Ritual

Genitalverstümmelung: Deutsche Mediziner häufig überfordert

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Weltweit sind 125 Millionen Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen – wie dieses Mädchen in Indonesien.

Weltweit sind 125 Millionen Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen – wie dieses Mädchen in Indonesien.

Foto: BAY ISMOYO / AFP via Getty Images

In Deutschland sind etwa 67.000 Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Mediziner stellt das vor ein großes Problem.

Berlin.  Es war frühmorgens, als ihre Mutter sie weckte. Heute würde Fadumo Korns großer Tag werden. Der, an dem die Siebenjährige beginnen würde, „zu leuchten“. Mehr wusste sie nicht. Die Sonne ging auf, als sie und ihre Mutter aufbrachen. Überhaupt war alles so friedlich, erinnert sich Korn. Und sie voller Vorfreude.

Als die Nomadinnen ihr Ziel in der Steppe Somalias erreichten, wurden sie bereits von einer älteren Frau erwartet. Die breitete ein Tuch auf dem staubigen Boden aus, legte ein Döschen mit klebrigem Inhalt, Dornen einer Akazie und eine in Wachspapier eingewickelte Rasierklinge, auf deren Emblem sich zwei Schwerter kreuzten, darauf. „Ich bekam ein komisches Bauchgefühl. Habe gleichzeitig geschwitzt und gefroren. Ich wollte weglaufen“, erinnert sich Korn. Lesen Sie auch: WHO: Milliardenkosten durch Genitalverstümmelung

Genitalverstümmelung: Hölzchen sollte Zungenabbiss verhindern

Panisch suchte sie den Blick ihrer Mutter, die sie packte und ihr ein Hölzchen in den Mund schob. Es sollte verhindern, dass sich das Mädchen bei der nun folgenden Tortur die Zunge abbiss.

Dann begann die Frau, Korns Klitoris, ihre kleinen und großen Schamlippen mit ihrer Rasierklinge abzuschneiden. Ohne Betäubung. „Überall war Blut. Und mir wurde eiskalt“, erinnert sich Korn. Sie versuchte, zu schreien. Und wurde ohnmächtig.

Nachdem sie das Bewusstsein verloren hatte, vernähte die ältere Frau Korns Wunde mit einer Akaziendorne, wobei sie eine etwa fünf Millimeter kleine Öffnung ließ. Zu klein, als dass Urin, Blut und Wundwasser hätten ablaufen können.

Genitalverstümmelung: 125 Millionen Frauen und Mädchen weltweit betroffen

Während gleichaltrige Mädchen andernorts ihre Einschulung feierten, wurde Korn Opfer einer weiblichen Genitalverstümmelung, auch Female Genital Mutilation (FGM) genannt. Davon sind nach Angaben von Unicef weltweit circa 125 Millionen Frauen und Mädchen betroffen. Allen voran im nördlichen Afrika und in südostasiatischen Ländern.

Doch auch hierzulande steigen die Zahlen. Denn mehr Menschen aus Herkunftsländern, in denen FGM praktiziert wird, kommen nach Deutschland. Darunter aus Eritrea, Somalia und Ägypten.

Grausames Ritual hat keinen religiösen Hintergrund

Laut Bundesfamilienministerium waren im Jahr 2020 hierzulande etwa 67.000 Frauen und Mädchen betroffen, rund 15.000 weitere von einer Verstümmelung bedroht. 2017 lebten etwa 48.000 Opfer von Genitalverstümmelung in Deutschland.

Die meisten der als gefährdet geltenden Mädchen werden jedoch nicht in Deutschland beschnitten, weiß Edell Otieno-Okoth, Referentin beim Kinderhilfswerk Plan International. „Das größte Risiko für sie besteht darin, dass diese Praktik während eines vorübergehenden Aufenthalts in ihrem Herkunftsland vorgenommen wird.“

FGM hat keinen religiösen, sondern einen gesellschaftlichen Hintergrund. „Weder im Koran noch der Bibel steht, dass Mädchen beschnitten werden müssen“, sagt Otieno-Okoth. Stattdessen stünde die Praxis häufig für den Eintritt in das Erwachsenenalter und die gesellschaftliche Anerkennung als Frau. „Nicht beschnittene Mädchen gelten in praktizierenden Gemeinden als unrein, werden nicht geheiratet und manchmal sogar verstoßen.“

Beschneidung bei Frauen: 25 Prozent sterben an den Folgen der Praxis

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sterben viele der Mädchen und Frauen durch die Praxis: Zehn Prozent an direkten Folgen wie Blutvergiftung und Blutverlust, 25 Prozent an langfristigen, darunter Infektionen mit Aids und Hepatitis, oder aber an Komplikationen bei einer Geburt.

