Pflege in Berlin

„Für menschenwürdige Pflege werden wir mehr bezahlen müssen“

Torsten Meireis, Professor für Ethik und Hermeneutik an der Humboldt-Universität, fordert professionelle Standards in der Pflege.

Um den Wünschen und Bedürfnissen von Pflegebedürftigen besser gerecht zu werden, sollten sie von Teams gepflegt werden, sagt Torsten Meireis.

Um den Wünschen und Bedürfnissen von Pflegebedürftigen besser gerecht zu werden, sollten sie von Teams gepflegt werden, sagt Torsten Meireis.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Wie sieht menschenwürdige Pflege aus? Und wie muss unser Pflegesystem verändert werden, um Angehörige nicht permanent zu überfordern? Darüber haben wir mit Torsten Meireis, Professor für Ethik und Hermeneutik an der Humboldt-Universität, gesprochen.

Berliner Morgenpost Herr Meireis, welche ethischen Grundsätze sollten in der Pflege gelten?

Torsten Meireis: Zentral ist die Achtung der Würde der Gepflegten. Das heißt, man muss ihre Selbstbestimmung achten, Schaden vermeiden, dem Patientenwohl die höchste Priorität einräumen. Und es soll gerecht zugehen. Das wird aber immer dann schwierig, wenn man es konkretisiert. Was bedeutet es, Autonomie zu achten, wenn jemand schwer demenzkrank ist? Hier gilt es, eine Balance zwischen Schutz und Selbstbestimmung zu wahren. Dazu braucht man ein enges Netz von Menschen, die den Demenzkranken kennen, beurteilen können, was er vermutlich möchte und das gegen die Gefahr einer Selbstschädigung abwägen. Mit einer Person ist es dabei nicht getan. Nicht nur, weil dies für einen allein eine Überforderung wäre, sondern auch, um Missverständnisse oder gar Missbrauch zu verhindern, sind mehrere nötig. Das ist aber aufwendig und teuer.

Wie kann man diese Balance zwischen Schutz und Selbstbestimmung herstellen?

Am wichtigsten sind zunächst einmal die Rahmenbedingungen. Wenn ich meinen Vater ohne Unterstützung pflege und damit überfordert bin oder wenn ich im Heim arbeite und durch den niedrigen Personalschlüssel überfordert bin, ist die Balance einfach schwierig. Wenn ich ein Team von Pflegenden habe und mich beraten und besprechen kann und genug Zeit habe, um mich zu erholen, dann ist diese Balance sehr viel einfacher. Auch moderne Assistenzsysteme können helfen. Es gibt Sensorik, die bemerkt, wenn etwa ein schwer Demenzkranker und Fallgefährdeter aus dem Bett aufsteht, und sich meldet. Man kann dadurch eine Fixierung verhindern und so mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Aber das ist natürlich in einem Privathaushalt nicht so einfach zu verwirklichen.

Also ist die Pflege zu Hause problematischer?

Da gibt es zwei Seiten. Die eine ist Würde und Wohl der Gepflegten. Das steht aber in einem ursprünglichen Zusammenhang mit dem Wohl und den Rechten der Pflegenden. Oft ist die Pflege zu Hause für die pflegenden Angehörigen eine enorme Belastung, die manchmal auch massive Überforderung bedeutet, die ihrerseits zu Konflikten oder sogar Gewalt führen kann. Hier werden pflegende Angehörige zu oft allein gelassen. Pflegearbeit ist eine gesellschaftlich notwendige Arbeit, die angemessen entlohnt werden und professionellen Standards entsprechen sollte. Pflege durch Angehörige ist natürlich an vielen Stellen sehr vorteilhaft, weil die Pflegebedürftigen in ihrem vertrauten Bereich bleiben können. Aber dann muss ich mich als pflegender Angehöriger darauf verlassen können, dass ich professionelle Unterstützung habe und nicht überfordert werde. In den vergangenen Jahren wurde ja einiges getan, um die Pflege zu verbessern.

Sind wir auf einem guten Weg?

Nicht so richtig. Da haben wir politisch zu lange geschlafen. Es ist zwar sehr gut, dass dieses Problem jetzt adressiert wird, aber der Aufholbedarf ist immens. Und der demografische Wandel ist schon seit Jahrzehnten kein Geheimnis mehr. Trotzdem hat man gedacht, dass sich das schon ergeben wird. Die Einführung der Pflegeversicherung war eigentlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Was muss aus Ihrer Sicht noch getan werden?

Es gibt kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen. Die verstärkte Werbung für den Pflegeberuf und die schon seit einiger Zeit im Gange befindliche Aufwertung durch akademische Ausbildungsgänge und dadurch höhere Gehälter ist nicht schlecht, doch glaube ich, dass das zu kurz greift. Man wird auf Dauer schauen müssen – und das ist das Mittelfristige – dass man politisch mehr Geld für diesen Bereich zur Verfügung stellt. Wir haben dieses Problem in allen Bereichen der personennahen Dienstleistungen, auch in der Erziehung. Wir bringen dieser Art von Tätigkeit wenig Wertschätzung entgegen und zahlen dafür zu wenig Geld. Das heißt, der Anteil dessen – und das ist das Langfristige –, was wir als Privatleute, aber auch als Gemeinwesen für diese Dienstleistungen bereit sind auszugeben, muss einfach steigen.

