Volkskrankheit

Schlaganfall im Schlaf: Studie eröffnet neue Therapie

Forscher haben für Patienten mit unklarem Schlaganfallzeitpunkt eine Diagnostikmethode gefunden. Bisher war eine Therapie umstritten.

Prof. Götz Thomall und eine Mitarbeiterin bei der Untersuchung eines Patienten mit dem MRT.

Prof. Götz Thomall und eine Mitarbeiterin bei der Untersuchung eines Patienten mit dem MRT.

Foto: Axel Kirchhof

Hamburg.  Der Schlaganfall zählt zu den großen Volkskrankheiten unserer Zeit. Rund 270.000 Menschen erleiden pro Jahr in Deutschland einen Schlaganfall. Zu den typischen Symptomen zählen Lähmungserscheinungen, wie zum Beispiel eine Halbseitenlähmung, Taubheitsgefühle, Sprach- und Sehstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen.

Ein Fünftel dieser Patienten wacht morgens mit derartigen Symptomen auf, ohne dass sie in der Nacht etwas von dem Schlaganfall bemerkt haben. "Diese große Gruppe der Patienten konnte bisher prinzipiell nicht behandelt werden" sagt Prof. Götz Thomalla, Leitender Oberarzt der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Thrombolyse nur in den ersten 4,5 Stunden möglich

Eine internationale Studie an 70 Zentren in acht Ländern unter Leitung von Thomalla und Prof. Christian Gerloff, Direktor der neurologischen Klinik, eröffnet jetzt für diese Patienten neue Behandlungsmöglichkeiten. Thomalla und Gerloff haben die Ergebnisse am Mittwoch auf der Europäischen Schlaganfallkonferenz in Göteborg vorgestellt. Zeitgleich wurde die Studie, die von der Europäischen Union mit 11,5 Millionen Euro gefördert wurde, online im renommierten Fachmagazin "New England Journal of Medicine" veröffentlicht.

In der Untersuchung geht es um die Anwendung der sogenannten Thrombolyse. Das bedeutet: Wird der Schlaganfall durch ein Blutgerinnsel ausgelöst, das eine Arterie verstopft, erhält der Patient ein Medikament in die Vene gespritzt, das dieses Blutgerinnsel auflöst und so die Durchblutung der betroffenen Hirnregion und damit die Sauerstoffversorgung wieder herstellt. Diese Therapie ist aber nur in einem Zeitfenster von bis zu 4,5 Stunden nach dem Auftreten des Schlaganfalls möglich.

Bisher keine Therapie wegen möglichen Komplikationen

Da bei Patienten, die morgens mit den Symptomen aufwachen, der Zeitpunkt des Schlaganfalls unklar ist, waren sie bisher von der Thrombolyse- Therapie ausgeschlossen. Das Gleiche gilt auch für Schlaganfallpatienten, bei denen aus anderen Gründen der Zeitpunkt unklar ist, zum Beispiel wenn sie während des Schlaganfalls allein waren und aufgrund von Sprachstörungen keine Angaben machen können. Für alle Patienten mit unbekanntem Zeitpunkt des Schlaganfalls war die Therapie bisher nicht zugelassen, auch weil man Komplikationen wie zum Beispiel Blutungen fürchtete.

Das sind die wichtigsten Erste-Hilfe-Tipps

Erste Hilfe
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"Die Studie gibt jetzt die Möglichkeit, diese Patienten effektiv zu behandeln", sagt Thomalla, und zwar mithilfe eines Magnetresonanztomogramms. (MRT). Verwendet werden dabei zwei spezielle Sequenzen der MRT-Aufnahmen, die miteinander abgeglichen werden. Sei in der ersten Einstellung eine akute Schädigung des Gehirns zu sehen, aber in der zweiten nicht, erlaube das die Einschätzung, dass der Zeitpunkt des Schlaganfalls mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 80 Prozent weniger als 4,5 Stunden zurückliege, sagt Thomalla.

