Mobilfunk-Anbieter

Vodafone-Chef will Verbraucherschutz stutzen

Die Mobilfunker versprechen in der Krise Milliardeninvestitionen. Doch sie haben auch klare Vorstellungen davon, was sie als staatliche Gegenleistungen erwarten. Vodafone-Chef Vittorio Colao fordert in der "Welt am Sonntag" eine Regulierung, die weniger auf Verbraucherschutz und mehr auf Industriepolitik setzt.

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Welt am Sonntag: Herr Colao, Sie haben sich nach Ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr als Kapitän auf einem Schiff bezeichnet. Sind Sie schon seekrank?

Vittorio Colao: Wir sind zwar in rauer See, aber gut gerüstet. Das Meer ist aufgewühlt, die Windrichtung dreht häufiger und auch sehr plötzlich. Sie müssen wachsamer sein als je zuvor.

Welt am Sonntag: Woran liegt das?

Colao: Auch unsere Kunden passen ihre Budgets und ihre Verhaltensweisen der Krise an. Aber das geschieht von Land zu Land sehr unterschiedlich, so unterschiedlich wie auch die Krise in verschiedenen Märkten zutage tritt.

Welt am Sonntag: Vodafone im Sog der Krise?

Colao: Wir stürzen nicht in die Krise. Im Vergleich zu anderen Branchen geht es uns sogar gut. Aber natürlich spüren auch wir Auswirkungen. Die Reisetätigkeit nimmt insbesondere bei Firmen weltweit ab, das führt zu weniger Einnahmen bei grenzüberschreitenden Mobilfunkgesprächen. Wir spüren es auch, wenn Firmenkunden Mitarbeiter entlassen. Und natürlich optimieren auch die Familien ihre Haushaltsausgaben, was für uns kurzfristig erst einmal weniger Umsatz bedeutet.

Welt am Sonntag: Verändert das Ihre Branche?

Colao: Jedes Unternehmen muss sich permanent neu erfinden, so wie sich die Welt um uns herum dreht. Die Kommunikationsbranche könnte aber ein echter Treiber werden. Denn moderne Kommunikation wird unser Leben auf vielfältige Weise verändern. Ich denke an vernetzte Häuser und Heimarbeitsplätze für Beschäftigte, aber auch an die zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Mehr Videotechnik und weniger Geschäftreisen senken Kosten in Unternehmen und schonen die Umwelt durch einen geringeren Kohlendioxid-Ausstoß.

Welt am Sonntag: Sie haben gemeinsamen mit 24 anderen Chefs von Mobilfunkgesellschaften und Ausrüstern den Regierungschefs der G-20-Staaten ihre Hilfe angeboten. Glauben Sie wirklich, Sie könnten die Weltwirtschaft wieder in Schwung bringen?

Colao: Ich sehe unsere Industrie als Teil der Lösung, um aus dieser Krise wieder herauszukommen und dann gestärkt zu sein. Die Investitionen in Breitbandnetze, die vor uns liegen, sind ein enormer Produktivitätstreiber. Wir müssen uns aber jetzt überlegen, wie unser Europa 2020 und 2030 aussehen soll. Ist die Antwort definiert, sollten wir den Weg und die richtigen Schritte festlegen. Moderne Technologie muss auf jeden Fall Europas Sprungbrett in die Zukunft sein.

Welt am Sonntag: Was hält Sie davon ab?

Colao: Wir wollen investieren, brauchen dafür aber auch planbare Rahmenbedingungen.

Welt am Sonntag: Jetzt schimpfen Sie wieder auf den Regulierer.

Colao: In einer Welt, in der Kapital endlich ist, verlangen Investoren gewisse Sicherheiten. Leider erleben wir in Brüssel und auch in einigen Mitgliedstaaten noch eine Regulierungspolitik, die in den Rückspiegel schaut. Regulierung hat lange Zeit zu sehr auf den Verbraucherschutz gesetzt. Wir müssen nun eine stärkere Industriepolitik integrieren.

Welt am Sonntag: Warum regen Sie sich denn immer so auf über die europäische Regulierung? Verbraucher wissen es zu schätzen, wenn SMS, mobiles Internet und Handy-Gespräche im Ausland billiger werden.