Um höhere Löhne für Pflegende zu zahlen...

Ja. In der Lohnentwicklung wird ökonomisch immer argumentiert, je effizienter die Arbeit, desto höher wird bezahlt. Im Produktionssektor haben wir durch die Rationalisierung und Automatisierung eine immense Steigerung der Effizienz. Vereinfacht gesagt: Wo ein Arbeiter 1960 vielleicht noch ein Auto pro Stunde produziert hat, sind es heute zehn und er verdient mehr. Bei personennahen Dienstleistungen wie der Pflege ist die Effizienzsteigerungsmöglichkeit aber höchst begrenzt. Für menschenwürdige Pflege braucht es Zeit und Geduld. Wir haben diese Löhne zum Teil an die Lohnsteigerungen im restlichen Bereich angeglichen. Auch eine Pflegekraft verdient heute deutlich mehr als noch 1960, aber Arbeitseffizienz und Geschwindigkeit lassen sich nicht in gleichem Maße erhöhen wie in der verarbeitenden Industrie – auch, weil das auf Kosten der Menschenwürde ginge.

Die Pflegeversicherung reicht nicht?

Nein, die kann es momentan nicht decken. Schon für einen Pflegeheimplatz sind bei Zuerkennung eines Pflegegrads im Schnitt 1500 Euro Zuzahlung fällig.

Wieso ist die Wertschätzung für den Pflegeberuf so gering?

Traditionell herrscht die Idee vor, dass personennahe Dienstleistungen von Frauen im privaten Sektor erledigt werden und dass es scheinbar nichts kostet, wenn etwa die Schwiegertochter die Pflege des Opas übernimmt. Pflege und Erziehung galten lange als Tätigkeiten, die Frauen gleichsam „von Natur aus“ übernehmen und für die man keine Ausbildung braucht. Aber beides ist natürlich nicht wahr: Pflege wie Erziehung sind sehr anspruchsvolle Tätigkeiten, die nicht einfach den Frauen aufgrund traditioneller Rollenerwartungen zugemutet werden dürfen. Werden diese personennahen Tätigkeiten aber professionalisiert, also anerkannt, nach professionellen Standards gestaltet und angemessen bezahlt, dann werden sie teurer. Zudem sind durch die zunehmende Lebenserwartung auch die verlängerten Pflegebedürftigkeiten in den Blickwinkel gerückt. Und die einfache Antwort heißt: Wenn wir menschenwürdig vorgehen wollen, werden wir mehr dafür ausgeben müssen – privat wie volkswirtschaftlich. Solange wir einen bestimmten Pflegesatz haben, der gedeckelt ist, und alles darüber individuell bezahlt werden muss, bleibt das System nach gesellschaftlicher Ungleichheit strukturiert.

Also ist das System nicht gerecht...

Ich würde ganz simpel sagen, nein. Denn Menschen haben momentan nicht die gleichen Zugangschancen zur Gesundheitsversorgung.

Warum nicht?

Weil sich die allgemeinen Vermögens- und Einkommensunterschiede massiv auswirken. Wenn eine Pflege zu Hause nach professionellen Standards wahrgenommen wird und die Kräfte arbeitsrechtlich einigermaßen plausibel eingesetzt werden, schlägt es schon deutlich höher zu Buche, als sich ein Durchschnittsverdiener leisten kann. Schätzungen gehen von 5000 bis zu 10.000 Euro aus, wie der Ethiker Bernhard Emunds in seinem sehr lesenswerten Buch „Damit es Oma gutgeht“ errechnet hat. Auch für Pflege-Wohngemeinschaften muss man ein erhebliches Vermögen einzusetzen, um sich Raten von monatlich 5000 bis 15.000 Euro leisten zu können. Aber im Gesundheitssystem kommen auch Ungerechtigkeiten an, die dort weder verursacht werden noch bearbeitet werden können. Wer einer höheren Bildungs- und Einkommenskategorie angehört, hat statistisch gesehen eine höhere Lebenserwartung bei besserer Gesundheit. Pflegebedürftigkeit oder Demenz können zwar auch auftreten, in der Tendenz aber später und weniger stark.

Woran liegt das?

