Technologie

Reha mit Virtual Reality: Können künstliche Welten heilen?

VR-Brillen und Apps können Patienten nach Unfällen helfen, in der Reha schneller wieder auf die Beine zu kommen. Betroffene berichten.

Ergotherapeutin Katja Sieboldt übt mit einem Patienten eine Therapie mit Hilfe von Virtual Reality.

Ergotherapeutin Katja Sieboldt übt mit einem Patienten eine Therapie mit Hilfe von Virtual Reality.

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul / picture alliance/dpa

Berlin. Laufen, greifen und den täglichen Schmerz vergessen: Reha-Übungen in virtuellen Welten sollen Menschen dabei helfen, nach schweren Unfällen beweglicher zu werden. Von den Möglichkeiten, die das neue Digitale-Versorgung-Gesetz verspricht, berichten zwei Männer und ihre Physiotherapeuten.

Thomas Frey sitzt entspannt im Restaurant. Eine normale Szene – und doch ein Wunder. Die Tischplatte verdeckt, dass dem Mann ein Bein fehlt – seit dem Unfall vor 35 Jahren, als er auf einem Bauernhof der Pick-up-Trommel eines Heuladewagens zu nahe kam. Die Ärzte, die ihn damals „zusammenflickten“, glaubten nicht, dass der heute 56-Jährige überleben würde: Er verlor fast all sein Blut. „Doch meine Nieren arbeiteten weiter“, erinnerte sich Frey.

Sein Körper regenerierte sich, er konnte wie geplant Agrarwissenschaften studieren. Das traumatische Erlebnis verdrängte er, trug eine Prothese, verdingte sich in der Agrochemie. Gegen die Phantomschmerzen, die das verlorene Bein verursachte, nahm Thomas Frey jahrelang starke Schmerzmittel. Bis er sich für einen Neustart im Kopf entschied.

2012 legte er die ungeliebte Prothese ab und begann für eine Branche zu arbeiten, in der er sich auskennt: Rehabilitation. Seine Phantomschmerzen bekämpft er jetzt mithilfe einer App, die seinem Gehirn mithilfe eines Tablet-PCs die Illusion vorspiegelt, das Bein sei wieder da. Tägliche spielerische Übungen für Beine und Füße, Physiotherapie und Sport haben dabei geholfen, dass der Schmerz immer weiter abgenommen hat – auch ohne Medikamente. „Eine Willensentscheidung“, sagt Thomas Frey.

Reha-Training in der Virtual Reality

Genau solche Erlebnisse halten auch Volker Staufert bei der Stange. Oder besser gesagt: Sie treiben ihn an, immer wieder aufs Laufband zu steigen, eine Virtual-Reality-Brille (VR-Brille) aufzusetzen und seinen Körper mithilfe eines Roboters in Bewegung zu bringen.

Die Displays der Brillen zeigen eine künstliche Welt. Ein virtueller Trainer geht mit Staufert über Waldwege und Wüstenpfade. Physiotherapeut Julian Breuer, der den 68-Jährigen im Neurologischen interdisziplinären Behandlungszentrum (NiB) in Köln unterstützt, hilft dabei. Staufert, dessen Nervenbahnen im Rückenmark seit einer Operation so geschädigt sind, dass sie kaum noch Signale weiterleiten, gilt als inkomplett querschnittsgelähmt. Sein ehrgeiziges Ziel in diesem Jahr: 100 Meter aus eigener Kraft zusammen mit seiner Frau zu gehen.

Auf der Suche nach Wegen, sich wieder zu bewegen, stieß der Ingenieur und passionierte Handballer auf das roboterunterstützte Laufbandtraining. Die VR-Brille gibt ihm dabei den zusätzlichen Kick: „Wenn ich durch die dreidimensionalen Welten gehe, konzentriere ich mich nicht mehr aufs Gehen. Der Körper erledigt das ganz allein, wie früher“, erzählt Staufert. So reguliert sich die Schrittlänge auf natürliche Weise, Physiotherapeut Breuer kann die Unterstützung durch den Roboter peu à peu zurückfahren. Staufert muss sich mehr anstrengen, das Training wird effektiver.

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Smileys als Motivationshilfe in der Virtuellen Realität

Breuer blendet ihm einen Smiley in die virtuelle Welt ein, um ihn weiter zu motivieren. Zugleich dokumentiert der Physiotherapeut die Fortschritte, misst Herz- sowie Muskelaktivitäten. Studierende der Universität Würzburg überprüfen anhand dieser Daten die Wirksamkeit des VR-gestützten Trainings. Die Studie läuft noch bis Februar – und könnte damit ein neues Kapitel in der Geschichte der digital gestützten Reha schreiben.

