Pflege in Berlin

Ein Tag als Pfleger: Letztes Zuhause auf Station sieben

Das Wort Pflege kommt fast nicht mehr ohne das Wort Notstand aus. Unser Reporter hat am Alltag in einem Pflegeheim teilgenommen.

Reporter Martin Nejezchleba hospitierte einen Tag im Pflegeheim.

Reporter Martin Nejezchleba hospitierte einen Tag im Pflegeheim.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Nachdem das Apfelkompott gelöffelt und das Frühstücksfernsehen verstummt ist, schwebt Elisabeth Malke durch Zimmer 7.18*. Leicht wirkt sie, die Frau im hellrosa Hemd und der dunkelrosa Flauschhose, als ich sie mit dem Hebelifter, ein rollendes Metallgestell mit einer Art Hängematte daran, durch den engen Raum manövriere. Transfer nennt man diese Szene im Pflegejargon. Elisabeth Malke ist fast am ganzen Körper gelähmt. Ohne diese Hilfe wäre sie ans Bett gefesselt.

An diesem Freitagmorgen kümmern sich gleich zwei Menschen um Elisabeth Malkes Transfer: Christiane Jacobi, die Stationsleiterin. Und ich, für einen Tag Hospitant auf Station 7 des Alfred Jung-Seniorenheims in Lichtenberg. Das Heben von Menschen, aus dem Bett, vom Essenstisch, vom Boden, das ist Alltag in der Pflege. Darum sind die Bewohner hier. Sie können ihr Leben nicht mehr aus eigener Kraft stemmen.

Nach 24 Jahren in der Altenpflege und zehn Jahren auf Station 7, gibt mir Jacobi einen Tipp: Egal wie knapp die Zeit ist, immer die Technik zu Hilfe nehmen. Auch wenn es dauert. Wie jetzt. Rollstuhl und Hebelifter bereitstellen, Frau Malke auf die Seite drehen, den Stoff der Hängematte unter ihrem Körper platzieren, das gleiche auf der anderen Seite, Stoff am Metallgestänge einhaken, per Knopfdruck langsam heben, vorsichtig drehen, nicht die Füße mit den geringelten Wollsocken einklemmen, in Millimeterarbeit durch den Türrahmen. Nur bis hier, auf halbem Weg zum Rollstuhl, vergehen zehn Minuten.

Die Versuchung, Frau Malke einfach aus dem Bett in den Rollstuhl zu hieven, an diesem Morgen in Raum 7.18* ist sie spürbar. Die Zeit in der Pflege wird immer knapper. Nicht immer können Pfleger der Versuchung standhalten. „Mit dem Rücken haben wir es alle“, sagt Jacobi.

Pflege. Ein Wort, ein Berufsstand, der in den vergangenen Monaten und Jahren kaum noch ohne ein zweites Wort auskommt. Notstand. In einem Land, das älter und gebrechlicher wird, fehlen Zehntausende Pflegekräfte.

In keinem anderen Beruf dauert es so lange, freie Stellen zu besetzen

In Berlin waren im Dezember 2018 laut Bundesarbeitsagentur alleine in der Altenpflege 216 Stellen unbesetzt. In keinem anderen Berufsstand dauert es so lange, Arbeitskräfte für freie Stellen zu finden: fünf bis sechs Monate im Durchschnitt. Warum kaum jemand in den Beruf will, das hat die Politik längst erkannt: schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne.

Und dann kommt noch etwas dazu. Das Unbehagen. Welcher junge Mensch will schon tagtäglich mit Krankheit, Alter und Tod konfrontiert werden? Und das auch noch im Schichtsystem. Auch in mir ist dieses Unbehagen aufgestiegen, als über den Plattenbauriegeln in Lichtenberg der graue Morgen dämmerte. Vor mir das Seniorenheim, in Pastelltönen gestrichen. Hinter der Fertigbaubetonfassade leben 142 Menschen. Es ist ihr letzter Wohnort und vielen hier ist das bewusst.

Es war nicht ganz einfach, als Reporter in ein Pflegeheim zu kommen. Telefonate, E-Mails, Gewerkschaftskontakte. All das führte immer nur zu einem: Absagen. Datenschutz war eine Begründung. Die hohe Arbeitsbelastung eine andere. Auch das Wort Personalmangel fiel dabei.

