Adipositas

Gibt es bald ein Medikament gegen Übergewicht?

Diäten, Sport und Magenverkleinerungen können die Adipositas-Epidemie bisher nicht auffangen. Neuartige Mittel wecken zarte Hoffnungen.

Bei vielen Deutschen verrät der Gang auf die Waage: Sie haben zu viel Gewicht.

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Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin.  Das hört keiner gern, doch Fakt ist: Die meisten Menschen sind zu dick. In Deutschland sind normalgewichtige Männer ab 35 Jahren in der Unterzahl. 67 Prozent der Herren sind übergewichtig, berichtet das Robert Koch-Institut. Auch bei den Frauen sind es mit 54 Prozent mehr als die Hälfte. Knapp ein Viertel beider Geschlechter ist sogar adipös, also krankhaft dick.

In diesen Fällen helfen nur radikale Schritte. Eine komplette Umstellung der Ernährung und Sport, was nicht viele durchhalten. Darüber hinaus kommt eine winzige Gruppe Adipöser für chirurgische Eingriffe infrage, bei denen der Magen verkleinert wird. Das Übergewichtsproblem in Gänze ist so aber nicht zu lösen.

Es gibt allerdings noch einen anderen Weg, der momentan noch mehrheitlich hinter verschlossenen Labortüren erprobt wird: Die Entwicklung von Medikamenten, die Fettpolster reduzieren und Folgeerkrankungen wie Diabetes mildern sollen.

An einem solchen Medikament tüfteln auch Forscher um Dr. Timo Müller, Direktor des Instituts für Diabetes und Adipositas (IDO) am Helmholtz Zentrum München. Im Fachblatt „Nature Communications“ haben sie kürzlich erste Ergebnisse vorgestellt.

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Stoffe wirken ähnlich wie Menthol und Nikotin

Das Team kombinierte für die Untersuchung zwei Stoffe: Der eine hat eine ähnliche Wirkung wie Menthol, der andere dockt im Gehirn an die gleichen Stellen an wie Nikotin. Icilin, abgeleitet vom englischen Wort Ice – also Eis – aktiviert wie Menthol ein Kältesignal im Körper.

Die Idee, die hinter dem Einsatz dieses Stoffes steht, ist simpel: Wer friert, verbraucht mehr Energie. Denn der Körper versucht die Betriebstemperatur aufrechtzuerhalten. „Wodurch das Körpergewicht sinkt“, erklärt Müller. Ob sich dieser Effekt medikamentös simulieren lässt, auch ohne kalte Umgebung, prüften die Wissenschaftler an Mäusen, denen sie den Stoff spritzten.

Icilin bindet an spezielle Proteine, die sogenannten Trpm8-Kanäle. Ihr kompliziert klingender Name stammt von dem Gen, das ihren Bauplan enthält. Diese Kanäle leiten ein Kältesignal an das sogenannte braune Fettgewebe weiter. Dessen Zellen sind darauf spezialisiert, Energie in Wärme umzuwandeln.

„Durch die Stimulation mit Icilin verstärken sie ihre Aktivität und lassen so Fettpolster schmelzen“, sagt Müller. Die Mäuse nahmen ab. „Unser Ziel war es aber nicht nur, den Energiestoffwechsel zu erhöhen, sondern auch den Appetit zu senken“, erklärt der Wissenschaftler.

Beide Stoffe wirken in Kombination besonders gut

An dieser Stelle kam ein zweiter Stoff zum Einsatz: Dimethylphenylpiperazin, kurz DMPP. Er aktiviert im Gehirn die gleichen Stellen wie Nikotin. So entsteht ein Sättigungsgefühl. „Man kennt den umgekehrten Effekt bei Menschen, die mit dem Rauchen aufhören. Sie haben auf einmal ganz viel Appetit“, erklärt Müller.

Bei den dicken Versuchsmäusen zeigte DMPP Wirkung. Sie fraßen weniger und ihr Körper schaffte es wieder besser, den Zucker im Blut zu verarbeiten. Diese Funktion ist etwa bei Typ-2-Diabetes gestört. Die Erkrankung tritt häufig als Folge von starkem Übergewicht auf.

Noch erfreulicher für die Forscher: Gemeinsam wirkten Icilin und DMPP wesentlich stärker als jeder Stoff für sich. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, kommentiert Müller, der mit seinen Kollegen noch an einer Erklärung arbeitet. Unabhängig davon soll die neue Wirkstoffkombination aber weiter auf ihre Therapietauglichkeit beim Menschen untersucht werden. „Hier ist es zunächst wichtig zu untersuchen, wie genau der Stoff im Gehirn wirkt und welche anderen Effekte er auf unseren Stoffwechsel hat“, sagt Müller.

