Parodontitis

Warum Zahnpflege auch gegen Bluthochdruck helfen könnte

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen chronisch entzündetem Zahnfleisch und erhöhtem Blutdruck? Eine neue Studie legt das nahe.

Ein älterer Mann beim Zahnarzt: In der Fachwelt bekommen die italienischen Forscher viel Zuspruch für ihre Thesen.

Ein älterer Mann beim Zahnarzt: In der Fachwelt bekommen die italienischen Forscher viel Zuspruch für ihre Thesen.

Foto: hedgehog94 / Getty Images/iStockphoto

Berlin.  Wer unter Bluthochdruck leidet, geht mit seinen Beschwerden in der Regel nicht zum Zahnarzt. Patienten mit chronisch entzündetem Zahnfleisch wiederum vereinbaren deshalb wohl keinen Termin beim Kardiologen. Beides könnte jedoch sinnvoll sein, glauben Wissenschaftler der italienischen Universität L’Aquila.

Sie analysierten die Daten von mehr als 3600 Patienten mit Bluthochdruck und kamen zu dem Ergebnis, dass die Zahngesundheit nicht nur bei der Behandlung, sondern auch bei der Entstehung der Krankheit eine wichtige Rolle spielen kann – was Betroffene wissen sollten.

Ein Großteil der Erwachsenen hat Parodontitis

Bluthochdruck und chronisch entzündete Zahnbetten, besser bekannt als Parodontitis, sind in Deutschland Volkskrankheiten. Mehr als 40 Prozent der Erwachsenen haben die bakteriell bedingten Zahnfleischprobleme, acht Prozent leiden sogar unter schwerer Parodontitis. Sie kann unter anderem durch schlechte Zahnhygiene entstehen. Wenn sich auf den Zähnen dauerhaft Beläge sammeln, entzündet sich das Zahnfleisch. Unbehandelt dringt die Entzündung bis in Gewebe und Knochen und schädigt den Zahnhalteapparat dauerhaft.

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Was genau im Körper zu Bluthochdruck führt, ist nur lückenhaft erforscht. Dass fast bei jedem dritten Erwachsenen das Blut mit zu viel Druck durch die Adern rauscht, liegt vor allem an den Lebensumständen: wenig Sport, ungesunde Ernährung, Übergewicht und Stress. Auf Dauer schädigt Bluthochdruck wichtige Organe wie Herz und Gehirn und erhöht so das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Schnittmenge beider Gruppen untersucht

Die Forscher um Davide Pietropaoli nahmen bei ihrer Untersuchung nun eine Stichprobe der Schnittmenge dieser beiden Gruppen genauer unter die Lupe. Wie groß diese in der Gesamtbevölkerung ist, ist bislang nicht erfasst. In der Studie hätten Patienten mit gesundem Zahnfleisch nicht nur generell einen niedrigeren Blutdruck. Sie reagierten auch besser auf Bluthochdruckmedikamente als Patienten, die zusätzlich eine Parodontitis hätten, schreiben die Autoren in „Hypertension“, dem Fachjournal der American Heart Association.

So lag der sogenannte systolische Wert von Parodontitis-Kandidaten, deren Blutdruck nicht mit Medikamenten behandelt wurde, um 7 mmHG – kurz für die Druckeinheit Millimeter-Quecksilbersäule – höher als bei Patienten mit gesundem Zahnfleisch. Der systolische Wert ist beim Blutdruck die höhere der beiden Zahlen und gibt an, wie viel Druck das Blut bei angespanntem Herzmuskel auf die Wände der Arterien ausübt.

Wirkung von Medikamenten wird geschwächt

Bei Parodontitispatienten, die Medikamente gegen ihren hohen Blutdruck bekamen, lag der Unterschied zu zahngesunden Blutdruckpatienten immer noch bei 3 mmHG, erklären die Forscher. Obwohl dieser Wert gering klinge, seien 3 mmHG vergleichbar mit der Blutdruckreduktion, die Patienten erreichten, wenn sie sechs Gramm Salz pro Tag weniger essen – eine der häufigsten Empfehlungen bei zu hohem Blutdruck. Die Autoren schlossen daraus, dass Parodontitis die Wirkung von Blutdruckmedikamenten verringern kann.

Die Probanden mit Zahnfleischproblemen hatten demnach eine um 20 Prozent geringere Chance, wieder gesunde Blutdruckwerte zu erreichen, verglichen mit den zahngesunden Probanden. „Patienten mit Bluthochdruck und deren Ärzte sollten sich darüber im Klaren sein, dass gute Mundhygiene bei der Behandlung genauso wichtig sein könnte wie Änderungen des Lebensstils, etwa weniger Salz, mehr Sport oder Abnehmen”, wird Pietropaoli in einer Mitteilung der Universität zitiert.