Das Alfred-Jung-Seniorenheim hat zugesagt. Eines von vier Altenheimen, die die Volkssolidarität in Berlin betreibt. Von der Chefin für die Sozialdienste heißt es, man könne sich nicht über mangelnden Nachwuchs beschweren, nicht über all die Skandal- und Enthüllungsartikel aus Pflegeheimen – und sich gleichzeitig abschotten.

Bei der Volkssolidarität scheint man auch nicht viel verstecken zu müssen. Man zahlt Tarif. Ein examinierter Altenpfleger verdient also je nach Berufsjahren zwischen 2700 und 3400 Euro brutto im Monat. Laut Bundesgesundheitsministerium können das nur 20 Prozent der Altenpflege-Einrichtungen von sich behaupten. Laut Arbeitsagentur verdienen Pfleger in privaten Einrichtungen im Schnitt nur 1700 Euro. Die Volkssolidarität wirbt zwar inzwischen auch in Albanien oder bei Geflüchteten um Pflegekräfte – aber immerhin finde man noch Auszubildende.

Keime können in einem Haus wie diesem töten

In der Frühschicht heute arbeiten neben mir noch neun Pflegefachkräfte, elf Pflegehelfer, zwei Azubis und ein Zeitarbeiter. Dazu Sozialarbeiter, Hausmeister, der Verteildienst und die Hausleitung. Macht 43 Mitarbeiter auf 142 Bewohner.

Ganz öffnen will sich das Haus dem Journalisten aber doch nicht. Wenn um 6.30 Uhr auf Station 7 die Nacht- auf die Frühschicht trifft, besprochen wird, wer wie geschlafen hat, ob sich jemand erbrechen musste, gestürzt ist, ob Herr Fichtner* ruhig geblieben ist, soll der Reporter lieber nicht dabei sein. Sensible Patientendaten, heißt es. Während also ein paar Stockwerke höher die Pfleger den Gang auf und ab eilen, ein Bewohner nach dem anderen erwacht, überreicht man mir im Büro der Pflegeleitung ein grünes Poloshirt, ein Namensschild und das Wichtigste: die Kittelflasche. Desinfektionsmittel. Gegen Keime an den Händen. Denn Keime können in einem Haus wie diesem töten.

Auf die Essensausgabe folgt die Medikamentenausgabe. Eine Mitarbeiterin vom Verteildienst schiebt einen Wagen mit blauen Plastikbehältern durch den Gang. Je Bewohner ein Behälter, auf die Uhrzeit und das Mikrogramm genau in einer zentralen Ausgabestelle in Kleinmachnow portioniert. Schilddrüsenhormone um 6 Uhr, um 8 Uhr fünf Milligramm Folsäure, 47,5 Milligramm Methohexal gegen Herzschwäche und 10 Milligramm gegen Bluthochdruck und Wassereinlagerungen. Auch das ist ein Mittel gegen den Fachkräftemangel: Alle Arbeitsschritte, die ausgelagert werden können, werden ausgelagert.

Der Wagen mit den Medikamenten klappert den Gang entlang, hält vor Raum 7.04*. Hier wohnt Heinrich Rasmuß. Ein Mann mit stolzen, grauen Haarsträhnen und weichem Gesicht. Er ist 94 Jahre alt, „steinalt“, wie er sagt, war Lehrer in der DDR. Wenn er auf seine Zimmerwand blickt, auf die Schwarz-weiß-Fotos der vier Kinder, seiner verstorbenen Frau, auf die Ölgemälde seines Vaters, die Holzfiguren, die Rasmuß aus Indonesien mitgebracht hat, sagt er: „Wat’n Leben, wa?“

Vor ein paar Jahren merkte Rasmuß, dass er dieses Leben nicht mehr im Griff hat. Er spricht von diesem fürchterlichen Gefühl, damals, als er in in seiner Köpenicker Wohnung hinfiel, auf dem Boden lag. Stunden. Tage. Bis ihn zufällig jemand fand. Raum 7.04* nennt er nun sein Zuhause.

Seit fünf Jahren im Wachkoma

Sein Nachbar, Harald Fichtner*, scheint so einen Ort noch zu suchen. Sein Zimmer meidet er. Rastlos schiebt der dürre Mann einen Rollator durch den Gang, vor zum Ausgang, wieder zurück. Fichtner* leidet am Korsakow-Syndrom, sein Gedächtnis und sein Sinn für Orientierung sind gestört. Der korrekte Begriff für seine Rastlosigkeit lautet: Hinlaufsyndrom. „Er ist immer auf der Flucht“, sagt Stationsleiterin Jacobi. Meist bringt ein Krankenwagen ihn zurück. Manchmal passiert das zweimal am Tag. Aufhalten kann Fichtner hier niemand. Das Seniorenheim ist ein offenes Haus.