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Medikamente zur Gewichtsreduktion nicht ungefährlich

Bevor das Mittel aber am Menschen getestet werden darf, müsse es noch einige Stationen durchlaufen. Unter anderem Tests an menschlichen Zellen, die in der Petrischale gezüchtet wurden. Denn die Risiken sind groß.

„Es gab schon einige Medikamente zur Gewichtsreduktion, die dann aufgrund schwerer Nebenwirkungen durchgefallen sind“, sagt Stefan Kabisch, Studienarzt in der Abteilung für Klinische Ernährung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (Dife). Diese Nebenwirkungen lassen sich in der Regel weder bei Mäusen noch in der Zelle abschließend feststellen.

Die Studie der Münchner ist laut Kabisch ein „spannender, innovativer Ansatz“. „Ein Großteil der bisher entwickelten Mittel zielt auf das Gehirn ab, um dort das Verhalten zu beeinflussen, indem sie etwa das Belohnungssystem ansprechen“, erklärt der Mediziner. Als Nebenwirkung seien zum Beispiel die Suizidraten unter den Probanden in die Höhe geschnellt.

Kann man Adipostias überhaupt mit Medikamenten behandeln?

„Ein anderer Ansatz konzentrierte sich darauf, Fettdepots einfach wegzuschmelzen“, erklärt Kabisch. Auch diese Substanzen seien problematisch, da sie sich nicht sicher dosieren ließen und zur Überhitzung der Zellen führen könnten. „Die von den Münchner Kollegen angewandte Methode ist insofern cleverer, weil die Zelle noch selbst kontrolliert, wie stark sie ihre Energiereserven verbrennt.“

Auch den Nikotinrezeptor einzubeziehen, sei ein logischer Gedanke, die Kombination sehr sinnvoll. Mit Prognosen für den Menschen müsse man dennoch zurückhaltend sein. „Ein paar Medikamente gibt es bereits auf dem Markt, die kaum Nebenwirkungen haben. Davon gehen einige Kilos weg, das Problem Adipositas können sie aber langfristig nicht lösen“, meint Kabisch.

„Aus schwer übergewichtigen Patienten kann man mithilfe von Medikamenten bisher kaum normalgewichtige Patienten machen“, bestätigt auch Forscher Timo Müller. Von einer gesundheitlich relevanten Abnahme reden Ärzte, wenn das Körpergewicht um etwa fünf Prozent sinkt. „Dann gibt es schon Verbesserungen beim Stoffwechsel und das schaffen einige Medikamente bereits“, sagt Müller.

OP ist keine ideale Lösung

Wünschenswert sei ein deutlich stärkerer Gewichtsverlust. Dieser sei bisher aber vor allem durch Operationen zu erreichen, die in Deutschland nur für eine sehr kleine Gruppe extrem adipöser Patienten infrage kommen. Und auch die OP sei keine ideale Lösung, wie beide Mediziner betonen.

„Es kann passieren, dass Patienten zu stark Gewicht verlieren oder auch gar nicht – so oder so lässt sich mancher Eingriff nicht mehr rückgängig machen“, sagt Dife-Experte Kabisch. Viele Patienten müssten danach ein Leben lang Vitamine schlucken, weil ihr Verdauungssystem wichtige Nährstoffe nicht mehr ausreichend aufnehmen kann.

Forschung setzt an vielen Stellen an

„Für die breite Masse sind Medikamente die einzige Alternative“, glaubt Müller. „Es gibt Mittel, die derzeit bereits bei Menschen erprobt werden, die eine Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Prozent schaffen, das wird richtig etwas verbessern“, ist er überzeugt. Allerdings müssten Patienten, die sich dafür entscheiden, die Medikamente ein Leben lang einnehmen.

„Mausversuche haben gezeigt, dass das Gewicht nach Absetzen der Mittel wieder hoch ging.“ Auch sei die Therapie mit Medikamenten alleine nicht ausreichend. Eine mit dem Arzt abgesprochene Umstellung des Lebensstils sei immer zusätzlich nötig, erklären beide Mediziner.

Die Forschung dürfe sich daher auch nicht auf eine einzige Lösung für Adipositas festlegen. „Wir arbeiten an mehreren Wegen“, sagt Kabisch. „Es gibt noch viele unerforschte Möglichkeiten, Ernährungsverfahren zu optimieren, Operationsverfahren werden noch weiter verbessert und es ist definitiv sinnvoll, auch weiterhin Medikamente zu entwickeln.“