Pflege in Berlin

Achterbahn der Gefühle in der Pflege

Die Beziehung zwischen Pflegebedürftigen und Angehörigen ist starken Belastungen ausgesetzt. Das kann auch zu Aggressionen führen.

„Pflege heißt immer Beziehung“, sagt die Expertin Ga­briele Tammen-Parr. Die läuft zwischen Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen nicht ohne Spannungen ab. Die emotionale und körperliche Nähe wird vielfach als belastend empfunden. Häufig setzt dann eine Spirale aus Aggressionen und Schuldgefühlen ein.

„Pflege heißt immer Beziehung“, sagt die Expertin Ga­briele Tammen-Parr. Die läuft zwischen Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen nicht ohne Spannungen ab. Die emotionale und körperliche Nähe wird vielfach als belastend empfunden. Häufig setzt dann eine Spirale aus Aggressionen und Schuldgefühlen ein.

Foto: Oliver Berg / dpa

Heidi Müller hetzt von der Arbeit in den Supermarkt, dann schnell, schnell zu ihrer pflegebedürftigen Mutter. „Du kommst ja so spät“, mault diese. Die Tochter verteidigt sich – der Chef, der Berufsverkehr. Und ärgert sich sofort, dass sie wieder in die Rechtfertigungsfalle getappt ist. „Ich finde, du könntest mal anerkennen, dass ich so oft komme“, sagt sie in scharfem Ton. „Du musst ja nicht“, kontert die Mutter, „ich sterbe sowieso bald.“ Heidi Müller steht wortlos auf, knallt die Wohnzimmertür zu, geht in die Küche – und weint.

Heidi Müller gibt es nicht, das Beispiel ist fiktiv. Doch aus der Luft gegriffen ist es nicht. Menschen, die in Beratungsstellen für pflegende Angehörige arbeiten, kennen Dutzende solcher Szenen, und die geschilderte ist noch harmlos. Aggressionen, Konflikte, Gewalt, selbst körperliche Auseinandersetzungen sind keine Einzelfälle in der häuslichen Pflege, sie kommen vielmehr häufig vor, letztlich sind sie Alltag und Begleiterscheinungen der Überforderung.

Das Klischee des barmherzigen Samariters

Nur reden viele Pflegende nicht darüber. Aggressive Gefühle und Gedanken werden häufig tabuisiert, sie passen nicht zum gesellschaftlichen Klischee des barmherzigen und liebevollen Samariters und des dankbaren Pflegebedürftigen. So fühlen sich nicht nur viele pflegende Angehörige mit der enormen Belastung, die diese Aufgabe mit sich bringt, auf sich gestellt. Sondern glauben auch, sie seien mit ihren Aggressionen allein – und schämen sich.

„Aggressionen gehören zur Pflege dazu, genauso wie zum Leben. Sie dürfen nur nicht zum Dauerzustand werden. Ich rate allen: Schämen Sie sich nicht für das, was Sie manchmal denken oder fühlen“, sagt Gabriele Tammen-Parr. Sie leitet die Beratungs- und Beschwerdestelle „Pflege in Not“, deren Träger das Diakonische Werk Berlin-Stadtmitte ist.

Schwerpunkt der seit 20 Jahren existierenden Beratungsstelle ist die häusliche Pflege.

Pflege hinter verschlossenen Türen

Drei Viertel der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut, davon fast 70 Prozent ohne Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes. Diese Form der Pflege ist also die am weitesten verbreitete – und sie findet hinter verschlossenen Türen statt.

Meist beginne sie sehr liebevoll, dann aber gerieten die Pflegenden an die Grenze ihrer Belastbarkeit oder darüber hinaus, erläutert Tammen-Parr. „Oft hören wir Sätze wie: ,Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es mir nicht zugetraut.‘ Oder: ,Ich entdecke Seiten an mir, von denen ich nicht gedacht hätte, dass ich sie habe.‘“

Eine Hauptursache für Überforderung ist die lange Pflegedauer

Eine der Hauptursachen für Probleme und Überforderung sei die lange Pflegedauer, sagt die Expertin – in der häuslichen Pflege in Deutschland liegt sie im Durchschnitt bei zehn Jahren. Viele pflegende Angehörige würden einen Gefühlscocktail aus Mitleid, Überforderung und Aggressionen erleben. „Pflege heißt immer Beziehung. Es geht nicht nur um Einkaufen und Vorlesen, Füttern und Windeln. Und die emotionale Belastung wiegt meist schwerer als die körperliche“, so Tammen-Parr.

