Ernährung

Kindersnacks sollen gesund sein, machen aber krank

Quetschies, Fruchtriegel, Reiswaffeln: Wie gesund sind die Kindersnacks aus dem Reformhaus? Experten warnen sogar vor dieser Ernährung.

Ein kleines Mädchen isst eine Reiswaffel, doch zu viel Reis in diesem Alter kann das Krebsrisiko erhöhen.

Ein kleines Mädchen isst eine Reiswaffel, doch zu viel Reis in diesem Alter kann das Krebsrisiko erhöhen.

Foto: istock / iStock

Berlin. Sie sind bunt, sehen toll aus, verziert mit Monstern, Tieren oder lustigen Fruchtfigürchen. Und die Super- und Drogeriemarktregale sind voll davon: Quetschbeutel, Fruchtriegel und sonstige Snacks für Kinder. Immer mehr Produkte kamen in den letzten Jahren auf den Markt, immer mehr Geschmacksrichtungen.

Für Eltern ist das auf den ersten Blick eine tolle Sache, denn die Snacks sind praktisch, werben meist damit, dass sie gänzlich ohne zugesetzten Zucker oder andere Zusatzstoffe auskommen und sorgen so für ein gutes Gewissen der Erziehungsberechtigten.

Doch so gesund wie sie scheinen und beworben werden, sind diese Kindersnacks leider bei weitem nicht, warnen Ernährungsexperten. In Quetschbeuteln, Fruchtriegeln und Co. sei in der Regel dennoch relativ viel Zucker enthalten. Was man auch nicht vergessen darf: Es geht bei gesunder Ernährung schließlich nicht nur um zugesetzten Zucker sondern auch um Fruchtzucker.

Ernährung: Quetschies im Babyalter, dick als Erwachsener

„Wenn ich mir den Inhalt von Quetschies beispielsweise angucke, ist das ja zum größten Teil Obst“, erklärt Mathilde Kersting, Leiterin des Forschungsdepartments Kinderernährung (FKE) an der Universitätskinderklinik Bochum. Das konzentrierte Obst fördere die bei Babys und Kindern ohnehin vorhandene Vorliebe für Süßgeschmack. „Selbst die große Obstvielfalt ändert nichts daran, dass es immer süß schmeckt“, kritisiert Kersting. Sei dann auch noch Banane enthalten, werde die Süße sogar noch verstärkt. Bei Fruchtriegeln wiederum sorgt der konzentrierte Zucker aus dem Trockenobst für die hohe Süßdosis.

Ziel des FKE ist die Förderung der Gesundheit von Kindern durch eine gesunde Ernährung von Anfang an und die Prävention ernährungsmitbedingter Krankheiten wie Adipositas und Diabetes im späteren Leben. Dafür könne auch ein Zuviel der vermeintlich gesunden Kindersnacks in frühen Jahren mit verantwortlich sein, so Kersting.

Zuckerfrei: 3 Tipps für ein Leben ohne Zucker
Zuckerfrei- 3 Tipps für ein Leben ohne Zucker

Genau wie Verbraucherschützer sieht die Ernährungswissenschaftlerin in den Produkten eine Täuschung der Kunden: „Sie sind genauso gemacht, dass sie den Eltern einerseits ein gutes Gewissen geben, zusätzlich sehen sie sehr einfach und praktisch aus und nehmen den Eltern ja auch Arbeit ab.“ Man gebe dem Kind den Quetschbeutel, das Kind sei zufrieden und damit Vater oder Mutter ohne viel Aufwand kurzfristig auch.

Vitamine sind in Überdosierung für Kinder auch gefährlich

Griffen Eltern regelmäßig auf solche Produkte zurück, gewöhne man die Kinder an den süßen Geschmack, warnt auch Astrid Donalies von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Außerdem sollte man genau auf die Inhaltsstoffe schauen. Neben Zucker seien Quetschbeutel oder Fruchtriegel oft noch einmal mit Vitaminen angereichert.

Wenn man diese dann mehrmals am Tag, beispielsweise morgens zum Müsli und vielleicht abends noch als Nachtisch oder tagsüber als Zwischenmahlzeit esse, könne es passieren, dass die Kinder leicht über die empfohlene Gesamtzufuhr an Vitaminen kämen, so die Ernährungswissenschaftlerin. Und zu viel Vitamine können durchaus gesundheitsschädigende Wirkung haben.

Reiswaffeln als stete Zwischenmahlzeit steigern das Krebsrisiko

Bei Reiswaffeln ist das Problem noch einmal anders gelagert. Auch sie gelten als gesund, kalorienarm und enthalten zudem von Natur aus kein Gluten, welches gerade Kinder nicht gut vertragen. Auch beim Blick auf die Zutatenliste gibt es meist keine bedenklichen Zusatzstoffe.

Allerdings ist Reis an sich hoch mit Arsen belastet. Wasser schwemmt das Halbmetall aus Erd- und Gesteinsschichten, sodass es über die Wurzeln in die Pflanzen gelangt. Seit 2016 warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) daher, Säuglingen und Kleinkindern täglich Reis zu füttern oder Produkte zu geben, die Reis enthalten.

