hannover scheut der BIU dabei nicht. "Es wird thematische Kollisionen geben. Aber wir sind da ganz selbstbewusst", sagt Wolters. Denn Geräte würden zunehmend über Inhalte verkauft. "Und da haben wir die spannendsten überhaupt", erklärt der BIU-Chef.

Wolters verweist dabei auf die seit Jahren steigenden Verkaufszahlen. Im ersten Halbjahr 2011 zum Beispiel wurden mit dem Verkauf von Computer-, Video- und Onlinespielen hierzulande 793 Millionen Euro umgesetzt, melden die Marktforscher der GfK. Bis Jahresende rechnet der BIU trotz stagnierender Märkte in den Nachbarländern sogar mit einem Plus in Höhe von drei Prozent. Denn die Produktpipeline ist prall gefüllt. Auf der Gamescom jedenfalls gibt es in diesem Jahr so viele Spiele-Premieren wie nie zuvor.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen. Nach dem Aussteller-Rekord hofft Projektleiter Tim Endres von der Kölnmesse auch auf mehr Besucher als die 254 000, die im vergangenen Jahr in die Hallen kamen. Die Messlatte für das Jubiläum im kommenden Jahr würde damit äußerst hoch liegen. 2012 findet Europas wichtigste Branchenschau in der Computerspieleindustrie bereits zum zehnten Mal in Deutschland statt. Kriegsspiel-Werbung auf den Kölner Bahnen wird es dann aber nicht mehr geben, verspricht ein KVB-Sprecher: "So etwas werden wir nicht mehr zulassen."