Colao: Ich beobachte und ziehe Schlussfolgerungen. Wenn die Handy-Minutenpreise jährlich um zehn bis 15 Prozent sinken, müssen wir uns fragen, ob es richtig ist, sie per Regulierung noch weiter abzusenken. Wir sind in einer sehr investitionsintensiven Branche. Fallen die Preise zu schnell und zu stark, wird weniger investiert. Ist das wirklich im Interesse der Verbraucher, im Interesse des Marktes, der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen und letztlich der Arbeitsplätze der Unternehmen hier in Europa?

Welt am Sonntag: Also weg mit der Regulierung?

Colao: Nein, ich denke nicht in solchen Schwarz-Weiß-Kategorien. Aber das Wettbewerbsrecht sollte als stärkerer Rahmen genügen. Wir sollten etwas weiter in die Zukunft blicken als bisher. Gute Regulierung kann sehr erfolgreiche Industriepolitik für den Standort und die hier lebenden Menschen sein.

Welt am Sonntag: Sollten sich Regierungen überhaupt einmischen, wenn Unternehmen aufgrund der Krise in Schwierigkeiten geraten?

Colao: Das ist eine sehr schwierige Entscheidung, die Politiker treffen müssen. Arbeitslosigkeit ist generell mit das Schlimmste, was einer Gesellschaft passieren kann. Deswegen sollten Regierungen prinzipiell die Möglichkeit haben zu intervenieren, gegenzusteuern und zu stimulieren. Die große Schwierigkeit und Verantwortung für die Politiker ist sicher, zu entscheiden, ob ein wankendes Unternehmen auch tatsächlich eine Zukunft hat.

Welt am Sonntag: Gerät dabei nicht die freie Marktwirtschaft in Gefahr?

Colao: Ich sehe zumindest eine gewisse Gefahr von Protektionismus und auch die Gefahr von politisch motivierten Eingriffen des Staates in die Wirtschaft. Wir dürfen trotz aller Probleme durch die jetzige Krise nicht vergessen, was freier Welthandel und Marktwirtschaft Positives für die Entwicklung der Erde geleistet haben und weiter leisten. Weder Indien noch China und Teile des afrikanischen Kontinents wären heute dort, wo sie sind.

Welt am Sonntag: Ihr Unternehmen gerät zunehmend in die Defensive. Sie haben Ihre Umsatzprognose zweimal herabgesetzt, einen Sparplan verkündet und wollen nur noch vorsichtig zukaufen.

Colao: Vielleicht haben wir etwas früher als andere gesehen, wohin die globale Wirtschaft steuert und was dann auf uns zukommen kann. Vodafone hat eine gute Zukunft. Wir sind gut in Schwellenländern vertreten, vor allem in Indien und Afrika. Und unsere mobilen Datendienste wachsen sehr schnell. Zwar gehen die Preise für Handy-Telefonate zurück, dafür nutzen die Kunden ihre Mobiltelefone häufiger. Es geht darum, diese Entwicklungen auszubalancieren und dabei natürlich die Kosten im Blick zu haben. Ich würde das nicht defensiv nennen, sondern eher solide.

Welt am Sonntag: In Großbritannien frieren Sie die Gehälter Ihrer 10.000 Mitarbeiter ein. Gilt das auch für Vorstandsmitglieder wie Sie und deren Bonus?

Colao: Vodafone ist ein internationaler Konzern, aber anders als viele andere multinationale Unternehmen stark dezentral organisiert. Die von Ihnen angesprochene Maßnahme ist eine Entscheidung der Landesgesellschaft in Großbritannien, aber nicht eine des Konzerns für die ganze Gruppe. Die Landesgesellschaft hat auf die Geschäftsentwicklung in Großbritannien reagiert.

Welt am Sonntag: Sogar Dienstwagen sollen nun länger genutzt werden als bisher. Ist es wirklich schon so schlimm?

Colao: Auf jeden Fall ist es doch richtig, alles immer wieder zu hinterfragen. Die Deutschen bauen die besten Autos der Welt. Warum soll man ein solches Auto nur drei Jahre fahren können, warum nicht vier oder fünf? Es ist doch auch eine Frage der Nachhaltigkeit. Wir können nicht immer bessere Produkte herstellen und sie dann immer kürzer verwenden. Wir müssen an vielen Stellen umdenken, und die Krise kann uns dabei helfen.