Denn nach Berechnungen der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) bekommen Kleinkinder pro Tag durchschnittlich zwischen 0,61 und 2,09 Mikrogramm Arsen je Kilogramm Körpergewicht. Aber schon ab einer täglichen und lebenslangen Belastung von 0,3 Mikrogramm Arsen pro Kilo täglicher und lebenslanger Belastung steigt das Krebsrisiko.

Ernährung: Die Dosis macht das Gift

„Eine einseitige Ernährung ist eben immer ein Risiko, weil dadurch andere Lebensmittel, die andere Nährstoffe enthalten, verdrängt werden“, erklärt Kersting. „Und wie wir bei Reiswaffeln gesehen haben ist das Risiko einer einseitige Belastung durch bestimmte Schadstoffe groß.“ Auch hier bestätigt sich das Sprichwort: Die Dosis macht das Gift.

„Quetschies, Fruchtriegel, Reiswaffeln und Maisflips, all diese vermeintlich gesunden Kindersnacks, sollten genauso als Naschereien betrachtet werden“, sagt DGE-Sprecherin Donalies. „Wir empfehlen Kindern maximal ein bis zweimal am Tag etwas zu naschen geben und da gehören diese Dinge dazu.“ Auch Maisflips, wenn sie ohne Salz und nur aus Maisgries produziert seien, blieben laut der Experten eben ein hochverarbeitetes Lebensmittel.

Doch nicht nur in den Inhaltsstoffen solcher Snacks sehen die Ernährungswissenschaftlerinnen ein Problem. Es gehe auch um die Frage, wie diese konsumiert werden, erklärt Kersting vom FKE. „Gerade Quetschies sind auch aus Kinderentwicklungssicht problematisch, da damit die Entwicklung von altersgemäßen Essfertigkeiten nicht gefördert wird.“

Quetschies oder Quetschbeutel: Experten raten ab

Kinder verzehren durch die Quetschbeutel weiter, weiche, fast flüssige Kost. Nuckeln am Quetschbeutel. „Ab dem zweiten Lebenshalbjahr und danach ist es aber wichtig für die kindliche Entwicklung, dass Kinder andere Texturen kennenlernen und sich mit ihnen auseinandersetzen und sich auch mit den Fingern selbst füttern“, betont Kersting, „dass sie lernen mit Essbesteck praktisch umzugehen und dass sie auch mit den Eltern beim Essen interagieren und nicht mit einem Quetschbeutel abgefüttert werden und die Eltern machen etwas ganz anderes.“ Zudem würden die Zähne der Kinder mit dem Fruchtzucker regelrecht umspült und dadurch viel schneller angegriffen als bei gestückeltem Obst. Studien haben ergeben, dass inzwischen bei jedem dritten Zwölfjährigen Kreidezähne entdeckt werden.

„Gerade bei den Quetschbeuteln fällt durch das Saugen natürlich auch das Kauen weg“, ergänzt Donalies. „Kauen ist aber ein ganz wichtiger Bestandteil der gesamten Verdauung.“ Zudem könne es zu Sprachentwicklungsstörung bei den Kleinkindern kommen, da die Mundmotorik nicht gefördert werde.

Zudem nähmen die Kinder oft in relativ kurzer Zeit hohe Mengen auf. „Dadurch, dass das Kauen wegfällt, tritt dann auch das Sättigungsgefühl nicht mehr so schnell ein und es besteht die Gefahr, dass die Kinder über den Hunger essen“, so die Ernährungswissenschaftlerin.

Alternativen zu den Kindersnacks: Bereiten Sie etwas vor!

Die bessere und gesündere Alternative sei immer, selbst etwas vorzubereiten, so die Expertinnen. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man das logistisch einplanen muss und dass der Griff ins Supermarktregal einfacher ist“, gibt Donalies zu.

„Aber geschnittenes Gemüse und Obst ist auch portionsgerecht und das wird auch von den Kindern durchaus gegessen und liefert zudem noch Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe.“

Zudem enthalte es eben keinen zugesetzten Zucker, fördere das Kauen und so die Motorik und damit auch das Sprachvermögen. Gerade bei kleinen Kindern sei das ganz, ganz wichtig. „Das heißt nicht, dass man das nicht mal ab und zu geben kann“, so Donalies. „Aber es ist sicherlich eine Frage der Verhältnismäßigkeit.“

Ein Leben ohne Zucker – Ein 40-Tage-Experiment

Mehr Informationen zu guter Ernährung und speziellen Produkten für Kinder:

Wirklich erstaunlich war die Verleihung eines Negativpreises an die

, das Produkt erhielt den „Goldenen Windbeutel“. Verbraucherschützer kritisieren schon lange den Zuckeranteil in Lebensmitteln und fordern weniger Süße in speziellen Kinderprodukten. Im Kampf gegen den Krebs wird die richtige Ernährung immer wichtiger, 30 bis 50 Prozent aller Erkrankungen wären vermeidbar: Welche Lebensmittel laut Experten vor Tumoren schützen. Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, sollten diese Dinge beachten.