Ratgeber

So gut sind die neuen 200-Hertz-Fernsehgeräte

Es ist das große Werbeversprechen: Die 200-Hertz-Technik soll Fernsehern Beine machen – und ruckelige Bildern etwa bei Sportübertragungen den Garaus machen. Wie gut sind aktuelle Geräte mit 117 bis 119 Zentimetern Bildschirmdiagonale wirklich?

Viel hilft viel – nach dieser Devise jonglieren die Hersteller mal wieder mit immer höheren Zahlenwerten. Jetzt ist die sogenannte Bildwiederholfrequenz ihrer Flachbild-Fernseher an der Reihe: 200 Hertz (Hz) sollen mehr Schärfe und flüssigere Bewegungen bringen als die bislang üblichen 100 Hertz. Führt diese Doppel-Hertz-Strategie tatsächlich zu besserer Bildqualität? Audio Video Foto Bild hat alle aktuellen 200-Hertz-Modelle mit 117 und 119 Zentimetern Bildschirmdiagonale geprüft.

Welche TV-Empfänger sind eingebaut?

Keiner der Fernseher ist für alle drei möglichen Empfangswege (Kabel, Antenne, Satellit) gerüstet. Analoges Kabelfernsehen empfangen alle Geräte. Doch über diesen noch weit verbreiteten Weg grieselt’s auf dem Schirm oft wie Schneegestöber. Die Bilder sind detailarm und unscharf. Je größer der Fernseher ist, umso stärker fallen die Fehler auf. Besser man weicht da auf Digital-TV aus oder erhöht den Betrachtungsabstand auf mindestens vier Meter.

Einigermaßen klare Bilder zeigten nur die Geräte von Philips, Samsung und Sony. DVB-T ist der zeitgemäße, digitale Nachfolger des analogen Fernsehens per Antenne. Alle TV-Geräte im Test haben einen DVB-T-Empfänger eingebaut und zeigten damit deutlich schärfere und klarere Bilder. Der Qualitätssprung erinnert an den von der VHS-Videokassette zur DVD. Für den Empfang ist eine DVB-T-Antenne nötig. Die gibt es ab zehn Euro und – bei schwachen Signalen – auch mit Verstärker.

Etwas mager ist aber das Programmangebot: Es beschränkt sich vielerorts auf die öffentlich-rechtlichen Sender ARD, ZDF & Co. Die komplette Senderübersicht gibt es im Internet unter www.ueberallfernsehen.de . DVB-C liefert übers digitale Kabel noch mal bessere Qualität, mehr Programmvielfalt und – ideal für Bildschirme dieses Formats – das neue knackscharfe HDTV. Nur ein Gerät geht ohne Empfänger für DVB-C ins Rennen: Der LG 47LH5000 benötigt einen Extra-Receiver, den es ab 50 Euro oder zur Miete vom Kabelbetreiber gibt.

DVB-S bringt Fernsehen via Satellit ins Wohnzimmer. Die Bildqualität ist mindestens so gut wie per DVB-C, je nach Programm auch etwas besser. Ein Empfänger für digitales Sat-TV ist in keinem der Testgeräte. Also muss ein externer DVB-S-Receiver her – ab 60 Euro, mit HDTV ab knapp 100 Euro. Voraussetzung: Der Vermieter erlaubt die Montage einer Sat-Schüssel auf dem Dach oder dem Balkon. Die Installation und Verkabelung sollte ein Fachmann erledigen.

Wann kommt HDTV?

Mit HDTV schlägt das Fernsehen Anfang 2010 ein neues Kapitel auf. Hochaufgelöste TV-Bilder werden immer in Breitbildformaten und ausschließlich digital per Satellit oder Kabel übertragen. Sie sind deutlich schärfer als das bekannte Fernsehen in Standardauflösung (SD). Je nach Material kann das Bild sogar besser sein als von DVD. Erste Tests von Audio Video Foto Bild in Ausgabe 11/2009 haben gezeigt: HDTV kommt sogar an die Qualität von Blu-ray-Discs heran.