Welt am Sonntag: Man könnte sich fragen, ob das alles bei einer Gewinnprognose von zwölf Milliarden Pfund angemessen ist.

Colao: Sparen ist immer angemessen. Wir arbeiten schließlich mit dem Geld unserer Investoren. Ich rede dabei nicht von anonymen Investoren in London oder New York. Ich rede von Menschen, deren Pensionen von Vodafone abhängen, weil sie in unsere Aktien investiert haben. Und es ist die Aufgabe und die Verantwortung des Unternehmens, Arbeitsplätze für die Mitarbeiter zu sichern. Dafür kann man doch einen Mercedes, Audi oder BMW vier statt drei Jahre fahren.

Welt am Sonntag: Welche Rolle spielt Deutschland in Ihrem Sparplan?

Colao: Deutschland gehört zu ?unseren effizientesten und wichtigsten Gesellschaften. Vodafone Deutschland hat den Festnetzanbieter Arcor übernommen und ist jetzt der erste integrierte Anbieter in der weltweiten Vodafone-Gruppe. Deutschland zeigt uns heute, wo wir mit Vodafone in drei bis fünf Jahren stehen wollen.

Welt am Sonntag: Der Mobilfunkmarkt in Europa ist annähernd gesättigt. Was nun?

Colao: Die Zeit für eine Konsolidierung ist zweifellos da.

Welt am Sonntag: Sie gehen wieder auf Einkaufstour?

Colao: Für eine Konsolidierung brauchen Sie Käufer und Verkäufer.

Welt am Sonntag: Eigentlich müssten Unternehmen in der Wirtschaftskrise doch billig zu haben sein.

Colao: Das ist eine Frage der Gelegenheiten.

Welt am Sonntag: Welche Märkte wären für Sie interessant?

Colao: Solche Opportunitäten kann ich nicht über ein Interview ausmachen, bewerben oder bewerten.

Welt am Sonntag: In Australien haben Sie Ihr Geschäft mit Hutchison zusammengelegt. Wäre so etwas auch in Europa denkbar?

Colao: Man spricht inzwischen auch hier vom australischen Modell. Das geht nur mit einem brauchbaren Wettbewerbsrecht. Der Wettbewerb ist ja nicht vorbei, wenn zwei Unternehmen ihr Geschäft zusammenlegen. Es gibt nach wie vor die Konkurrenz zwischen verschiedenen Netzen.

Welt am Sonntag: Glauben Sie denn im Ernst, dass die Regulierer in Europa mitspielen?

Colao: Die Regulierungsbehörden sollten nicht zu beunruhigt sein. Jetzt ist die Zeit, in größeren Maßstäben zu denken. Kapital ist derzeit knapp, deswegen muss es effizient eingesetzt werden. Das ist auch ein Grund, warum wir und andere Anbieter in einigen Regionen Netzinfrastruktur teilen. Gerade für ländliche Gebiete ist es häufig die einzige Möglichkeit, mobiles Breitband zu bekommen. Wettbewerb findet dann nicht nur auf der Ebene des Netzes statt, sondern auch bei den Diensten, die angeboten werden.

Welt am Sonntag: Seit einigen Jahren ist Vodafone in Schwellenländern vertreten. Reicht das Wachstum dort, um die schwächelnden Märkte in Europa auszugleichen?

Colao: Dafür sind wir vielleicht in Europa zu stark, als dass dies immer und vollständig der Fall wäre. Aber schauen Sie sich Indien an, dort wächst der Markt zweistellig und die Mobilfunkdurchdringung liegt gerade mal bei rund 25 Prozent. In vielen Regionen Afrikas ist Mobilfunk die einzige Möglichkeit der Telekommunikation. Das sind gute Märkte, auch wenn die Profitabilität der einzelnen Nutzer nicht so hoch ist. Indien ist heute einer unserer wichtigsten Märkte und arbeitet sich schnell nach oben.

Welt am Sonntag: Doch sogar dort verlangsamt sich das Wachstum. Haben Sie zu viel erwartet?

Colao: Ich gehe zwar davon aus, dass sich das Wachstum auch in Schwellenländern abschwächt. Aber wir haben dort noch enormes Potenzial.