Pflege

Doris Helmigs Mutter erkrankte plötzlich an Demenz

Doris Helmig hat ihre demenzkranke Mutter gepflegt – bis es einfach nicht mehr ging. Nun lebt die Mutter in einer Pflege-WG.

Doris Helmig besucht ihre Mutter Bettina in der Pflege-Wohngemeinschaft.

Doris Helmig besucht ihre Mutter Bettina in der Pflege-Wohngemeinschaft.

Foto: Anikka Bauer

Bei Bettina Helmig kam die Veränderung schleichend, zunächst kaum wahrnehmbar. Im Frühjahr 2013 zeigte sie erste Auffälligkeiten, hatte plötzlich Angst im Dunkeln und erzählte, dann käme ein Mann aus der Zimmerdecke. Im Sommerurlaub war die ehemals selbstständige Modeschneiderin wieder ganz die alte, doch im Herbst wurde die damals 83-Jährige zunehmend vergesslich. Einmal habe sie im Wartezimmer ihres Hausarztes gesessen und auf ihre Grippeschutzimpfung gewartet - die sie fünf Minuten vorher bekommen hatte, sagt ihre Tochter Doris.

2014 sei dann die Demenz der Mutter ganz deutlich geworden. Bettina Helmig machte die Nacht zum Tag, konnte oft nicht mehr sprechen und wurde aggressiv. Doris Helmig (heute 67) ging damals noch arbeiten, doch sie verließ mit einem zunehmend unguten Gefühl die große Charlottenburger Altbauwohnung, die die beiden Frauen sich teilten. Wenn sie gegangen war, öffnete die Mutter die Tür. Aber sie lief nie weg, stattdessen ging sie stundenlang durch die Wohnung.

Die Tochter gab ihren Job auf – der Mutter zuliebe

Doris Helmig gab ihren Job auf, „der Mutter zuliebe“, wie sie sagt. Dabei hätte sie gerne bis 65 weitergearbeitet. Doch sie nahm die mehr als zehnprozentigen Rentenabschläge in Kauf und blieb zu Hause. Anfang 2015 konnte man Bettina Helmig gar nicht mehr allein lassen, zu groß die Gefahr, dass sie mit Gas oder Feuer Unheil anrichtet. Nun kreiste Doris Helmigs Leben komplett um die Pflege der Mutter, auch sie verließ nur noch selten die Wohnung. Sie musste sich um alles kümmern, selbst darum, dass die Mutter isst und trinkt.

Einmal pro Woche kam ehrenamtlich ein Mann, den die Diakonie vermittelt hatte. Drei Stunden lang betreute er die demente alte Dame, die Tochter erledigte in dieser Zeit den Wocheneinkauf. Musste sie mal zum Arzt, sprang eine Bekannte aus der Nachbarschaft ein. Die Betreuung war ein Job rund um die Uhr. „Ich schlief nachts meist nur drei Stunden, weil meine Mutter immer herumlief“, erzählt Doris Helmig. „Freizeit gab es nicht mehr.“

Die Tagespflegeeinrichtung wollte sie nicht mehr aufnehmen

Sie engagierte einen Pflegedienst, aber der entsprach so gar nicht ihren Erwartungen, also managte sie nach kurzer Zeit die Pflege wieder allein. Einmal brachte sie ihre Mutter in einer Tagespflegeeinrichtung unter. Schon nach einem Tag wollte man sie dort nicht mehr haben. Sie sei zu aggressiv und habe die gesamte Gruppe durcheinandergebracht, hieß es. Im Herbst 2015 erfuhr Doris Engel dann von der Pflege-Wohngemeinschaft der Caritas gleich um die Ecke, in Alt-Lietzow. Dort war ein Zimmer freigeworden, aber sie konnte sich nicht gleich entschließen. Das Zimmer war nicht einmal 14 Quadratmeter groß und überhaupt – die Mutter „weggeben“?

Doch dann wurde der Druck immer größer, die Mutter immer unberechenbarer. „Anfangs sind wir noch mit dem Auto spazieren gefahren, meine Mutter fuhr leidenschaftlich gern Auto, aber nun hatte ich Angst, dass sie mir ins Lenkrad greift“, erzählt Doris Helmig. Zu erleben, wie der Lebensradius der einst so selbstständigen und reisefreudigen Mutter immer kleiner wird, das sei sehr hart gewesen. Im Januar 2016 nahm sie schließlich das WG-Angebot an.

„Hier ist man keine Nummer“

In der WG mit neun Bewohnern sei es nicht wie zu Hause, aber besser als in einem Pflegeheim. „Hier ist man keine Nummer. Die Betreuerinnen kümmern sich sehr liebevoll um die Bewohner und streicheln sie auch mal“, sagt Doris Helmig. Abends und nachts sei immer eine Pflegerin dort, tagsüber zwei. Alle Mahlzeiten werden in der großen Wohnküche zubereitet, wer noch kann, hilft beim Gemüse schnippeln mit. Zweimal pro Woche kommt ein Musiktherapeut und singt mit den Bewohnern, Gedächtnistraining und ein Gesprächskreis „Gott und die Welt“ werden auch angeboten.

Und auch mit dem kleinen Zimmer haben Mutter und Tochter inzwischen ihren Frieden gemacht. Dort sei sie ja ohnehin nur zum schlafen, tagsüber sitze sie mit den anderen im gemütlichen Wohnzimmer oder in der Küche. Inzwischen kann Bettina Helmig nur noch in Ihrem Pflegerollstuhl sitzen, oft hält sie dabei zwei Plüschtiere im Arm. Sie kann nicht mehr sprechen, aber sie beobachtet alles aufmerksam und macht sich bemerkbar, wenn ihr etwas nicht gefällt. Zweimal pro Woche erhält sie eine vom Arzt verordnete Ergotherapie.

Die Tochter kommt an jedem zweiten Tag

Ihre Tochter kommt nun alle zwei Tage, meist am Nachmittag und bleibt, bis das Abendbrot vorüber ist. Wenn das Wetter es zulässt, geht sie mit ihrer Mutter raus und fährt sie im Rollstuhl am Spreeufer entlang oder durch den Schlosspark Charlottenburg. „Ich möchte meiner Mutter etwas zurückgeben“, sagt sie. „Früher war sie für mich da, jetzt bin ich für Sie da.“ Die Abende und Nächte kann Sie nun wieder in Ruhe verbringen, die große Wohnung teilt sie sich inzwischen mit ihrem Lebensgefährten.

Der Platz in der Pflege-WG kostet mehr als 4000 Euro, rund 1900 Euro zahlt die Pflegeversicherung. Die Rente der Mutter wird komplett auf die Kosten angerechnet, den Rest zahlt das Sozialamt. „Es gibt viel Unterstützung, aber im Endeffekt steht man alleine da“, resümiert die 67-jährige die Zeit, in der sie ihre Mutter zu Hause pflegte. Als besonders traurig empfand sie, dass Menschen, mit denen ihre Mutter seit 50 Jahren gut befreundet war, sich abwandten. Sie wollten mit einer demenzkranken Frau nichts zu tun haben.

Das ist bitter - aber es kommt nicht selten vor, die Krankheit ist für viele Menschen schwer zu ertragen. Doris Helmig hält zu ihrer Mutter, doch auch sie kämpft mit einer seelischen Belastung. „Zu erleben, wie sich ein Mensch verändert, nicht nur äußerlich, sondern von seinem Wesen, das ist sehr schwer.“ Auch die ersten Monate nach dem Umzug in die WG seien hart gewesen „Ich habe oft geweint, wenn ich abends gegangen bin.“

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