„Wenn ich pflege, komme ich dem Angehörigen körperlich und emotional noch einmal sehr nahe. Die Frage ist: Will ich das eigentlich? Beziehungsweise halte ich das aus? Häufig entsteht dann eine Spirale aus Aggressionen und Schuldgefühlen.“

Alte Kränkungen und Konflikte brechen sich Bahn

Diese Beziehung beginne bei Angehörigen nicht erst mit der Pflege. „Das große Problem ist die gemeinsame Beziehungsgeschichte, bei Partnern ebenso wie zwischen Eltern und Kindern. Alte Belastungen, Kränkungen und Konflikte brechen sich Bahn und verknüpfen sich mit der Überforderung. Das ist häufig der eigentliche Zündstoff in der häuslichen Pflege“, erklärt sie. Oft kämen noch Konflikte zwischen Geschwistern hinzu, wie gute Pflege auszusehen hat.

Eine weitere Ursache für Konflikte sei die Rollenveränderung. „Frauen bleiben gegenüber ihren Eltern in aller Regel in der Rolle der Tochter. Nun sollen sie aber Verantwortung für die Eltern übernehmen und Dinge bestimmen. Das ist häufig problematisch, vor allem für die sogenannten Sandwichtöchter, die ihre Eltern pflegen und gleichzeitig Kinder haben, um die sie sich kümmern müssen.“ Wenn das Bestimmen dann nicht fruchtet, wenn sich zum Beispiel die Mutter weigert, in eine Kurzzeitpflege zu gehen, damit Tochter und Schwiegersohn mal Urlaub machen können, bleibt Wut auf beiden Seiten nicht aus.

Abhängigkeit des Partners bringt die Ehe in Schieflage

Zwischen Lebenspartnern sind die Pro­bleme meist nicht geringer. „Wenn häusliche Pflege in die Ehe einbricht, sind existenzielle Fragen berührt. Viele Paare haben dann nichts anderes mehr und müssen sich von Lebensplänen verabschieden. Wegen der großen Abhängigkeit eines Partners geraten viele Ehen in eine Schieflage“, sagt Gabriele Tammen-Parr. Oft fühlten sich die Gepflegten von der Fürsorge erstickt oder, andersherum, sähen sich die Pflegenden andauernden Wünschen ausgesetzt. Das zu verhandeln, fällt vielen Paaren schwer.

Ist der Pflegebedürftige dement, erhöht sich das Konfliktpotenzial erheblich. Schon das langsame Reinrutschen in die Krankheit, oft verbunden mit häufigen Korrekturen, löse Aggressionen aus, sagt die „Pflege in Not“-Leiterin. Viele demenziell Erkrankte beschimpfen ihre Angehörigen, bezichtigen sie des Diebstahls oder schlagen sie. Viele Angehörige wissen dann nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Telefonische Beratung und Gesprächstermine

„Pflege in Not“ bietet Betroffenen telefonische Beratung sowie persönliche Gesprächstermine an, auch mit psychologischer Beratung. Möglich sind auch Familiengespräche. Das durchweg kostenlose Angebot können Pflegebedürftige ebenso nutzen wie Angehörige, Freunde, Nachbarn und professionell Pflegende.

Zum Team der Beratungsstelle gehören neben der Psychologin und Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr eine in palliativer Versorgung geschulte Krankenschwester, ein Gerontologe und Demenzexperte, eine weitere Sozialpädagogin und zwei qualifizierte Ehrenamtliche. 180 Beratungsgespräche pro Monat führten sie durch, erläutert die Chefin.

„Pflege in Not“ kümmert sich auch um Konflikte in Pflegeeinrichtungen

„Pflege in Not“ kümmert sich aber auch um Konflikte, Aggressionen und Gewalt in Pflegeeinrichtungen. Die Berater unterstützen Betroffene bei Beschwerden und bieten Mediation in Konfliktgesprächen mit den Einrichtungen an. Auch deren Vertreter können die Beratung in Anspruch nehmen. Für Pflegekräfte werden zudem Fortbildungen und Supervisionen angeboten.

„Durch den Personalmangel haben Pflegeheime und ambulante Pflegedienste ein massives Problem. Die Beschwerden wegen Pflegemängeln und Konflikten in der professionellen Betreuung nehmen wieder zu“, hat Gabriele Tammen-Parr beobachtet.

Mitunter Mangel an sozialer Kompetenz

Mitunter fehle den Pflegekräften soziale Kompetenz. Heimbetreiber würden einräumen, dass sie heute Mitarbeiter einstellen, die sie noch vor fünf Jahren nicht genommen hätten. Zu Problemen führe oft auch ein hoher Anteil von Leasingkräften in Pflegeeinrichtungen. Diese gingen teilweise weniger engagiert ihrer Arbeit nach als das Stammpersonal.

Für Konflikte sorge aber ebenfalls, dass Angehörige vielfach andere Ansprüche an professionelle Pflege stellten als die Pflegekräfte. Der häufigste Vorwurf laute: Die Mitarbeiter haben viel zu wenig Zeit.