Wie sogenannte Health Games oder Serious Games in der Therapie wirken, wird von Medizinern schon seit Jahren beobachtet. Sie machen sich den Spieltrieb des Menschen zunutze, der auch Erwachsenen erhalten bleibt: Wenn es etwa darum geht, die gleiche Übung ständig zu wiederholen, um die Motorik zu trainieren, kann ein Computerspiel sinnvoller sein als etwa das reine Sortieren von Holzklötzchen.

„Die Motivation steigt, wenn Menschen zum Beispiel in einer virtuellen Welt Punkte sammeln können und belohnt werden“, erklärt Mike Christian Papenhoff, Chefarzt an der Klinik für Schmerzmedizin im berufsgenossenschaftlichen Klinikum Duisburg und Mitentwickler einer App zur Handtherapie. Er erlebt die Erfolge, wenn es darum geht, Handwerker nach Unfällen wieder fit für den Job zu machen: Sie trainieren die Beweglichkeit ihrer Finger spielerisch mit der Hand-Reha-App.

Reha und VR: Langfristige Wirkung noch nicht untersucht

Studienergebnisse der Universität Ulm, die Gesundheits-Apps untersucht hat, zeigen: Wenn die „Gesundheitsgamer“ Feedback erhalten, dann steigt die Motivation. „Mit VR-Brillen und Apps erschließen wir uns eine ganz neue Klientel, die Spaß daran hat, ergänzend zu ihren Therapiestunden selbst zu trainieren – mithilfe von Geräten, die inzwischen jeder hat“, erklärt Papenhoff.

Das bedeutet bezogen auf die App, die Thomas Frey das verlorene Bein vorspiegelt: Er kann seine Übungen zur Phantomschmerzbekämpfung überall mit dem Tablet auf den Knien machen, braucht dafür keinen großen Standspiegel. Zugleich kann er sich über den tragbaren Computer Informationen holen, wie er die Übungen machen muss.

Wie sich die neue Spielewelt auf Dauer auswirkt, weiß man noch nicht. „Langzeitbeobachtungen fehlen“, sagt Mike Papenhoff und ergänzt: „Bisher war es auch schwierig, für eine App die Zulassung für die Regelversorgung zu bekommen.“ Der Mediziner rechnet damit, dass das Digitale-Versorgung-Gesetz, das Anfang 2020 in Kraft getreten ist, das Thema belebt.

Krankenkassen bei VR-Reha noch zurückhaltend

Noch sind die Kassen bei der Finanzierung entsprechender Trainings zurückhaltend. Geld gibt es bisher vorwiegend für Pilotprojekte oder im Zuge von Selektivverträgen mit einzelnen Anbietern. Aus Krankenkassenkreisen aber verlautet, dass sich diese Zurückhaltung ändern wird, sobald es erste Kooperationen mit digitalen Start-ups gibt.

Allerdings sind Health Games aus der Sicht von Professor Bert te Wildt kein Allheilmittel: „Wie bei der Behandlung durch Medikamente kann sich auch hier eine Suchtgefahr ergeben“, sagt der Experte für Computerspielsucht, der als Chefarzt in der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen arbeitet. „Spiele sorgen für Wohlbefinden. Der Körper des Spielenden schüttet im Belohnungssystem vermehrt Endorphine, die sogenannten Glückshormone, aus.“ Bei körperlichen Erkrankungen sei das völlig in Ordnung. Bei psychischen Leiden wie etwa Depressionen aber sei es aus seiner Sicht auch wichtig, Beziehungen zu einem Menschen herzustellen und nicht nur mit virtueller Unterstützung gegen negative Affekte vorzugehen, erklärt te Wildt, der die Onlinesuchtambulanz OASIS gegründet hat.

Thomas Frey und Volker Staufert bleiben dabei – sie trainieren gegen den Schmerz und für mehr Bewegung mithilfe der Apps und unterstützt von Hanteln oder Cross-Trainingsgeräten. Thomas Frey hat zusätzlich seine Erfüllung in der freien Natur mit dem Golfschläger in der Hand gefunden. Er dokumentiert seine Erfolge in einem eigenen Blog – auf dem Weg zum großen Ziel: als einbeiniger Golfspieler bei den nächsten Paralympics dabei zu sein.