Entzündungen nicht auf Mundraum beschränkt

„Die Verknüpfung der beiden Krankheiten ist plausibel“, sagt Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am Deutschen Herzzentrum München und Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. „Chronische Entzündungen wie eine Parodontitis setzen viele Prozesse in Gang, die das Herzkreislaufsystem betreffen, und können dazu führen, dass Medikamente nicht gut anschlagen. Geht die chronische Entzündung zurück, kommt das auch dem Herzkreislaufsystem zugute.“

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„Solche Entzündungen sind nicht auf den Mundraum beschränkt, sondern wirken sich auch auf die Gefäße aus“, sagt auch der Kardiologe Johannes Baulmann. Er ist Präsident der Gesellschaft für Arterielle Gefäßsteifigkeit und untersucht den Zusammenhang zwischen Parodontitis und Blutdruck bereits seit zehn Jahren gemeinsam mit Kolleginnen aus dem Bereich Zahnmedizin. „Bei den Patienten mit Parodontitis sind die Entzündungswerte im Blut höher. Ihre Gefäße versteifen, das Blut und das Herz müssen daher gegen steifere Gefäße arbeiten, und der Blutdruck nimmt automatisch zu“, sagt Baulmann.

Ursachen sind noch unklar

„Das betrifft nicht nur die kleinen Gefäße. Wir konnten zeigen, dass auch die Hauptschlagader stärker verkalkt war, was typischerweise mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und einem früheren Tod einhergeht“. Die Ergebnisse ihrer in den Fachmagazinen „Plos One“ und „Journal of Clinical Periodontology“ erschienen Studien deckten sich mit den Erkenntnissen ihrer italienischen Kollegen.

Was genau die Ursachen für die Veränderung der Gefäße bei Parodontitispatienten sind, sei jedoch bisher noch unklar. Herz-Experte Schunkert geht von einem starken Zusammenhang der äußeren Umstände aus. „Menschen, die regelmäßig zum Zahnarzt gehen, haben auch sonst ein höheres Gesundheitsbewusstsein. Mangelnde Zahnhygiene ist hingegen meist mit anderen Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht verbunden“, so Schunkert, „dieser Zusammenhang ist auch in der Studie der italienischen Kollegen sichtbar.“

Parodontitis-Patienten haben oft noch andere Probleme

Tatsächlich seien unter den Patienten mit Parodontitis mehr Raucher, die zusätzlich öfter krank seien und zudem häufiger an Herzkreislauferkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sterben, bestätigt Baulmann. „Aber unsere Studien haben gezeigt, dass bei Bluthochdruck die Parodontitis selbst unabhängig von anderen Risikofaktoren als Ursache eine Rolle spielt.“

Es sei daher durchaus sinnvoll, der Vermutung der italienischen Forscher zu folgen und Parodontitispatienten eine Bluthochdruckkontrolle beim Kardiologen zu empfehlen und Patienten mit Bluthochdruck wiederum zusätzlich an den Zahnarzt zu überweisen.

„Dass sich der Bluthochdruck im Mund sanieren lässt, halte ich für zu optimistisch“, schränkt Schunkert ein, „ich würde Patienten, die sich bei mir zur Blutdruckeinstellung vorstellen, explizit dann zum Zahnarzt schicken, wenn der Zahnstatus offensichtlich desolat und eine Behandlung nötig ist.“ Wenn es solche Anzeichen nicht gebe, halte er diesen Schritt für übertrieben.

Mundhygiene alleine dürfte nicht reichen

Sein Kollege Baulmann sieht es anders. „Bluthochdruckpatienten sollte man eigentlich reihenweise zum Zahnarzt schicken. Das ist so eine einfache Maßnahme, die eine Therapie noch verbessern kann. Aber bei vielen Ärzten ist das Bewusstsein dafür noch nicht da“, so der Kardiologe.

In einem Punkt stimmt er Schunkert jedoch zu. „Man kann Bluthochdruck nicht durch eine Parodontitisbehandlung heilen. Es ist nicht belegt, dass das Risiko für Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt dadurch ausreichend zurückgeht“, so Baulmann, „aber eine gute Bluthochdrucktherapie hat das Gesamtrisiko im Blick. Wenn eine Zahnfleischerkrankung das Sterberisiko durch Herzkreislauferkrankungen erhöht, sollte man dieses Problem nicht statt des Bluthochdrucks, sondern zusätzlich dazu behandeln.“