Gesundheit

Antibiotika-resistente Keime in Seen und Flüssen gefunden

Gegen Antibiotika immune Keime sind in Deutschland weit verbreitet, wie ein NDR-Bericht zeigt. Wie gefährlich sind diese Super-Keime?

Im Labor wiesen Forscher der Technischen Universität Dresden und des Universitätsklinikums Gießen.

Im Labor wiesen Forscher der Technischen Universität Dresden und des Universitätsklinikums Gießen.

Foto: KatarzynaBialasiewicz / Getty Images/iStockphoto

Berlin.  Es ist das Schreckensszenario in vielen Filmen und Serien: Gefährliche Keime haben die Gewässer besiedelt und bedrohen die Menschheit. Laut einem Bericht des TV-Magazins "Panorama", den der NDR am Dienstagabend sendete, ist die Realität davon nicht allzu weit entfernt. In Bächen, Flüssen und Seen hatten die Autoren Proben genommen und im Labor untersuchen lassen. Überall fanden sich multiresistente Bakterien – ein "alarmierender" Befund, so das Resümee.

Das bedeute, dass wir uns auch in Deutschland mehr und mehr vergewissern müssten: "Diese Keime sind allgegenwärtig", sagt Dirk Heinz, Wissenschaftlicher Leiter des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Das Robert-Koch-Institut und das Umweltbundesamt (UBA) entwarnen indes, die Ergebnisse seien "nicht überraschend" und die gefundenen Keime nicht per se gefährlich. Dennoch hätten die NDR-Autoren auf ein großes Problem aufmerksam gemacht.

Was wurde genau untersucht?

Reporter des NDR haben an zwölf verschiedenen Orten in Niedersachsen Boden- und Wasserproben genommen: aus Bächen, Flüssen sowie an zwei Badeseen, dem Zwischenahner Meer und der Thülsfelder Talsperre. Andere Probeorte lagen in Gegenden mit intensiver Tierhaltung sowie neben einem Krankenhaus und einem Altenpflegeheim. Die Proben wurden anschließend von der Technischen Universität Dresden und dem Universitätsklinikum Gießen auf multiresistente Erreger untersucht – Keime, gegen die mehr als drei Antibiotika nicht mehr helfen. "Dass solche Keime in allen zwölf Proben gefunden wurden, damit habe ich nicht gerechnet", erklärt der an der Untersuchung beteiligte Gewässerforscher Thomas Berendonk von der Technischen Universität Dresden.

Welche Erreger wurden gefunden?

Im Fokus der Untersuchung standen bestimmte Bakterien, die als besonders problematisch gelten: multiresistente gramnegative Bakterien (MRGN). Gramnegative Keime unterscheiden sich von grampositiven im Aufbau ihrer Zellwände. Ärzte können das Gramverhalten eines Bakteriums bestimmen und dann gezielt Antibiotika auswählen, welche die Struktur des Bakteriums besonders gut angreifen können. Multiresistente MRGN sind jedoch für viele dieser Mittel unempfindlich. Unterschieden wird zwischen solchen MRGN, die gegen drei, und solchen, die gegen alle vier bekannten Antibiotikaklassen immun sind – darunter fallen auch wichtige Reserveantibiotika.

Bei der Untersuchung im Labor etwa seien die Wissenschaftler aus Dresden und Gießen unter anderem auf ein Gen gestoßen, das den Bakterien ermöglicht, das Enzym MCR-1 zu bilden. Keime von fünf der zwölf Orte verfügten über dieses genetische Merkmal. Es macht sie unter anderem immun gegen das wichtige Reservemedikament Colistin. Es wird in der Tierhaltung in größeren Mengen eingesetzt – und zwar nur, wenn alle anderen Antibiotika versagen.

Wie gefährlich sind die Keime?

