Medizinserie

Bei einem Herzinfarkt zählt jede Sekunde

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Katrin Lange

Foto: Jakob Hoff

Wo Berlin gesund wird - die Serie, Teil 1: Ein Herzinfarkt kann jeden treffen. Im Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn-Hellersdorf werden die meisten Fälle in der Hauptstadt behandelt.

Auf dem kleinen Nachtschrank liegt das Buch „1000 verrückte Tischtennis-Tatsachen“. Andreas Köhler sitzt leicht aufrecht in seinem Bett, nimmt es in die Hand und sagt: „Das habe ich gerade zum Geburtstag bekommen.“ Er hat sich das Buch ins Krankenhaus bringen lassen und kann schon wieder darüber lachen, obwohl er beim letzten Training nicht nur das Punktspiel verloren hat. Was nach dem Spiel passierte, habe er sich nicht träumen lassen, so der 63 Jahre alte Steuerfachangestellte aus Marzahn. Aber ein Herzinfarkt könne alle überraschen, das wisse er nun – eine Feststellung, die später auch Leonhard Bruch, Direktor der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), bestätigen wird.

Andreas Köhler saß nach dem Training im Auto, als plötzlich seine Brust schmerzte. Der Schmerz zog sich bis in den Kiefer – das sei besonders schlimm gewesen, erzählt er. Müde und schlapp habe er sich plötzlich gefühlt und mit letzter Kraft in die Wohnung und in seinen Sessel gerettet. Sein Frau sei so fahrig gewesen, dass sie vor Schreck in der ersten Sekunde nicht mehr die Nummer des Notrufes wusste. Die Feuerwehr traf zuerst ein, zwei Minuten später kam der Notarzt an. Der stellte noch vor Ort einen Hinterwandinfarkt fest. „Und dann griff ein Rädchen ins andere“, erzählt der Patient. Von der Ankunft im Unfallkrankenhaus Berlin bis zu dem Moment, an dem er sich wieder schmerzfrei mit zwei Stents im Herzen in einem Krankenbett wiederfand, waren für ihn gefühlt nur Augenblicke vergangen.

Das ist zum einen auf die Ernsthaftigkeit seines Falls zurückzuführen. Patienten mit einem Herzinfarkt erscheinen auf dem Monitor im Krankenhaus rot unterlegt: Die Farbe signalisiert den diensthabenden Ärzten, dass der gleich eintreffende Kranke vorrangig und ohne zeitlichen Verzug behandelt werden muss. Zurückzuführen ist das aber auch auf die große Routine bei der Behandlung von akuten Herzinfarkten in der Klinik im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Allein an den Wochenenden, von Sonnabend 0 Uhr bis Sonntag 24 Uhr, wurden 2013 insgesamt 106 Patienten in den drei Herzkatheterlaboren des Unfallkrankenhauses behandelt. Das geht aus der Statistik der Senatsverwaltung für Gesundheit hervor. Mit dieser Zahl der Behandlungsfälle liegt die Klinik in Berlin auf dem ersten Platz, vor dem Vivantes Klinikum Neukölln (89 Fälle) und der Charité-Klinik Benjamin Franklin in Steglitz (84 Fälle).

Ablagerungen im Gefäß

Insgesamt werden jedes Jahr 750 Patienten mit einem Infarkt in das Unfallkrankenhaus eingeliefert, 300 davon haben einen besonders schweren, einen sogenannten transmuralen Herzinfarkt, also Durchblutungsstörungen des Herzens, die sofort im Herzkatheterlabor versorgt werden müssen. Für die hohen Behandlungszahlen führt Leonhard Bruch mehrere Gründe an. So sei die Klinik in der Umgebung von Marzahn-Hellersdorf bis Strausberg das einzige Zentrum, das solche Fälle versorgen könne. Viele Krankenhäuser im Umland hätten kein eigenes Herzkatheterlabor. Dazu hat das Unfallkrankenhaus ein eigenes Notarztfahrzeug, einen eigenen Helikopter und zwei Landeplätze.

Zudem sei man von Anfang an auf die Akutversorgung spezialisiert gewesen, so Bruch. Dazu gehöre nicht nur die technische Ausstattung, sondern auch das reibungslose Zusammenspiel der Experten im Team. Jeder Facharzt stehe sofort mit seinen Kompetenzen zur Verfügung.

Während Bruch erklärt, kommt der Ruf aus dem Herzkatheterlabor. Ein Stent muss gesetzt werden. Auf dem Bildschirm zappelt der Katheter wie eine Schlange durch ein wildes Geäst. Stück für Stück schiebt Leonhard Bruch den Draht von der Leiste durch die Ader Richtung Herzen. Der Arzt spricht zur Beruhigung mit dem Patienten, der bei Bewusstsein ist.

