Gesundheit

Ärzte warnen vor zu häufigem Gebrauch von Schmerzmitteln

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Alina Reichardt
Eine Milliarde Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für frei verkäufliche Schmerzmittel aus. Über die Risiken wissen nur wenige Nutzer bescheid.

Eine Milliarde Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für frei verkäufliche Schmerzmittel aus. Über die Risiken wissen nur wenige Nutzer bescheid.

Foto: imago stock / imago/Science Photo Library

Rezeptfreie Arzneimittel können ab gewissen Mengen gefährlich werden. Die Deutschen wissen allerdings kaum etwas über die Risiken.

Berlin.  Die Nase läuft, die Glieder schmerzen – für solche Fälle liegt bei den meisten Menschen eine Packung Paracetamol oder ASS im Badezimmerschrank. Kündigt sich die Regel mit unangenehmem Zwirbeln im Unterleib an, werden auch schon mal zwei Ibuprofen-Tabletten geschluckt. Schmerzt der angespannte Rücken, schafft Diclofenac Erleichterung.

Die Deutschen haben wenig Respekt vor den meistverkauften Schmerzmitteln, schließlich kann sie jeder auch ohne Rezept in der Apotheke bekommen. Nach Angaben des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller gaben die Verbraucher allein 2015 über eine Milliarde Euro für frei verkäufliche allgemeine sowie Muskel- und Gelenkschmerzmittel aus.

Auch rezeptfreie Tabletten können gefährlich sein

Immer wieder plädieren Mediziner dafür, die Präparate nicht ohne ärztliche Verschreibung zu verkaufen. Denn ab einer gewissen Menge werden auch rezeptfreie Tabletten gefährlich. Wechselwirkungen sind nur den wenigsten Nutzern bekannt. Und welcher der vier Klassiker zum Einsatz kommt, entscheiden viele oft nach Vorliebe.

„Jedoch häufig ohne die Wirkprinzipien zu kennen“, sagt Michael Schäfer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Zudem „können sie individuell verschieden anschlagen und bergen auch unterschiedliche Risiken“, sagt Bettina Sauer, Gesundheitsexpertin von der Stiftung Warentest, die gängige Schmerzmittel bewertet hat. Doch wie kommen die Risiken zustande und wer sollte bei der Einnahme achtgeben?

Substanzen dienten ursprünglich zur Behandlung von Rheuma-Patienten

„Ibuprofen, Diclofenac und ASS gehören zu den sogenannten nicht-steroidalen antientzündlichen Antirheumatika“, erklärt Schäfer. Sie werden „Antirheumatika“ (NSAR) genannt, weil die Substanzen ursprünglich vor allem zur Behandlung von Rheuma-Patienten dienten. Der Begriff „nicht-steroidal“ dient als Abgrenzung zu entzündungshemmenden Mitteln, die das Steroidhormon Cortison enthalten und teils schwere Nebenwirkungen haben.

„Ibuprofen, Diclofenac und ASS haben sich vor allem durchgesetzt, weil sie verhältnismäßig leicht zu handhaben und breit einsetzbar sind“, sagt Oliver Emrich, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS). Alle drei hemmen das Enzym Cyclooxygenase (Cox), das die Herstellung einer Gruppe von Gewebshormonen, den sogenannten Prostaglandinen, regelt.

Prostaglandine haben leider nicht nur negative Effekte

Ist Gewebe verletzt oder entzündet, wird eine Unterform des Cox-Enzyms – Cox2 – besonders aktiv und produziert die Prostaglandine. „Diese wiederum machen die Schmerzrezeptoren der umliegenden Nerven reizempfindlich“, sagt Emrich. Auch an der Entstehung von Fieber und Entzündungen sind die Prostaglandine beteiligt. „Durch die Hemmung von Cox verhindern die NSAR den Schmerz gleich an der Entstehungsstelle“, erklärt Emrich.

Die Crux: Prostaglandine haben nicht nur negative Effekte. Sie sorgen unter anderem für die Durchblutung der Nieren und schützen die Magenschleimhaut vor der Magensäure. „Je nach Konzentration und Dauer der Einnahme der NSAR kann es so zu Magengeschwüren und -blutungen oder auch Nierenversagen kommen“, erklärt Schäfer.

Bei Verletzungen kann ASS kann die Blutung verstärken

Je nach Wirkstoff variieren die Risiken zudem, da sie nicht alle auf die gleichen Prostaglandine wirken. So ist bei den meisten NSAR das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt höher, denn „die Mittel beeinflussen die Durchblutung. In den Gefäßen können sich Blutgerinnsel bilden und so den Durchfluss beeinträchtigen“, so Schäfer. ASS hingegen hemmt die Blutgerinnung. Bei Verletzungen kann sich die Blutung durch den Wirkstoff verstärken.

Bei der Einnahme von Paracetamol ergeben sich diese Probleme nicht, denn der Wirkstoff setzt an einer anderen Stelle im Körper an. „Er wirkt im zentralen Nervensystem, also in Gehirn und Rücken, statt direkt an der Schmerzstelle“, erklärt Emrich. Dort verhindert er nur die Entstehung eines Teils der Prostaglandine – Paracetamol lindert zwar Fieber und Schmerzen, wirkt jedoch nicht entzündungshemmend und gehört deshalb nicht zu den NSAR.

Paracetamol kann lebensgefährliche Leberschäden verursachen

„Wie Paracetamol genau wirkt, ist noch nicht ausreichend erforscht“, sagt Emrich. Bekannt ist jedoch, dass es bei Überdosierung gefährliche Leberschäden oder sogar Leberversagen verursachen kann. „Eine Überdosierung mit möglichen Schäden ist ab vier Gramm am Tag möglich, das wären acht der rezeptfrei erhältlichen 500-Gramm Tabletten“, sagt Emrich.