Auch Korn hätte den Übergriff beinahe nicht überlebt. Bereits am nächsten Tag fiel sie ins Koma. „Als ich eine Woche später aufwachte, war meine Familie dabei, meine Beerdigung zu organisieren“, erinnert sich die 57-Jährige. Ihre Eltern seien sicher gewesen, dass das Mädchen die Nacht nicht überleben würde.

Doch das tat sie. Wenngleich sie noch Jahrzehnte unter den psychischen und physischen Folgen ihrer Tortur würde leiden müssen.

Traumatisierende Arztbesuche

Heute ist Korn Vorsitzende von Nala – Bildung statt Beschneidung e. V., einem Verein, der sich gegen weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland engagiert und darüber aufklärt. So bemühen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter anderem darum, betroffenen Frauen und Mädchen traumatisierende Arztbesuche bei überforderten Medizinerinnen und Medizinern zu ersparen.

Weil diese kaum mit Betroffenen konfrontiert würden, fehle es ihnen mitunter an Feingefühl. „Mein Arzt ist damals schreiend zurückgewichen, auf den Boden gesunken und auf allen Vieren aus dem Zimmer gekrochen, nachdem er meinen Intimbereich gesehen hat“, so Korn. Sie war damals 19 Jahre alt, lebte erst seit Kurzem in Deutschland.

Ganzheitliche Beratung

„Viele Kolleginnen und Kollegen sind unsicher, wie sie Betroffenen gegenübertreten sollen“, bestätigt Cornelia Strunz, Fachärztin für Chirurgie und Gefäßchirurgie. Seit 2013 ist sie ärztliche Koordinatorin des Desert Flower Center (DFC) in Berlin.

In diesem nach eigenen Angaben weltweit einzigartigen Zentrum arbeiten neben Ärztinnen auch Psychologen, Physiotherapeuten und Sozialarbeiterinnen, um von weiblicher Genitalverstümmelung Betroffene ganzheitlich zu beraten.

„Während des Studiums nicht darauf vorbereitet worden“

Bevor Strunz ihre Arbeit am DFC aufnahm, hätte sie zwar vage gewusst, worum es sich bei FGM handelt, allerdings nie zuvor eine Frau gesehen, die genital verstümmelt wurde. „Ich bin während meines Medizinstudiums überhaupt nicht darauf vorbereitet worden“, so Strunz. Das müsse sich ändern. Lesen Sie auch: 200 Millionen Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelung

Es sei wichtig, dass medizinisches Personal, aber auch Juristen und Polizistinnen sensibilisiert würden. „Nur so können diese bedrohte Frauen und Mädchen schützen, Täterinnen und Täter festnehmen und erfolgreich vor Gericht stellen“, sagt Edell Otieno-Okoth von Plan International. Von FGM betroffene wie bedrohte Menschen bedürften außerdem besonderer medizinischer Vorsorge und Versorgung.

30 Minuten für einen Gang zur Toilette

Nach ihrem retraumatisierenden Gynäkologenbesuch fand Fadumo Korn einen Frauenarzt, der sich mit weiblicher Genitalverstümmelung auskannte. Er vermittelte sie an eine Klinik, in der ihre Vulva operativ geöffnet wurde. Dadurch konnten Urin und Periodenblut erstmals seit ihrem siebten Lebensjahr ungehindert ablaufen.

Durch die zuvor nur Millimeter kleine Öffnung hatte Korn nicht nur unter extremen Schmerzen während ihrer Menstruation gelitten, sie brauchte auch mindestens 30 Minuten, um ihre Blase zu leeren. „Erklären sie das mal ihrem Arbeitgeber.“