Das liegt unter anderem daran, dass in den unteren Einkommensschichten die Arbeitsbedingungen in der Regel körperlich weit belastender sind als in den Mittel- und Oberschichten, aber auch daran, dass schon am Lebensbeginn Benachteiligungen durch geringe Vermögen vorliegen und schließlich daran, dass auch gesundheitsschädigende Verhaltensweisen weiter verbreitet sind und Lebensstile bilden, denen man sich als Einzelner nur schwer entziehen kann. Die gestiegene gesellschaftliche Ungleichheit wirkt sich auch im Pflegekontext aus. Ärmere Menschen haben stärkere gesundheitliche Einschränkungen und – das mag jetzt hart klingen – verursachen dadurch einen höheren Pflegeaufwand, dem aber weniger finanzielle Ressourcen gegenüberstehen.

Geht es im Pflegesystem zu sehr darum, Geld zu verdienen?

Es gab in den vergangenen Jahrzehnten eine Umstellung auf marktmäßige Strukturen. Märkte sind prinzipiell etwas Gutes, weil sie über Konkurrenz und Wettbewerb für Verbesserung der Leistung bei günstigeren Preisen sorgen. Aber im Gesundheitsbereich sind sie ziemlich problematisch.

Inwiefern?

Weil ich dort nicht in der Situation des wohlinformierten Verbrauchers bin. Ich kann mir zumeist nicht wie etwa beim Kauf eines Telefons Zeit lassen, Angebote vergleichen und in Ruhe abwägen. Bei akuter Krankheit oder Pflegebedürftigkeit habe ich Druck und eine Not. Außerdem kann ich mir keine Marktübersicht verschaffen. Ich kann mir zwar Altersheime angucken, sie in der Regel aber nicht immer sinnvoll vergleichen, weil mir die notwendige Fachkenntnis fehlt. Und drittens steht man beim gegenwärtigen Pflegenotstand oft vor dem Problem, überhaupt irgendetwas zu bekommen. Gesundheitsmärkte sind, um es ökonomisch zu sagen, höchst unvollkommene Märkte. Man kann sie natürlich staatlich regulieren. Man kann bestimmte Personalschlüssel festschreiben. Aber dann ist die Frage, wie man das finanziert. Wir werden einen höheren Anteil unseres Einkommens dafür aufwenden müssen.

Wie bereitet man sich gut auf die eigene Pflegebedürftigkeit vor?

Man muss sich des Themas bewusst werden. Und da ist eine wechselseitige Verantwortung zwischen denen, die alt werden, und denen, die sie begleiten, relativ frühzeitig zu überlegen: Kann zu Hause gepflegt werden oder nicht? Wer kann das leisten? Wer ist vor Ort? Welche Wünsche gibt es? Wie viel Geld steht zur Verfügung? Das sollte man möglichst schon direkt nach der Rente ansprechen, wenn die Pflegebedürftigkeit noch fern ist. Aber der Angstfaktor ist natürlich wahnsinnig hoch, weil Bedürftigkeit bei uns ein Tabubereich ist. Niemand möchte in unserer auf Unabhängigkeit ausgerichteten Gesellschaft auf irgendjemanden angewiesen sein. Aber spätestens der Lebensabschnitt ab 85 Jahren ist nun mal das Alter der Angewiesenheit. Man sollte sich frühzeitig überlegen, wie man damit umgeht.

Wie gehe ich mit der Entscheidung um, einen Angehörigen nicht zu Hause zu pflegen?

Das ist ja so ein Thema, das man nicht gerne benennt. Aber es ist oft da und muss auch frühzeitig angesprochen und geregelt werden. Zentral ist die Frage: Wie sorgen wir dafür, dass eine Heimunterbringung so läuft, dass wir als Angehörige regelmäßig da sein können? Pflegeheime sind oft besser als ihr Ruf. Wichtig ist aber, dass man als Angehöriger den Pflegebedürftigen dort nicht allein lässt. Man muss ja nicht jeden Tag stundenlang am Bett sitzen, aber verlässlich mehrmals die Woche eine halbe Stunde oder Stunde da sein. Pflegeheim bedeutet nicht zwangsläufig Abschiebung, sondern ist eben dann sinnvoll, wenn zur Betreuung entlastet werden kann. Das kann dann sogar für alle Beteiligten oft besser sein als die Pflege zu Hause.

Info: Verzicht auf Leasing-Mitarbeiter

Weil in der Pflege Personalmangel herrscht, haben Leiharbeitsfirmen Hochkonjunktur. Der Einsatz von Leasing-Mitarbeitern ist aber umstritten. Sie seien oft nicht so engagiert wie das Stammpersonal, heißt es. Zudem mögen es Pflegebedürftige meist nicht, wenn die Pflegekräfte oft wechseln.

Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) in Berlin hat nun beschlossen, auf den Einsatz von Leasingkräften zu verzichten, „Sie erhalten ein System am Leben, das keiner will“, sagte Markus Franke, Geschäftsführer der EJF Diakonie-Pflege gGmbH. Zudem würden sie bei oft schlechter Qualität bis zu 60 Euro pro Stunde kosten. Die Arbeitsvermittler verdienten auf Kosten des Sozialstaates viel Geld, so Franke. Das EJF biete stattdessen eigenen Mitarbeiter Zulagen für Sondereinsätze.