Gesundheit

Die meisten Frauen überleben den Brustkrebs

Die Heilungsrate bei Brustkrebs liegt nach fünf Jahren bei 90 Prozent. Charité-Professor Jens-Uwe Blohmer ist einer der wichtigsten Experten.

Foto: Amin Akhtar

Die gute Nachricht zuerst: Die Rate der Brustkrebsneuerkrankungen hat sich seit rund 15 Jahren nicht erhöht. In Deutschland und damit auch in Berlin ist jede achte bis zehnte Frau von dieser Diagnose betroffen. Dennoch haben viele den Eindruck, dass immer mehr Frauen an Brustkrebs erkranken. Professor Jens-Uwe Blohmer von der Charité wird jedenfalls häufig mit dieser Annahme konfrontiert. "Das liegt daran, dass die meisten Frauen diese Krankheit inzwischen überleben und ihre Geschichte erzählen können", sagt er. Die Heilungsrate liege heute nach fünf Jahren bei 90, nach zehn Jahren bei 80 Prozent. Noch vor 30 Jahren sah das ganz anders aus. Da war die Diagnose Brustkrebs nicht selten das Todesurteil für eine Frau.

Blohmer, Anfang 50, ist einer der wichtigsten Brustkrebsexperten in Deutschland. Er ist ein ruhiger, zugewandter Mensch. Man fasst schnell Vertrauen zu ihm. Er hat an der Charité studiert und dort in den 90er-Jahren das Brustzentrum aufgebaut. 2004 ist er nach Wilmersdorf an das Sankt Gertrauden-Krankenhaus gewechselt. Dort hat er ebenfalls ein Brustzentrum eingerichtet. Mit großem Erfolg. Das Krankenhaus hat 2013 die meisten Brustkrebsoperationen durchgeführt und liegt auf Platz 1 des Fallzahlrankings der Gesundheitsverwaltung. Das sei vor allem Blohmers Verdienst, heißt es dort.

Bestrahlung bei OP

Doch Blohmer will mehr. Er will forschen und herausfinden, wie Brustkrebs noch besser behandelt werden kann. Und er will selbst die Themen setzen, zu denen geforscht wird. 2014 ist er deshalb zur Charité zurückgekehrt. Dort leitet er jetzt die Klinik für Gynäkologie und das Brustzentrum. "An der Charité herrscht ein großer Forschergeist, es gibt die nötigen Geräte und Labore", sagt er, "beste Forschungsbedingungen eben." Nach und nach will er in nächster Zeit gute Fachärzte um sich versammeln. Die sollen einen großen Teil der medizinischen Versorgung der Patientinnen übernehmen, damit er selbst mehr Zeit für Forschung und Lehre hat.

Gegenwärtig arbeiten Blohmer und sein Team daran, eventuelle Komplikationen bei einer Brustkrebserkrankung besser und genauer vorhersagen zu können, um sie möglichst zu vermeiden. "Wir müssen in der Lage sein, jeden Tumor so genau wie möglich zu analysieren", sagt er. Und er ist optimistisch. "In zehn Jahren wird es meist nicht mehr nötig sein, die sogenannten Wächterlymphknoten zu entfernen, um zu sehen, wie weit der Krebs fortgeschritten ist." Einige Tumore müssten dann meist gar nicht mehr operiert werden, weil sich genau vorhersagen lassen wird, dass sie nicht wachsen oder streuen werden. "Wir werden viel mehr über Tumore wissen, viel genauer bestimmten können, wie sie sich entwickeln."

Bestrahlung schon während der Operation

Schon heute setzt Blohmer alles daran, so schonend wie möglich zu operieren. So war er in Berlin der Erste, der einen Brusttumor bereits während der Operation bestrahlt hat. Diese Methode ist erfolgreich und wird inzwischen auch von anderen Kliniken angewandt. Nachdem ein Tumor entfernt worden ist, wird die unmittelbare Tumorregion etwa 30 Minuten lang bestrahlt. Erfahrungen zeigen, dass erneute Tumore oft in dieser Region auftreten.

Die Strahlendosis wird dabei so gering wie möglich gehalten. "Bestrahlt man direkt in die offene Wunde, muss weder durch die Haut, noch durch Muskeln, das Herz oder die Lunge gestrahlt werden. Gesundes Gewebe wird nicht unnötig belastet", sagt Blohmer.

Bei Frauen mit einem geringen Risiko, dass die Erkrankung wiederkommt, reiche diese Art der Behandlung oft aus, weitere Maßnahmen seien nicht nötig. Die Patientinnen müssten nach der OP lediglich die Antihormontabletten nehmen, die in jedem Fall verschrieben werden. "Forschungen haben gezeigt, dass der Krebs viel seltener zurückkommt, wenn die betreffenden Patienten Antihormonmedikamente einnehmen."