Die meisten Bakterienarten, die eine solche Multiresistenz entwickeln können, sind ansonsten harmlose Keime, die etwa im menschlichen oder tierischen Darm, auf der Haut und auch in der Umwelt vorkommen. Ihre resistenten Varianten sind vor allem dort verbreitet, wo viele Antibiotika verwendet werden, etwa in Krankenhäusern, erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Etwa fünf von 100 gesunden Menschen seien von multiresistenten MRGN-Bakterien besiedelt.

Bei ihnen führten die Keime in der Regel nicht zu einer Erkrankung. Sei das Immunsystem jedoch geschwächt, könnten sie zu lebensbedrohlichen Infektionen führen, die sich aufgrund der Resistenzen kaum noch mit Antibiotika behandeln lassen. "Das individuelle Risiko ist allerdings nicht das Hauptproblem", sagt Regine Szewzyk vom Umweltbundesamt. "Dass eine Person mit schwachem Immunsystem in einem betroffenen Gewässer badet und mit einer durch diese Keime erzeugten Erkrankung ins Krankenhaus kommt, ist ein möglicher, aber sehr unwahrscheinlicher Ausnahmefall", so die Expertin. Das größere Problem sei, dass durch Abwässer oder Gülle immer mehr Antibiotika und resistente Bakterien in die Umwelt gelangten und dort verschiedene Resistenzen untereinander austauschen könnten. "Damit erhöht sich generell das Risiko, dass multiresistente Krankheitserreger entstehen, gegen die gar kein bekanntes Medikament mehr hilft", so Szewzyk.

Woher stammen die Bakterien?

In einem Bach im Süden Niedersachsens, in dem das aufbereitete Abwasser aus einer privaten Kleinkläranlage eines Altenpflegeheims fließe, seien verschiedene multiresistente Erreger gefunden worden, erklären die NDR-Autoren in ihrem Bericht. Darunter ist auch ein Keim, der in Kliniken und Heimen gefürchtet sei, weil er Lungen und Bronchien dauerhaft schädige. Auch in dem Fluss Hase in Osnabrück hätten Wissenschaftler kurz hinter dem Auslauf des kommunalen Klärwerks eine sehr hohe Konzentration an multiresistenten Erregern gefunden. "Vor allem über Klinikabwässer oder wenn Gülle von Regen in Gewässer geschwemmt wird, gelangen resistente Keime in die Umwelt, das hat die NDR-Untersuchung zeigen können", bestätigt UBA-Expertin Szewzyk. Aber auch aus Privathaushalten könnten resistente Bakterien in Gewässer gelangen.

Was folgt aus der Untersuchung?

"Es ist noch viel Forschung bei Kläranlagen nötig, und auch die Praxis des Gülleausbringens sollte überdacht werden", sagt Gewässerforscher Berendonk. Derzeit können Kläranlagen resistente Keime nicht vollständig aus dem Wasser entfernen. "Sie reduzieren den Gehalt an solchen Bakterien um den Faktor 100 bis 1000", sagt Szewzyk, "das klingt viel, aber trotzdem finden sich im gereinigten Abwasser noch multiresistente Bakterien." In Forschungsprojekten werde die Reduktionsleistung von zusätzlichen Reinigungsschritten bereits untersucht. "Mögliche Optionen sind etwa UV-Bestrahlung, Ozonung oder Membranfiltration", so die UBA-Expertin.

Wie reagiert die Politik?

Die Kosten, um alle größeren Klärwerke nachzurüsten, würden bei jährlich etwa 1,3 Milliarden Euro liegen, sagt die UBA-Präsidentin Maria Krautzberger im Interview für die NDR-Sendung. Die Landesministerien in Niedersachsen würden das Gesundheitsrisiko allerdings als gering einschätzen und keinen besonderen Handlungsbedarf sehen. Auf Bundesebene will man das Problem an der Wurzel packen, weiß Szewzyk: "Das Bundesforschungsministerium arbeitet an einer deutschlandweiten Untersuchung von Eintragsquellen, Gewässern und Kläranlagen, um zu prüfen, wo und in welchen Mengen in Deutschland resistente Keime in die Umwelt gelangen."

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