Paradigmenwechsel für die Thrombolyse beim Schlaganfall

Und das bedeutet, dass die Thrombolyse bei diesen Patienten eingesetzt werden kann. "Die Behandlung auf der Basis der MRT-Bildgebung ohne Wissen um den Zeitpunkt des Symptombeginns stellt einen Paradigmenwechsel für die Thrombolyse beim Schlaganfall dar."

In der sogenannten Wake-up-Studie wurden 503 Patienten im Alter zwischen 18 und 80 Jahren behandelt, die zu einem unbekannten Zeitpunkt einen akuten Schlaganfall durch ein Blutgerinnsel in einer Arterie erlitten hatten. Sie erhielten entweder eine Thrombolyse mit dem Wirkstoff Alteplase oder ein Scheinmedikament, ein Placebo. "Nach 90 Tagen war das klinische Ergebnis in der mit Alteplase behandelten Gruppe signifikant besser als in der Placebogruppe", erklärt Thomalla. Bei 53,3 Prozent der mit einer Thrombolyse behandelten Patienten wurde ein sehr gutes Ergebnis erreicht, aber nur bei 41,8 Prozent der Patienten, die ein Placebo erhalten hatten.

Thrombolyse zeigte bei den Patienten deutlichen Effekt

"Dies entspricht einer absoluten Zunahme von Patienten, die den Schlaganfall ohne Behinderung überstanden haben, von 11,5 Prozent." Das sei für eine medikamentöse Behandlung ein sehr großer Therapieeffekt, betont der Neurologe.

Patienten in der Thrombolysegruppe hatten eine um 62 Prozent höhere Chance, drei Monate nach dem Schlaganfall geringere neurologische Symptome oder Behinderungen zu haben als die Patienten der Placebogruppe. Auch bei der Selbsteinschätzung der Patienten zu ihrem Gesundheitszustand und ihrer Lebensqualität zeigte sich, dass die Teilnehmer der Thrombolysegruppe deutlich stärker von der Behandlung profitiert hatten.

Ergebnisse sollen schnell in die Praxis übernommen werden

"Die Ergebnisse von Wake-Up werden einen direkten Effekt auf die klinische Praxis der Schlaganfallbehandlung haben. Auf der Basis der Studienergebnisse werden wir in Zukunft bei vielen Schlaganfallpatienten eine bleibende Behinderung abwenden können", sagt Prof. Gerloff.

Die Ergebnisse der Wake-Up-Studie sollen jetzt so schnell wie möglich in den klinischen Alltag einfließen. Im nächsten Schritt müssen die Ergebnisse in die nationalen und internationalen Leitlinien für die Behandlung des Schlaganfalls aufgenommen werden. Aber eine große Zahl von Zentren habe bereits begonnen, solche Patienten mit der Thrombolyse zu behandeln. "Am UKE werden wir das sofort umsetzen, wenn das MRT dafür spricht", sagt Thomalla. Es sei eine sichere Therapie, die zwar mit einer leicht erhöhten Blutungsgefahr einhergehe. Aber dieses Risiko werde durch den Nutzen der Therapie deutlich ausgeglichen, so der Neurologe.

Schlaganfall die zweithäufigste Todesursache in der westlichen Welt

Denn immerhin ist der Schlaganfall nach den Herzerkrankungen die zweithäufigste Todesursache in der westlichen Welt und auch die häufigste Ursache für eine bleibende Behinderung im Erwachsenenalter.

In Deutschland sterben innerhalb des ersten Jahres nach dem Schlaganfall 40 Prozent der Betroffenen. Das berichtet die Deutsche Schlaganfallhilfe. Von denen, die diese Erkrankung überleben, sind auch ein Jahr nach dem Schlaganfall noch 64 Prozent pflegebedürftig. 15 Prozent von ihnen müssen in einer Pflegeeinrichtung betreut werden.

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