Eine Standardtherapie sieht heute so aus: Eine Patientin mit unklarem Befund wird geröntgt (Mammografie) und per Ultraschall untersucht. Gibt es einen Befund, wird eine Biopsie gemacht, das heißt, es wird Gewebe entnommen und pathologisch untersucht. Ist es Krebs, wird der Tumor entfernt und teilweise bereits während der OP bestrahlt. Außerdem wird ein nahe liegender Lymphknoten, ein sogenannter Wächterlymphknoten entnommen, um zu sehen, ob der bereits befallen ist oder nicht. Das hilft, das Ausmaß der Erkrankung besser einzuschätzen. Nach der OP halten die Ärzte eine Tumorkonferenz ab, auf der die weitere Behandlung beraten wird.

Besonders schonende OP-Methode

Frauen, die an einer genetischen Form von Brustkrebs erkrankt sind, muss die Brust oft abgenommen werden. Für diese Patientinnen hat Jens-Uwe Blohmer eine besonders schonende OP-Methode entwickelt: Das Einsetzen des Implantats und der Brustaufbau werden gleich im Anschluss an die Entfernung des Tumors vorgenommen.

"Das erspart den Frauen mehrere Operationen", sagt Blohmer. Zum Brustaufbau entnimmt er auch keine Haut mehr vom Bauch der Frau, sondern speziell präparierte Haut, die von Spendern stammt oder von Tieren. "Eine Spezialfirma in Adlershof entfernt alle Zellen dieser Haut, sodass nur das Gerüst noch da ist. Das wird dann zum Brustaufbau verwendet", erklärt der Experte. In anderen Fällen nutzt er statt Haut ein spezielles Netz für den Brustaufbau.

Gudrun B., 54, ist vor einigen Jahren im Brustzentrum des Sankt Gertrauden-Krankenhauses von Jens-Uwe Blohmer operiert worden. "Er ist sehr gründlich, entscheidet nicht voreilig, sondern schaut sich die Krankengeschichte jeder Patientin genau an", sagt sie. Sie habe ihm all ihre Fragen stellen können. "Er hat sich viel Zeit genommen für mich."

Die 54-Jährige hat sich im Brustzentrum des Gertrauden-Krankenhauses sehr gut betreut und gut informiert gefühlt. "Professor Blohmer hat versucht, alles, was für seine Patientinnen nötig ist, zu koordinieren und sie so wenig wie möglich woanders hinzuschicken." Das habe ihr sehr gefallen, sagt Gudrun B. Ihre Erfahrung fasst sie so zusammen: "Was nutzen die tollsten Geräte, wenn die Ärzte nicht gut sind?" Jens-Uwe Blohmer sei ein guter Arzt. "Dem würde ich auch meine Töchter anvertrauen, wenn es nötig ist", sagt Gudrun B.

Keine Frage von Schuld

Das Durchschnittsalter bei Brustkrebspatientinnen liegt um die 60. Die Fallzahl nehme mit dem Alter der Frauen zu, sagt Blohmer. Vorbeugen könne man nur bedingt. In Industriestaaten wie Deutschland sei die Hauptursache für das Auftreten der Krankheit im sogenannten reproduktiven Verhalten der Frauen begründet. "Sie bekommen spät und seltener Kinder und stillen diese auch nicht mehr so lange, wie das früher der Fall war." Auch Diabetes Typ II sei ein Risikofaktor. Eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung seien deshalb angeraten. "Am Ende geht es aber niemals um die Schuldfrage", betont Jens-Uwe Blohmer. Meist handle es sich um zufällige Mutationen. Dagegen könne man nichts tun. Frauen, in deren Familie gehäuft Fälle von Brustkrebs aufgetreten sind und die deshalb ein genetisches Risiko für diese Erkrankung haben könnten, rät Professor Blohmer, sich in der Gensprechstunde der Charité vorzustellen. Ende der 90er-Jahre hat er diese Spezialsprechstunde ins Leben gerufen. Viele Frauen haben sich seitdem dort beraten und testen lassen, ob sie eine genetische Veranlagung haben.

Gudrun B. gehört weder zur Gruppe der älteren Patientinnen, noch ist sie genetisch vorbelastet. Trotzdem hat es sie getroffen. "Ich habe mich allerdings nie gefragt, warum gerade ich krank geworden bin", sagt sie. Wichtig sei, nach vorn zu schauen und an einen Erfolg der Behandlung zu glauben. Um erkrankten Frauen zu helfen, arbeitet Gudrun B. seit einigen Jahren im Vorstand des Fördervereins Brustzentrum City e.V. mit. "Wir bieten regelmäßig Informationsveranstaltungen an", sagt sie. Ein Ziel des Vereins ist es, die verschiedenen Brustzentren der Stadt zu vernetzen. Auf diese Weise könnten Erfahrungen noch besser weitergegeben werden, sagt Gudrun B. "Durch die Arbeit im Verein kann ich das zurückgeben, was ich an Hilfe und guter Behandlung erfahren habe."

>> Lesen Sie auch das Interview mit der Expertin für Brustkrebs <<

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