Videoportal

Youtube soll endlich selbst Geld verdienen

Google hat für Youtube Milliarden Dollar bezahlt. Nun soll das Videoportal Geld verdienen. Nur wie, das weiß keiner so genau.

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Das fällt auf. Die Youtube-Zentrale in San Bruno südlich von San Francisco direkt an der Interstate 380 hat keinen Parkplatz für Besucher. Zum Glück gibt es gleich nebenan einen Schnellimbiss mit Stellfläche. Möglicherweise ist es um die Google-Tochter doch schlimmer bestellt als gedacht. Doch wer spart in Kalifornien schon an Parkplätzen?

Dafür fällt das Gebäude aus hellem Sandstein mit einer breiten Treppe umso imposanter aus. Internet-Start-ups haben keine Zeit, ihre Unterkünfte bauen zu lassen. Sie übernehmen Unternehmenszentralen von gescheiterten Vorgängern oder von Konzernen, denen es zu eng geworden ist. Auf diese Weise hat Google im 40 Autominuten entfernten Mountain View Silicon Graphics beerbt. Und YouTube residiert nun dort, wo einst die US-Bekleidungskette GAP logierte.

Alles, was YouTube in San Bruno zur Schau stellt, ruft es hinaus: Wir sind noch immer ein Start-up. Schon hinter der Eingangstür steht eine Kletterwand („Nur für Google-Mitarbeiter“). Daneben ein Massagesessel. In der riesigen Empfangshalle spielen acht große Flachbildschirme die erfolgreichsten Youtube-Clips der jüngsten Vergangenheit ab. In den Großraumbüros stehen Fahrräder neben den Schreibtischen, die mit Bart-Simpson-Figuren aus Pappe verziert sind. Natürlich gibt es Kickertische und Küchen, in denen eine Frozen-Joghurt-Maschine brummt. „Jeden Tag wechselt der Geschmack“, sagt eine Mitarbeiterin mit erkennbarem Stolz in der Stimme.

Können so Verlierer aussehen? YouTube steht heute für Internet-Videos wie Tempos für Papiertaschentücher. Das Portal ist praktisch unangefochten. Zwei Milliarden Filmclips betrachten die Nutzer täglich. Jede Minute werden 24 Stunden Videomaterial auf die Website geladen. YouTube ist nach Google und Facebook die drittgrößte Website überhaupt. Und YouTube ist die zweitgrößte Suchmaschine der Welt, nach Google eben. Alles bleibt in der Familie.

Und doch ist da dieser Beigeschmack. YouTube taugt nicht zum Geldverdienen, sagen Kritiker. Die Nutzer hassen Werbung. Und die Wirtschaft will sie nicht in Videos sehen, die krisselig sind und möglicherweise sogar anstößig. Damit – so die Befürchtung – bleibt YouTube für Google eine Maschine zum Geldverbrennen. Denn die Kosten für diese Maschine sind – auch wenn sie Google geheim hält – gewaltig. YouTube belegt mit seinem Filmgeschäft riesige Parks aus Computerservern, ohne die kein Video hoch- oder heruntergeladen werden könnte.

Sowohl Google als auch YouTube sind äußerst wortkarg, wenn es um das Geschäft mit den Internet-Videos geht. Vor knapp einem Jahr gab Googles Finanzchef Patrick Pichette dann doch etwas preis: „Wir sehen in einer nicht zu weit entfernten Zukunft ein sehr profitables und gutes Geschäft.“ Der Mann der über Googles Bilanzwerk wacht, hätte weniger konkret nicht sein können. Doch auch Chad Hurley müsste die Details kennen. In San Bruno treffen wir den 32-jährigen Youtube-Chef am Tag nach seinem Urlaub in Jeans und Turnschuhen an, doch anders kennt ihn hier sowieso niemand. „Glauben Sie mir, es geht uns wirklich gut und die Zukunft wird für uns noch größer und besser“, sagt er, ohne tatsächlich etwas zu verraten.

