Internetaktivist

Apple lässt sich mit der Kirche vergleichen

Der Wiener Internetaktivist Konrad Becker kritisiert im Interview mit Morgenpost Online die Suche von Google. Es geht um das Erlangen eines Nutzerprofils. Manche Verknüpfungen von Daten sind für ihn hochproblematisch. Auch hat er Zweifel, ob Apple der wahre Freund der Kulturschaffenden ist.

Foto: picture alliance / dpa

Morgenpost Online: Pro Tag werden im Internet etwa vier Milliarden Suchanfragen gestellt. 67 Prozent davon an Google. Was suchen wir eigentlich?

Konrad Becker: Vieles davon läuft auf professioneller Ebene. Untersuchungen besagen, dass die Niederschrift eines wissenschaftlichen Papiers bei einer Mehrzahl der Geistesarbeiter heute mit einer Google-Anfrage beginnt. Aber es geht auch um sehr Persönliches. AOL hat einmal versehentlich vermeintlich anonyme Daten rausgelassen. Diese Daten – die oft sehr persönlichen, existenziellen, melancholischen Fragen galten, die tief in die Psyche hineinreichten – ließen sich übrigens sehr schnell Einzelpersonen zuordnen.

Morgenpost Online: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Deep Search“ herausgegeben. Untertitel: „Politik des Suchens jenseits von Google“. Kann es ein User-Leben ohne Google geben?

Becker: Google ist nur ein Symptom der Sehnsucht, des Bedürfnisses und auch der politischen und wirtschaftlichen Notwendigkeit, Daten zu ordnen.

Morgenpost Online: Google ordnet seine Antworten nach dem Page-Rank-Prinzip. Als bestes Suchergebnis gilt die Seite, auf die am häufigsten verlinkt wird. Ist das eine sinnvolle Art von Wissensorganisation?

Becker: Sie ist nicht nur nicht notwendigerweise sinnvoll, sie ist sogar sehr problematisch. Informationslandschaften sind reich, wenn sie über Vielfalt, sozusagen über Biodiversität verfügen. Das Page-Rank-Prinzip aber nimmt dem Aufmerksamkeitsarmen und gibt dem Aufmerksamkeitsreichen. Das führt zu einer Verarmung. Es kommt zu Schleifenbildungen. Ein Phänomen, das die Folksonomien noch verstärken.

Morgenpost Online: Die Folksonomien? Das müssen Sie erklären.

Becker: Der Begriff setzt sich aus „folk“ (Volk, Leute) und der Endung „-onomie“ wie in „Taxonomie“ zusammen. Gemeint ist das Social Tagging im Web 2.0, die individuelle, oft recht willkürliche Verschlagwortung durch die Benutzer selbst, die an die Stelle einer von Experten definierten, hierarchisch festgelegten Kategorisierung tritt. Aufgrund der schieren Datenmenge spielt diese amateurhafte Wissensorganisation im Internet mittlerweile eine wichtige Rolle.

Morgenpost Online: Sehnen Sie sich nach den bezahlten, kontrollierbaren Experten manchmal zurück?

Becker: Es gibt hier keine einfache Lösung. Schon Jorge Luis Borges hat sich in vielen Texten über den Wunsch der Aufklärung nach einer Kategorisierung der Welt lustig gemacht. Das soll aber nicht heißen, dass die Enzyklopädien keinen Nutzen gebracht hätten. Kategorisierungen sind zeitbedingt und subjektiv und immer mit Weltanschauung befrachtet. Die volkstümliche Kategorisierung im Internet löst dieses Problem aber auch nicht. Da gibt es viele Fälle von „self-fulfilling silliness“.

Morgenpost Online: Die Suche wird zunehmend personalisiert. Das eigene Suchverhalten von gestern beeinflusst die angebotenen Suchergebnisse von morgen, weil die Maschine den Suchenden kennenlernt. Ist das ein wünschenswerter Fortschritt?

Becker: Einerseits will man ein besseres Suchergebnis, das individuell zugeschnitten ist. Andererseits werden Suchergebnisse immer schwerer überprüfbar, weil man die Veränderungen im Suchergebnis immer auf sich beziehen muss – ob das nun stimmt oder nicht. Google und andere Suchmaschinen pflegen den Mythos einer rein algorithmischen Maschinenlogik, die jenseits aller Beeinflussung läge. Man weiß aber inzwischen, dass an den Suchergebnissen durchaus gedoktert wird. Ganze Redaktionsteams arbeiten daran – wie einstmals der mechanische Türke. Bestimmte Ergebnisse tauchen plötzlich hoch oben im Ranking auf und verschwinden dann wieder.

Richard Rogers von der Universität Amsterdam hat das untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es hier ganz offensichtlich zu Eingriffen kommt. Bei einer Black Box kann man zumindest Input von Output unterscheiden. Bei diesen Systemen kann man das nicht – man spricht deshalb auch von „schwarzem Schaum“. Wer eine nachhaltige Informationslandschaft will, muss auch über die Verschmutzung dieser Landschaft durch schwarzen Schaum reden.

