Jahresbilanz

Suchtexperten: Deutsche trinken international besonders viel

Ein Putzeimer reinen Alkohols rinnt im Jahr durch die Kehlen von Erwachsenen: Deutschland beugt laut Experten zu wenig gegen Sucht vor.

Es wird in Deutschland noch immer viel Alkohol konsumiert. Der Konsum bei alkoholischen Getränken wie Bier, Wein und Schnaps stagniert jedoch laut Jahrbuch seit 2013.

Es wird in Deutschland noch immer viel Alkohol konsumiert. Der Konsum bei alkoholischen Getränken wie Bier, Wein und Schnaps stagniert jedoch laut Jahrbuch seit 2013.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Berlin.  Alkohol und Tabak sind aus Sicht von Experten in Deutschland immer noch zu leicht verfügbar und zu günstig. Getrunken und geraucht wird weiter auf hohem Niveau, sagte Peter Raiser von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) am Dienstag bei der Präsentation des "Jahrbuch Sucht 2017". Die Lust auf Alkohol ist demnach ungebrochen, nachgelassen hat aber die Nachfrage nach klassischen Zigaretten.

Bei alkoholischen Getränken wie Bier, Wein und Schnaps stagniert der Konsum laut Jahrbuch zwar seit 2013. Auf jeden Bundesbürger kam aber nach jüngsten verfügbaren Schätzungen im Jahr 2015 knapp ein Putzeimer reinen Alkohols: 9,6 Liter. Den Verbrauch in Deutschland schätzten die Jahrbuch-Autoren im internationalen Vergleich als "besonders hoch" ein.

3,38 Millionen Erwachsene hatten dem Jahrbuch Sucht zufolge in den vergangenen zwölf Monaten erhebliche Alkoholprobleme. Die Experten gehen bei 1,61 Millionen Menschen von Missbrauch und bei 1,77 Millionen von Abhängigkeit aus.

E-Zigarette birgt auch gesundheitliche Risiken

Der Zigarettenkonsum geht zurück. Noch rund 920 Fertigzigaretten rauchte jeder Einwohner statistisch gesehen im vergangenen Jahr, rund 100 weniger als 2012. Das geht vor allem auf weiter rückläufige Raucher-Zahlen bei Kindern und Jugendlichen zurück. "Es gibt aber keinen spürbaren Rückgang bei Rauchern in mittleren Jahren", sagte DHS-Expertin Martina Pötschke-Langer vom Aktionsbündnis Nichtrauchen. Sie forderte ein Verbot der Tabakaußenwerbung und betonte, dass andere EU-Länder Deutschland bei Maßnahmen gegen Tabak voraus seien.

Das noch relativ junge Phänomen E-Zigaretten ist aus Sicht der DHS bislang kaum im Alltag der Menschen angekommen – auch nicht als Ausstiegshilfe. Es gebe aber ein "besorgniserregendes Probierverhalten" von 25 Prozent unter Kindern und Jugendlichen, sagte Pötschke-Langer. Bislang seien es aber vor allem Raucher, die zusätzlich zur Zigarette zur E-Variante greifen. Dadurch sei kaum gesundheitlicher Nutzen für die Konsumenten zu erwarten.

Die E-Zigarette mit ihrem Chemikaliengemisch sei zwar unproblematischer als die Fertigzigarette, allerdings sehen die Experten immer noch gesundheitliche Risiken beim Dauerkonsum.

Drogenbeauftragte: Werbung prägt Image

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), will ein Verbot der Tabakaußenwerbung noch vor der Bundestagswahl im September. "Professionell gemachte Tabakwerbung wirkt. Sie prägt das Image des Rauchens und suggeriert Jugendlichen, Rauchen sei eine saubere und harmlose Sache", sagte Mortler der Deutschen Presse-Agentur. Ein schon im vergangenen Frühjahr vorgelegter Gesetzentwurf wurde immer wieder auf die lange Bank geschoben, weil es in der Unionsfraktion sowie in Teilen der SPD Widerstand gibt. (dpa)


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