Fachkräftemangel

„Mir war immer klar, dass ich in die Pflege will“

Maria Witte macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Obwohl es manchmal anstrengend ist, liebt sie ihren Job – Serie, Teil 4.

Pflege / Pflegeserie / Alten und Krankenpflege / Vivantes Auszubildende Maria Witte

Pflege / Pflegeserie / Alten und Krankenpflege / Vivantes Auszubildende Maria Witte

Foto: Reto Klar

Berlin. Schon heute ist der Fachkräftemangel in Berlin dramatisch. Insgesamt 8140 Altenpfleger zählt das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in der Hauptstadt – 4923 in stationären Pflegeheimen und 3217 bei ambulanten Pflegediensten. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im vergangenen Dezember 216 Stellen in der Altenpflege unbesetzt. Auf der Engpassliste der BA steht die Branche seit Jahren an erster Stelle. Nirgendwo vergeht zwischen Stellenausschreibung und -besetzung so viel Zeit – im Schnitt 159 Tage. Und nirgendwo gibt es so wenig potenzielle Bewerber. Lediglich 63 sind es auf 100 offene Stellen.

Setzt sich diese Entwicklung fort, werden im Jahr 2030 nach Schätzungen der Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin 20.000 Altenpfleger fehlen. Die Branche braucht dringend mehr Nachwuchs. Nach vorherigem Anstieg sind die Ausbildungszahlen aber seit fünf Jahren konstant. Insgesamt 2949 angehende Altenpfleger gibt es im aktuellen Schuljahr.

Ein Grund für den Fachkräftemangel ist für Maria Witte das Bild, das viele Menschen von der Altenpflege haben. „Ich höre häufig: Das könnte ich nicht‘.“ Oder Menschen sagen, sie sei nur mit Windeln wechseln beschäftigt. Das ärgere sie. Denn in Wirklichkeit gehöre so viel mehr dazu. Seit eineinhalb Jahren macht die 26-Jährige eine Ausbildung zur Altenpflegerin im Seniorenheim „Haus Seebrücke“ in Hakenfelde. Das Heim direkt am Havelufer hat 179 Plätze und gehört zur „Vivantes – Forum für Senioren GmbH“, einer Tochter des landeseigenen Gesundheitskonzerns, der insgesamt 17 solcher Pflegeeinrichtungen in Berlin betreibt und derzeit 287 angehende Altenpfleger ausbildet.

Man bekommt viel von den Bewohnern zurück

Maria Witte stammt aus dem sächsischen Pirna. Dort machte sie mit 15 Jahren ihr erstes Schulpraktikum in einem Altenheim. Nach der Schule folgte ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Demenz-WG in Dresden. „Mir war immer klar, dass ich in die Pflege will.“ Mit 19 Jahren kam sie nach Berlin und arbeitete zunächst als Pflegeassistentin, bevor sie die Ausbildung begann. „Warum mache ich das? Ich glaube, das ist so ein Standardsatz, den jeder sagt, aber: Um Menschen zu helfen“, sagt Witte. Von den alten Menschen bekomme man viel zurück. Oft seien das einfache Dinge wie ein Lächeln. „Ich finde es toll, wenn sich ein Bewohner meinen Namen merkt, obwohl er schon leichte Demenz hat.“ Dann wisse sie, dass sie etwas richtig gemacht hat. Maria Witte strahlt

Toilettengänge, Waschen oder bei der Körperpflege zu helfen, seien nur ein Teil ihres Jobs. Man müsse auch für die Bewohner da sein, sie begleiten und ihnen zuhören. „Man erfährt ihre Lebensgeschichten und bekommt einen Einblick in ein anderes Leben.“ Die Biografie sei wiederum entscheidend für die Pflege. „Gerade bei Demenzkranken ist es ganz wichtig zu wissen, was sie früher im Beruf gemacht und welche Vorlieben und Abneigungen sie haben.“ Das herauszufinden, mache ihr besonders Spaß. „Ein dementer Bewohner saß einmal den ganzen Tag so da“, sagt Witte, drückt dabei den rechten Mittel- und Zeigefinger auf ihren Daumen und lässt die Hand mehrfach auf Brusthöhe im Viertelkreis nach oben gleiten. „Stricken!“ Sie habe ihm Wolle und Nadeln gegeben, er sei aufgeblüht und habe nach langem wieder gelacht.