Alle Modelle im Test haben Bildschirme mit der höchsten HDTV-Auflösung: 1920 x 1080 Bildpunkte. Allerdings ist das Sender- und Programmangebot in HDTV noch bescheiden. ARD und ZDF strahlen zur Zeit nur Testsendungen aus, Arte HD geht Schritt für Schritt in den Regelbetrieb. HDTV gibt es -außerdem vom Bezahl-TV-Sender Sky – allerdings verschlüsselt und gegen monatliche Gebühren.

Falle Bezahlfernsehen

Nicht nur Pay-TV-Sender wie Sky schützen ihr Programm. Im digitalen Kabelnetz werden auch private Sender wie Sat.1 oder Pro7 verschlüsselt. Für diese Programme sind ein Abo beim örtlichen Kabelnetzbetreiber, eine Abokarte und ein Entschlüsselungs-Modul (Alpha- crypt, ab 60 Euro) nötig. Dieses Modul kommt mit der Abokarte in einen Schacht am Fernseher.

Als wäre das nicht schon kompliziert genug: In den TV-Geräten von Samsung und Toshiba steckt ein sogenanntes CI-Modul (Common Interface) – seit Jahren der Standard im Bezahlfernsehen. Kabel Deutschland bietet aber keine passenden Abokarten mehr dafür an. Der Grund: Die verschärfte neue Variante CI+ steckt in den Startlöchern. Sie soll Schwarzseher und Hacker abschrecken, kann aber auch liebgewordene Fernsehgewohnheiten torpedieren.

CI+ ist zwar schon im Philips- und Sony-TV eingebaut. Aber erst im nächsten Jahr will Kabel Deutschland dafür passende Module und Abokarten liefern. Deshalb konnte es noch nicht getestet werden. Wer schon jetzt Kabel-TV nutzt und eines der Testmodelle kaufen möchte, sollte daher den Programmanbieter fragen, ob Gerät und Abokarte miteinander funktionieren.

Welche Extras bieten die TV-Geräte?

Glasklare TV-Bilder sind Pflicht, die Fernseher zeigen aber auch Digital-fotos in toller Qualität – als Einzelbilder oder nacheinander in einer Fotoshow. Dafür haben die Geräte eine USB-Buchse für Speicherstifte oder Speicherkartenleser. Im Toshiba ist der für SD-Karten schon eingebaut. Für die anderen Modelle kostet er etwa zehn Euro. Der Vorteil: Die Fotoshow läuft so direkt von der Karte der Digitalkamera ab.

Internet am Fernseher

Eine weitere Fotofunktion bietet der Sony, wenn er über seine Netzwerkbuchse (LAN) mit dem Internet verbunden ist. Dann blendet er bei Fotos mit GPS-Daten eine Karte vom Aufnahmestandort ein (GPS-Logging) und ruft Nachrichtenticker aus dem Internet ab. Philips und Samsung gehen einen Schritt weiter. Beide bieten speziell für den Bildschirm angepasste Internetseiten mit Nachrichten, dem Foto-Portal Flickr und Filmen von YouTube.

Internet komplett gibt es aber nur von Philips. Hier lassen sich beliebige Webseiten aufrufen – mühsam über die TV-Fernbedienung. Praktisch dagegen: Der Philips kommt per WLAN drahtlos ins Internet. Voraussetzung ist ein passender Router am Computer.

Bedienung leicht gemacht?

Die Hersteller haben aus Fehlern gelernt und sich sichtlich Mühe gegeben, ihre Bildschirm-Menüs verständlich zu gestalten. Nach dem ersten Einschalten verlangt eine Installationsroutine wenige Angaben, etwa die gewünschte Menüsprache. Dann startet der Sendersuchlauf und speichert alle gefundenen Programme – leichte Übung für vier der fünf Fernseher. Nur der LG legte die Sender unsortiert ab. Korrekturen sind zwar per Sortierautomatik möglich. Doch die macht auch Fehler und speichert das örtliche Dritte nicht auf Senderplatz drei ab.

Nach dem Automatikeingriff lassen sich jedoch keine Sender mehr verschieben. Besser ist es, man sortiert gleich von Hand die Programme in die gewünschte Reihenfolge. Philips und Sony liefern die komplette Bedienungsanleitung nicht auf Papier, sondern nur am Bildschirm. Nachteil: Wer bei einem Problem ins Hilfe-Menü wechselt, muss sich alle Infos merken, bevor er die Seite zur Lösung des Problems verlässt. Philips setzt die Idee der Rohstoff sparenden Anleitung insgesamt cleverer um: Sie ist alphabetisch nach Suchbegriffen sortiert und erscheint prompt nach nur einem Druck auf die gelbe Taste der Fernbedienung. Sony dagegen versteckt die Anleitung im Menü. Außerdem fehlt ein Stichwortverzeichnis. So dauert es unnötig lange, bis die gewünschte Information gefunden ist.