Kaum jemand hätte gedacht, dass Chad Hurley so lange durchhält. Zusammen mit Steve Chen und Jawed Karim hat er das Video-Portal am Valentinstag vor fünf Jahren gegründet. Das erste Video überhaupt zeigt in 19 Sekunden wie Karim vor dem Elefantengehege im Zoo von San Diego steht. Dass es bereits fast drei Millionen Mal angesehen wurde, liegt wohl eher am Namen des Hauptdarstellers. Bereits ein Jahr später verkauften die Gründer YouTube an Google für 1,65 Milliarden Dollar. Damals hauste YouTube mit seinen 60 Mitarbeitern noch 15 Kilometer südlich von San Bruno in San Mateo in einem beengten Büro über einer Pizzeria.

Nachdem aber auch der Chef nichts über die Profitabilität verrät, müsste Salar Kamangar helfen können. Er hat bei Google den ersten Business Plan geschrieben. Nun soll er das Wunder bei YouTube wiederholen. Google hat ihn in einer Art Feuerwehreinsatz zur rechten Hand von Chad Hurley gemacht, was er so nicht stehen lassen will. Er sei nicht geschickt worden, sagt er. „Ich wollte zu YouTube gehen.“ Dann spricht er von der Wiedergeburt des Fernsehens, von riesigen Werbebudgets, die künftig auf das Internet umgeleitet werden und von Millionen von Videos, die bald anstelle von wenigen hundert TV-Sendern angesehen werden. Hat Google einen guten Kauf mit YouTube gemacht? Kamangar gibt sich zuversichtlich, sagt dann aber: „Das wird die Geschichte entscheiden.“

Youtube will Fernseher erobern

Tatsächlich findet sich YouTube mitten in einer Revolution wieder, die das Portal selber mit entfacht hat. Während bislang die kurzen Videoclips fast ausschließlich am Computer angesehen wurden, rufen nun immer mehr Zuschauer die Filme am Handy und sogar am TV-Gerät ab. Das hat Folgen. Der Youtube-Nutzer hält sich durchschnittlich 15 Minuten auf dem Video-Portal auf, während er in den USA aber fünf Stunden vor dem Fernseher sitzt. „Diese Lücke wollen wir schließen“, sagt Youtube-Director Walker Hunt. „Wir müssen uns auch auf Situationen einstellen, wo die Nutzer die Hände von der Tastatur nehmen.“

Das bedeutet jedoch, dass Nutzer nicht mehr nach zweieinhalb Minuten ein neues Video anklicken wollen. YouTube muss also mehr wie Fernsehen werden und einfach laufen. Bereits im Herbst soll ein solcher Dienst unter der Bezeichnung „YouTube Leanback“ (zurückgelehntes YouTube) starten. Walker Hunt nennt das die „Wohnzimmer-Erfahrung“. Auf diese Weise kommen sich auch YouTube und Google wieder näher. Der Suchmaschinenkonzern hat erst kürzlich seine Planungen für Google TV offengelegt und die Zusammenarbeit mit Geräteherstellern angekündigt. Denn auch Google will auf den Fernseher.

Ein Eindruck davon, wie YouTube im Wohnzimmer aussehen könnte, gibt bereits das Start-up NowMov (nowmov.com) aus San Francisco. Wer die Seite aufruft, bekommt nämlich einen Endlos-Strom von erfolgreichen Youtube-Videos präsentiert.