Umgang mit dem Tod muss erst gelernt werden

Zwar gelte es immer das richtige Maß an Nähe und Distanz zu finden. „Aber es entstehen auch über Generationen hinweg Freundschaften.“ Zwangsläufig müsse man daher in jungen Jahren lernen, mit dem Tod klarzukommen und auch für sterbende Menschen da sein zu können. „Am Anfang hatte ich wenig Erfahrung damit, war distanziert und habe einen Umgang mit dem Sterben gesucht“, sagt die angehende Altenpflegerin. Mittlerweile habe sie ihn gefunden. Vor kurzem sei das Thema in der Berufsschule besprochen worden. Außerdem hätten ihr Gespräche mit Vorgesetzten und dienstälteren Kollegen sehr geholfen. „Manche Bewohner geben einem auch das Gefühl, dass der Tod nichts Schlimmes ist und zum Leben dazu gehört.“ Das bedeute aber nicht, dass sie der Tod eines Bewohners nicht berührt.

Empathie sei in ihrem Job das Wichtigste, ist Witte überzeugt. Man müsse sich in die Bewohner hineinfühlen und Dinge nachvollziehen können. Auch Flexibilität sei wichtig. Dabei gehe es weniger um die Arbeitszeiten und das Schichtsystem, vielmehr um den Umgang mit den alten Menschen. „Gerade Demenzkranke sind heute vielleicht glücklich und freundlich, morgen depressiv verstimmt – da muss ich umschwenken können.“ Und letztlich gehöre auch Belastbarkeit dazu.

Wenn die Altenpflege Schlagzeilen macht, sind die meist negativ. Von Arbeitsüberlastung, Schicht- und Wochenenddienst, nicht planbarer Freizeit und frühzeitigem Ausstieg aus dem Job sowie geringer Bezahlung ist oft die Rede. Der Beruf sei anstrengend, viel Arbeit, sagt auch Witte. Manchmal laufe man schon auf dem Zahnfleisch. Beschönigen wolle sie da nichts. Das Problem liegt ihrer Meinung nach im Pflegesystem selbst und müsse politisch gelöst werden. „Der Pflegeschlüssel ist einfach zu schwach – zu wenige Mitarbeiter für zu viele Heimbewohner.“ Über einen Ausstieg habe sie aber nie nachgedacht. Und auch mit dem Finanziellen sei sie zufrieden. Die Ausbildungsvergütung liege deutlich über dem, was in anderen Branchen gezahlt werde.

Fachwissen kann auch für die eigene Familie wichtig sein

In ihre Zukunft blickt Witte voller Optimismus. „Wenn ich ausgelernt habe und Altenpflegerin bin, stehen mir eigentlich alle Türen offen“ ist die 26-Jährige überzeugt. Zunächst wolle sie im Haus Seebrücke bleiben und weiter Arbeitserfahrung sammeln. „Es ist schön hier.“ Perspektivisch denke sie an eine Weiterbildung zur Wohnbereichs- oder Pflegedienstleiterin. Dank technischer Hilfsmittel wie Lifter oder Aufstehhilfen sei es heute außerdem möglich, rückenschonend zu arbeiten. „Es gibt so viele Entlastungsmöglichkeiten. Man muss sie nur erkennen und wissen, wo man sie anwenden kann.“

Würde sie die Ausbildung empfehlen? „Auf jeden Fall. Wenn junge mit alten Menschen arbeiten, kann man unglaublich viel voneinander lernen und Lebenserfahrung sammeln.“ Es gehe auch um das Fachwissen über medizinische Versorgung, Medikamente und Krankheitsbilder. „Das sind Dinge, die vielleicht auch in der eigenen Familie wichtig werden können.“ Maria Witte hat sich auch fest vorgenommen, ihre Eltern zu pflegen, wenn das einmal nötig werden sollte.

Alle Teile unserer großen Serie "Gute Pflege - eine Herzenssache" lesen Sie hier.