In Raum 7.19* liegt Irmgard Krämer*. Sie war mal bekannt, trat im Fernsehen und auf Bühnen auf. Jetzt liegt sie da, ist seit fünf Jahren im Wachkoma. Die Nahrung kommt durch eine Sonde. Ob sie das will, weiß niemand. Krämer hat keine Patientenverfügung hinterlassen, kein Angehöriger konnte über ihren mutmaßlichen Willen aussagen. Frau Krämer muss am Leben bleiben. In der Hand hält sie ein Spielzeugmikrofon. Vielleicht erinnert sie das an früher. Auf jeden Fall hält es ihre Hand davon ab, sich zu schließen, davon, dass die Fingernägel sich in ihre Hand graben.

Aus dem Raum gegenüber brummt die Stimme eines Mannes. Er besucht seine Frau. Später soll auch sie per Transfer in einen Rollstuhl schweben, er will sie mit in den Garten nehmen.

Dreimal ertönte in diesem Jahr die Glocke in Raum 7.12

In Raum 7.12* ist es still. Eine Couch, ein schwarzes Regal mit weißen Porzellanengeln, eine Glocke. Wenn ein Bewohner stirbt, kommen die Angehörigen hier zusammen, dann ertönt die Glocke. Drei Mal war sie in diesem Jahr zu hören.

Die Bewohnerschaft wechsle schneller in den letzten Jahren, erklärt Christiane Jacobi. Der medizinische Fortschritt aber auch die hohen Kosten der stationären Pflege führen dazu, dass Menschen länger zu Hause leben. Wenn sie dann ins Pflegeheim ziehen, geht es oft sehr schnell.

Als Elisabeth Malke auf Station 7 kam, dachten die Pflegekräfte, sie würde bald sterben. Eigentlich ist sie viel zu jung für das alles hier. Jahrgang 1965. Aber irgendwann fing ihr Köper an, Antikörper zu produzieren, die ihre Nerven angreifen. Multiple Sklerose. Sie ist fast vollständig gelähmt, kann nur mit Mühe Wörter bilden. „Mar – – tin“, spricht sie meinen Namen nach. Elisabeth Malke hat alle auf der Station überrascht, hat nochmal ins Leben zurückgefunden. „Die pure Freude“, sagt Jacobi. Als sie aber mit meiner Hilfe in Richtung Rollstuhl schwebt, klingt sie nicht nach Freude. Frau Malke wimmert, sagt abwechselnd, „Aua“ und „Mann“. Juckt es nur irgendwo? Oder hat sie Schmerzen? Sie kann es nicht sagen.

Jetzt sitzt sie im Rollstuhl, ist bereit für den vorläufigen Höhepunkt des Tages. Der ist im Erdgeschoss ab 10 Uhr geplant. Beschäftigung. So heißt das hier. „Roooo-saaaa-mundee. Schenk mir dein Herz und sag ja“, dudelt es aus den Lautsprechern. Elf Frauen haben sich zum Bingo getroffen. Jemand stellt bunte Plastikbecher mit Bananen-shakes auf den großen Holztisch. Die Damen nippen. „Nicht meine Welt“ , sagt eine. „Auf los geht’s los“, sagt die Frau von der Beschäftigung. Die Zahlen werden verlesen. Laut. Langsam.

„Sie reden viel zu schnell für mich“

Ich sitze neben Elisabeth Malke, helfe beim Legen. Sie schaut mich immer wieder fragend an. Manchmal findet sie die richtige Zahl, zeigt mit dem Finger drauf. „Ja, jaa“, flüstert sie. Dann, in der zweiten Runde, gelingt es uns. Wir decken die letzte Zahl ab, ich schaue Frau Malke in die Augen, sage: „Bin-go.“ Und Frau Malke wiederholt, einmal, zweimal. Beim dritten Mal hat ihre Stimme richtig Kraft. Sie strahlt mich an. Die Prämie, ein Tütchen Cola-Fruchtgummis, teilen wir.

Auf dem Gang rollt Heinrich Rasmuß vorbei. Ich werde hier nicht gebraucht, grummelt der Mann. Jemand überredet ihn, wieder in die Cafeteria zurückzurollen. Dort wedeln sechs Senioren mit Fliegenklatschen, schlagen sich damit gegenseitig einen Schaumstoffball zu.