Wie bewähren sich die Fernseher im Alltag?

Neben guter Bild- und Tonqualität kommt es auch auf eine funktionierende Bildformat-Automatik an. Die soll erkennen, ob 4:3- oder Breitbild-Sendungen in 16:9 laufen und sie soll zu kleine Bilder oder Eierköpfe verhindern. Geht doch: Keiner der fünf Hersteller patzte. Voraussetzung: Im Menü steht die Formatwahl für 4:3-Sendungen auf 4:3. Sonst streckt die Automatik das nahezu quadratische Bild ohne Rücksicht auf Verluste, um den Bildschirm auszufüllen. Geduld ist gefragt, wenn die Fernseher von einem auf ein anderes Programm umschalten sollen.

Das klingt banal, entpuppt sich im TV-Alltag aber als echte Stimmungsbremse. Mit analogem Kabelfernsehen legten sich nämlich nur Samsung und Toshiba wirklich ins Zeug und schalteten in 0,8 Sekunden um. Bei Digital-TV brauchten alle Geräte aber zwei bis drei Sekunden. Tipp: Große Programmsprünge, etwa von Platz 1 auf 20, klappen schneller mit den Zahlentasten der Fernbedienung oder bei Digital-TV über die Programmliste.

Voller Klang trotz schlankem Gehäuse?

Am Ende siegte die Physik: In den eleganten Flachbauten fehlt das für kraftvollen Klang notwendige Volumen. Während die Bildqualität immer besser wird, klingen die TV-Geräte der meisten Hersteller so schmalbrüstig wie eh und je. Kein Wunder, denn für mehr als winzige Lautsprecher ist schlicht kein Platz. Rühmliche Ausnahme: der Philips. Er überzeugte mit guter Sprachverständlichkeit, klang ausgewogen und bodenständig. Die übrigen Kandidaten können tatkräftige Unterstützung gut gebrauchen – etwa von einem TV-Lautsprecher oder gleich von einer Komplettanlage mit eingebautem Blu-ray-Player.

Der Bildtest – Stunde der Wahrheit

Die 200-Hertz-Schaltungen arbeiteten unterschiedlich gut: Toshiba und besonders der Sony zeigten insgesamt recht natürliche Bilder, doch auch leicht holperige Bewegungen. Geschmeidiger und flüssiger bekamen das Samsung, LG und Philips hin – allerdings nicht ohne Kompromisse: Das LG-Bild sah etwas unscharf aus, der Samsung zeigte je nach Einstellung („200 Hz Motion Plus“) Doppelkonturen in Szenen mit hellem Hintergrund, so als flimmere die Luft. Mit stillgelegtem „Motion Plus“ verschwanden die Säume zwar.

Doch es störten ruckelige Bewegungen. Die beste Bildabstimmung hatte der Philips 46PFL9704H. Er präsentierte Fernsehen in Hochform: gestochen scharf, plastisch und mit natürlichen Farben sowie bester Schwarzwiedergabe. Leichte Doppelkonturen waren nur vereinzelt auszumachen. Machen es 200 Hertz nun also besser als 100 Hertz? Zum Vergleich trat der Testsieger UE46B7090 von Samsung aus Heft 7/2009 an. Das überraschende Resultat: von wegen! Das 100-Hertz-Modell ruckelte nicht mehr, stellte Bewegungen ebenso flüssig dar und war mindestens genauso scharf.

Fazit: 200 Hertz hin oder her. Im Test gibt es zwei Gewinner: den Testsieger Sony KDL-46Z5500 mit der stimmigsten Mixtur aus guter Bildqualität, toller Ausstattung und einfacher Bedienung. Und den derzeit unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Sieger Toshiba 47ZV635D für 1349 Euro.

Mehr zum Thema finden Sie in der aktuellen "Audio Video Foto Bild", Ausgabe 12/09.