Das ändert jedoch nichts an den Schwierigkeiten, die YouTube beim Geldverdienen hat. Tom Pickett ist Vertriebschef des Portals, er kam kurz nach der Übernahme durch Google dazu. Pickett ist dafür verantwortlich, dass die Nutzer nicht von Werbung genervt werden. „Es gibt einen Punkt, an dem man sozusagen überwerben könnte“, sagt er. Deswegen werde es auch nie bei YouTube in jedem Clip Werbung geben. Denn die Geduld der Nutzer ist begrenzt. Trotzdem blendet das Portal Werbebanner auf seiner Einstiegsseite ein, lässt Werbefilme vor oder auch in Videos laufen und präsentiert Google-Textanzeigen neben Suchergebnissen auf der YouTube-Seite. Geht es nach Pickett, wird all dies künftig etwas klüger funktionieren. Nutzer können Werbung überspringen, Unternehmen müssten für unbeliebte Spots mehr zahlen. „Das hebt die Qualität.“

Clips gegen Gebühr geplant

Doch YouTube hat noch andere Pläne. In den USA hat der Konzern bereits seine Beta-Version von „YouTube Rentals“ gestartet. Damit können Filmproduzenten ihre Clips oder auch ganze Filme gegen Gebühr für einen vorgegebenen Zeitraum verleihen. YouTube legt sich auf diese Weise mit den Großen der Verleihbranche an, zu denen in den USA auch Netflix gehört. Picket widerspricht dem nicht, will aber YouTubes Strategie nicht weiter ausführen.

Das Video-Portal tastet sich in alle Richtungen vor und überlässt kaum etwas dem Zufall. Das gilt auch für das Design der Website, die nur auf dem ersten Blick etwas unübersichtlich wirkt. Tatsächlich beschäftigt der Konzern zwei Forscherinnen allein damit, Nutzern auf die Finger und Augen zu sehen. Eine davon ist Sasha Lubormirsky. Die 26-Jährige nennt sich experimentelle Psychologin. Im Usability Lab beobachtet sie hinter einem durchsichtigen Spiegel, wie sich Nutzer auf der YouTube-Website bewegen. Eine Kamera hält exakt fest, wohin sich der Blick auf der Website richtet. Wenn es nötig ist, besucht Lubormirsky ihre Probanden auch zu Hause. Allein für das jüngste Design der Youtube-Seite hat die Wissenschaftlerin neun Monate getestet. YouTube wird offensichtlich erwachsen.

Und doch steht das Unternehmen immer wieder in der Kritik, nachlässig mit Urheberrechten umzugehen. Der Medienkonzern Viacom hat aus diesem Grund YouTube bereits 2007 auf eine Milliarde Dollar Schadensersatz verklagt. Seitdem äußern die Kontrahenten zunehmend auch in der Öffentlichkeit Vorwürfe. Viacom behauptet, Google habe wissentlich urheberrechtlich geschütztes Material auf der Plattform geduldet.

Um diesen Vorwürfen entgegenzutreten, hat YouTube eigens eine Technologie unter der Bezeichnung „Contend ID“ entwickelt, die geschütztes Material ausfindig machen und blockieren soll. Alternativ können die Rechteinhaber auch entscheiden, an Werbeeinnahmen beteiligt zu werden, die mit ihrem Material erlöst werden. „Dafür entscheidet sich die überwiegende Mehrheit der Inhalte-Produzenten“, sagt David King der die Entwicklung von Content ID bei YouTube leitet. Derzeit überprüft die Technologie die bisher veröffentlichten Videoclips in hoher Geschwindigkeit. Mehr als 100 Jahre Video werden täglich durchsucht. Das System sei nicht perfekt, sagt King, aber sehr gut.

Möglicherweise steht YouTube kurz davor, Geld zu verdienen. Offen sagen, will das aber noch niemand. Seit Jahren leiht Google seine Top-Manager an die Tochter aus, um sie profitabel zu machen. Doch in einem Punkt unterscheiden sich beide Unternehmen wesentlich, wie es YouTube-Direktor Walk ausdrückt, der ebenfalls zuvor beim Suchmaschinenkonzern gearbeitet hat: „Google will Deine Frage schnell beantworten, damit Du im Netz schnell weiterkommst. YouTube will Dich fesseln.“