Heinrich Rasmuß lehnt den Kopf auf die Handfläche, beobachtet das Schachspiel. Ein Praktikant spielt. Rasmuß hat ihm das Spiel beigebracht. Aber das hat er schon wieder vergessen. Er spielt gegen einen Bewohner mit blauem T-Shirt, darauf die Aufschrift „Der frühe Vogel … kann mich mal“. Er gewinnt. Dann spielt Heinrich Rasmuß gegen den Morgenmuffel. Einmal, zweimal. Die Cafeteria ist inzwischen leer. Der Praktikant räumt die Stühle zusammen, längst sind alle auf ihren Etagen zum Mittagessen. Herr Rasmuß sagt: „War ne gute Partie.“ Der Morgenmuffel sagt: „Na gut, dann spielen wir eben noch eine Runde.“ Eine Pflegerin will das Spiel unterbrechen. Der Morgenmuffel brummt und wischt die Figuren vom Brett.

Ich schiebe Heinrich Rasmuß in den Aufzug, zurück auf Station 7. Er will noch nicht essen, deutet zum Fenster. Dann erzählt er, wie er als kleiner Junge in Buckow gelebt hat. Am See. Wie ihm seine Mutter das Rudern beigebracht hat, wie er damals erfahren hat, was ein Jude ist, das er einer ist, weil die Großmutter eine war. Es ist das dritte Mal, dass er mir die Geschichte in dieser Frühschicht erzählt. Und beginnt immer wieder aufs Neue: „Wissen Sie…“

Ob er zufrieden ist hier, auf Station 7. Er sagt: „Sie reden viel zu schnell für mich.“ Wir blicken zusammen aus dem Fenster. Draußen ziehen dunkelgraue Regenwolken über die graue Straße, über Plattenbauten, einen Discounter. „Ein wunderschöner Ausblick“, sagt Heinrich Rasmuß.

Leben ist, wenn ein 94-Jähriger noch die Schönheit erkennt

Solche Momente werden im Pflegealltag immer seltener, sind die Ausnahme in einem von Zeit- und Personalmangel getriebenen Beruf. Und auch auf Station 7 dürften die Schichten normalerweise straffer getaktet sein als die eines Reporters, der hier für einen Tag hospitiert.

Aber spätestens als ich mit Heinrich Rasmuß aus dem Fenster blicke, ist auch das letzte Bisschen meines morgendlichen Unbehagens verflogen. Ob die Menschen auf Station 7 nun zum Leben oder zum Sterben hierher gezogen sind – alles eine Frage der Perspektive. Und wer hat schon mehr gelebt als ein 94-Jähriger, der die Schönheit dort erkennt, wo andere nur eine verregnete Plattenbausiedlung sehen?

Die Bundesregierung hat sich einiges vorgenommen, um die Pflege von ihrem Notstand zu befreien. 111 Maßnahmen sind beschlossen. Zehn Prozent mehr Auszubildende bis zum Jahr 2023, 13.000 neue Mitarbeiter in der stationären Altenpflege aus dem Budget der gesetzlichen Krankenversicherungen, die Löhne sollen steigen. Aber schon im Dezember 2018 fehlten in Deutschland laut Bundesagentur für Arbeit 40.000 Fachkräfte und Helfer in der Alten- und Krankenpflege, der demografische Wandel ist ungebremst. Es scheint, als könnten politische Maßnahmen nicht die Zeit anhalten. Womöglich müssen wir alle sie uns nehmen.

Heinrich Rasmuß will nun doch essen. Leichte Vollkost. Lammcurry mit Ananas und Lauch. Dazu Reis. Er deutet auf seinen Stammplatz im Gemeinschaftsraum. Harald Fichtner* ist heute nicht davongerannt. Im Moment geht das auch nicht. Auf dem Gang ist ihm die Hose heruntergerutscht, hängt irgendwo oberhalb seiner Waden. Ob ich ihm helfen könne? Ich ziehe die Hose hoch. Fichtner bedankt sich. Und geht auf sein Zimmer. Jetzt noch Frau Malke. Rücktransfer. Wieder dieses Wimmern. Dann, als ihr Körper in die Matratze sinkt, schlagen die Klagelaute in Erleichterung um. „Aaaaah.“ Stationsleiterin Jacobi sagt: „War ein aufregender Tag heute.“

* Die markierten Stellen wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verfremdet.

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