Patienten mit Leberschäden sollten deshalb mit anderen Wirkstoffen behandelt werden, rät der Mediziner. Grundsätzlich sei Paracetamol aber der verträglichste Kandidat unter den gängigen Wirkstoffen. „Er ist eine gute Option für Kinder mit Fieber und kann nach Rücksprache mit dem Gynäkologen auch während einer Schwangerschaft gelegentlich eingenommen werden“, sagt Emrich.

Risikofaktor Alkohol

Bei entzündlichen Gelenkerkrankungen, Wund- oder Zahnschmerzen seien Ibuprofen und Diclofenac hingegen die bessere Wahl. Eine längerfristige Einnahme – mehr als drei Tage bei Fieber, mehr als vier Tage bei Schmerzen oder mehr als zehnmal pro Monat – ohne ärztlichen Rat sei bei allen Wirkstoffen kritisch, so die Experten. Besonders Patienten, die etwa Mittel gegen Bluthochdruck oder Blutverdünner einnehmen, müssten mit Wechselwirkungen rechnen.

Aber auch Alkohol sei ein Risikofaktor, der Nebenwirkungen verstärken könne. Ebenso kritisch sehen beide Ärzte Kombinationsprodukte, die mehrere Wirkstoffe vereinen. „Der Gedanke dahinter ist, die Wirksysteme zweier Wirkstoffe zu kombinieren, diese aber jeweils so niedrig zu dosieren, dass weniger Nebenwirkungen zu erwarten sind“, erklärt Schäfer.

Bei Kombi-Präparaten ist Vorsicht geboten

Doch so sei es kaum möglich, sinnvoll zu dosieren. Zudem „lässt sich noch schwerer überblicken, ob es Wechselwirkungen geben könnte“, kritisiert Emrich. Stiftung Warentest bestätigt die Experten, „bei Kombipräparaten wie etwa Neuralgin, Spalt, Thomapyrin oder Titralgan ist besondere Vorsicht geboten“, sagt Verbraucherschützerin Sauer, „mehrere Inhaltsstoffe verbessern die Wirkung nicht zuverlässig, aber die Gefahr von Nebenwirkungen steigt.“

Welches Schmerzmittel für wen geeignet ist

Azetylsalizylsäure (ASS) Stiftung Warentest bewertet den Wirkstoff, den die meisten unter dem Namen seines bekanntesten Vertreters Aspirin kennen, als geeignet zum kurzzeitigen Einsatz bei leichten bis mäßigen Schmerzen. Bei Zahnschmerzen sei er nur mit Einschränkung geeignet. Durch die blutverdünnende Wirkung bestehe auch mehrere Tage nach der Einnahme noch ein erhöhtes Blutungsrisiko etwa bei Operationen – Patienten sollten das vor geplanten Eingriffen beachten. Teils wird ASS in niedriger Dosis von Ärzten zum Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall verschrieben. Für Kinder unter zwölf und Schwangere im letzten Drittel sei der Wirkstoff tabu.

Ibuprofen Fiebersenkend, entzündungshemmend und laut Stiftung Warentest geeignet bei leichtem bis mäßig starkem Schmerz. Der Wirkstoff kommt nach Angaben der Verbraucherschützer sowohl bei Kopf-, Glieder- und Gelenkschmerzen als auch bei Regel-, Wund- und Zahnschmerzen zum Einsatz. Er belaste jedoch die Magenschleimhaut sowie das Herz-Kreislauf-System und sollte daher stets nur kurzfristig und in der geringstmöglichen Dosis eingenommen werden. Kinder können ihn ab etwa einem Jahr bekommen, Hersteller empfehlen dafür die Saftform und eine maximale Tagesdosis von 7,5 Milliliter. Zur besseren Dosierung liegt meist eine Plastikspritze bei.

Paracetamol Laut Stiftung Warentest kann der Wirkstoff während der gesamten Schwangerschaft eingesetzt werden. Zwei neue Studien aus Großbritannien und Dänemark verunsichern: Paracetamol in der Schwangerschaft könne das Risiko für ADHS bei Kindern erhöhen. Der Bundesverband der Frauenärzte (BVF) gibt Entwarnung.

Die Studien hätten die Art der Schmerzen nicht berücksichtigt und die Gründe, warum das Mittel so lange – teils mehrere Monate – genommen wurde. In Deutschland sei eine so lange Einnahme nicht denkbar. Regelmäßige ärztliche Kontrollen, die in anderen europäischen Ländern untypisch seien, würden eine unsachgemäße Dauereinnahme verhindern, sagt BVF-Präsident Christian Albring. Auch seien Grunderkrankungen und Arztbesuche bei den Studien nicht berücksichtigt, das mache „die Aussagen fragwürdig“.

Diclofenac Stiftung Warentest empfiehlt den Wirkstoff bei Schmerzen nicht zu schwerer Ausprägung. Er werde häufig zur Behandlung von Sportverletzungen und Gelenkbeschwerden eingesetzt. Er wirkt entzündungshemmend und fiebersenkend, kann jedoch dem Magen sowie dem Herz-Kreislauf-System schaden. Diclofenac ist erst ab 14 Jahren, in machen Darreichungsformen und Konzentrationen auch erst ab 16. Laut Stiftung Warentest sollte der Wirkstoff auf keinen Fall im letzten Schwangerschaftsdrittel eingenommen werden.