Morgenpost Online: Googles Geschäftsmodell lautet: Tausche Suchergebnis gegen Konsumentenprofil. Googles zahlende Kundschaft sind die Werbetreibenden, nicht die Suchenden. Ist damit der entscheidende Konstruktionsfehler derzeitiger Suchmaschinen beschrieben?

Becker: Wenn es nur so einfach wäre! Ganz Wien ist voller Gratiszeitungen! Und selbst Qualitätszeitungen müssen ihre Einnahmen nicht durch den Verkauf des Papiers allein erzielen.

Morgenpost Online: Apple hat soeben das iPad präsentiert, das Kritiker nur noch für ein Abspielgerät halten, das aus dem Internet einen gigantischen Mediamarkt macht. Verkommt die Interaktivität des Netzes zur bloßen Spielerei?

Becker: Interaktivität ist nicht notwendig etwas Positives. Es gibt zwanghafte Formen des Dialogs – Folter zum Beispiel. Aber ich erkenne den Versuch, das Internet in eine Art Pay-per-view-Jukebox zu verwandeln. Das hätten viele Provider schon früher gern gehabt: eine ganz dicke Leitung der Produzenten in die Haushalte und eine ganz dünne Leitung zurück, über die man im Wesentlichen seine Kreditkartennummer durchgeben kann. Interessanterweise hat sich das Geschäftsmodell mittlerweile ein wenig verändert, weil große Unternehmen User-Content ausbeuten. Man hat Apple mit der Katholischen Kirche verglichen – eine schöne Oberfläche, auch wenn man nicht weiß, was dahinter vorgeht. Und mit einem einfachen Spendenmodell kann man sich von seinen Sünden loskaufen. Wie alle Vergleiche stimmt natürlich auch dieser nicht ganz.

Morgenpost Online: Apple setzt auf die Kanalisierung des Internets via Endgerät. Google setzt auf die Datenwolke, die es mit immer neuen Diensten zu beherrschen sucht. Stecken dahinter zwei widerstreitende Ideen vom Netz der Zukunft?

Becker: Dass Google „böse“ ist, ergibt sich ja aus dem Firmenmotto „Don’t be evil“. Und mittlerweile gehen Googles Bemühungen weit über die Suchmaschine und das Erstellen persönlicher Profile hinaus. Es geht um soziale Profile, soziale Netzwerke. Und denken Sie an das Google-Telefon in Verbindung mit Google Maps: Früher hat der Herr auch immer gewusst, wo sich sein Gscherr aufhält. Die Verknüpfung solcher Daten, insbesondere von Geomarker-Daten, ist hochproblematisch. Dennoch, bei all dieser Kritik, hat es eine gewisse Logik, Gift mit Gift zu bekämpfen. Dass es zwei widerstreitende Konzepte gibt, ist durchaus heilsam.

Morgenpost Online: Apple will Maut kassieren, indem es Musik, Filmen oder Büchern den Weg zum Kunden bahnt. Google will Daten kassieren, die es weiterverkauft, und im Gegenzug zum Beispiel Bücher ohne Entgelt vermitteln. Das Google Book Settlement, das das ermöglichen soll, wird am 18. 2. erneut verhandelt. Schriftstellern und Musikern ist das Apple-Modell sympathischer.

Becker: Ich nehme bei Kulturschaffenden eine große Verunsicherung wahr. Aber nicht alles Unglück ist durch das Internet begründet, und ich weiß nicht, ob Gatekeeper wie Apple wahre Freunde der Kulturschaffenden sind. Andererseits kann nicht jeder Künstler auf einer Bühne den Kasperl geben und so sein Geld verdienen. Ich persönlich etwa wünsche mir auch weiter Musikwerke, die für Tonträger geschaffen sind. Nur möchte ich ungern vor die Wahl „große Gatekeeper oder Gratiskultur“ gestellt werden.

Morgenpost Online: Der Internetpionier Jaron Lanier empfiehlt mittlerweile ein Mikropaymentsystem. Müssten wir, wenn wir Information wieder einen (Geld)wert zumessen würden, Google noch fürchten?

Becker: Es geht ja nicht nur um Entertainment-Content, sondern auch um Bildung, um Zugang zu Behördendaten, Forschungsergebnissen und dem Kulturerbe. Wir reden also auch über eine öffentliche Ressource. Ich habe eben die Analogie Landschaftspflege bemüht. In einer nachhaltigen Informationslandschaft müssen Vielfalt, Zugang und Transparenz gewährleistet werden.

Morgenpost Online: Sie rufen nach dem Staat?

Becker: Ich rufe nach Regulierung öffentlicher, gemeinsamer Ressourcen. Frequenzbänder etwa sind ein öffentliches Gut. Und die Flüsse, mit denen Google seine Daten-Center kühlt, gehören ja auch nicht Google.