Patient sofort wieder beschwerdefrei

Mit dem Stent kann die durch eine Ablagerung verengte Stelle im Gefäß, die zu dem Infarkt führte, wieder geöffnet oder geweitet werden. „Es ist ein standardisierter Routineeingriff“, so der Herzexperte. Nach dem Eingriff sei der Patient unmittelbar beschwerdefrei und müsse noch zwei bis drei Tage überwacht werden. Bei einer anschließenden Reha würden die Patienten mit verschiedenen Themen, wie Sport, Raucherentwöhnung und Ernährungsumstellung konfrontiert werden. Viele müssten versuchen, ihr Leben danach umzustellen und Medikamente zur Blutverdünnung, Herzentlastung und Fettsenkung nehmen.

Ein Herzinfarkt kann jeden treffen – jetzt kommt der Satz noch einmal. „Man hat es nicht in der Hand“, sagt Leonhard Bruch. Erst kürzlich habe er eine 38-jährige Frau behandelt, sportlich, top gesund, und dennoch habe sie einen Infarkt erlitten. Laien machen heute oft Stress für einen Herzinfarkt verantwortlich. Das kann der Klinikleiter nicht bestätigen. „Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse darüber, dass Stress die Ursache sein könnte“, sagt Leonhard Bruch. Vielmehr seien es die Folgen, die eine extreme Arbeitsbelastung mit sich brächten, wie eine schlechte Ernährung oder viele Zigaretten. Ein Herzinfarkt kündigt sich oft mit Brustschmerzen, Enge und Luftnot an, Frauen könnten auch untypische Symptome wie Übelkeit, Schwindel und Schwäche haben. „Es ist ein bisschen das Gefühl, als ob ein Elefant auf der Brust sitzt“, veranschaulicht es der Arzt. Auf jeden Fall sei ein Herzinfarkt ein „multifaktorielles Geschehen“ – Auslöser sind fast immer mehrere Probleme.

Immer mehr Frauen betroffen

„Betroffen sind immer noch mehr Männer als Frauen, aber die Frauen holen auf“, sagt Professor Harald Darius, Chefarzt der Kardiologie am Vivantes Klinikum Neukölln, das die zweithöchsten Fallzahlen pro Jahr hat. Sie würden älter werden und heute häufiger rauchen. Zigaretten nennt er auch als ersten Risikofaktor, gefolgt von einem hohen Cholesterinwert, Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und wenig Bewegung. Etwa 700 Patienten mit akutem Herzinfarkt werden jährlich in der Neuköllner Klinik behandelt. „Es ist das einzige Akut-Krankenhaus in diesem Bezirk“, sagt Darius. Das nächstgelegene sei das Kreuzberger Urban-Krankenhaus. Vom Notarztwagen bis zum Herzkatheterlabor sind es nur 15 Meter, auf der Intensivstation gibt es 24 Beatmungsplätze. Wer mit einem schweren Herzinfarkt komme, so Darius, ist 60 bis 90 Minuten später bereits aus dem Herzkatheterlabor wieder heraus. Der Stent gewährleiste wieder die normale Funktion des Herzens. Man merke ihn nicht, versichert Darius.

Auch Leonhard Bruch stellt fest, dass immer mehr Frauen einen Herzinfarkt erleiden. Ab 75 Jahren seien sie fast genauso häufig betroffen wie Männer. In jungen Jahren würden die weiblichen Hormone noch vor einem Infarkt schützen. Dieser „natürliche“ Schutz falle mit den Wechseljahren weg. Einen besonderen Risikofaktor sieht er in der Kombination Pille und Zigaretten. Eine Kombination, die heute nicht selten vorkommt. Einer von acht Herzinfarkten kann tödlich sein, warnt Bruch. Daher ist sein Appell: Bei den ersten Anzeichen von Brustschmerzen oder Luftnot sofort den Notarzt rufen. Je schneller gehandelt wird, desto größer ist die Chance, wieder ein einigermaßen normales Leben führen zu können.

Dennoch: Andreas Köhler wird sein Leben umstellen. Er muss jetzt mit Stents im Herzen leben. „Hochinteressant“ fand er es, wie er am Bildschirm miterleben konnte, wie sie in die Gefäße eingesetzt wurden, erzählt er. Gemerkt habe er davon nichts. Nur als der Stent sich seinen Platz in der Ader verschafft hätte, habe einen kurzen Moment etwas Druck und Luftnot verspürt. Aber eigentlich sei dieses kleine Unwohlsein wohl mehr vom Kopf ausgegangen, meint er im Nachhinein.

Mehr Bewegung, weniger Gewicht

Der Steuerfachmann hat sich einiges für die Zukunft vorgenommen. Zweimal Training in der Woche reicht ihm nicht mehr, er will sich noch mehr bewegen. „Im Beruf muss ich ja immer sitzen“, sagt der Marzahner. 32 Jahre lang hat er geraucht, zehn Zigaretten pro Tag. Vor 15 Jahren war damit Schluss, dafür stieg sein Gewicht von 75 Kilogramm auf 97 Kilogramm. Zuviel für eine Größe von 1,60 Meter, schätzt er selbst ein. Aber er esse nun einmal gern deftig, am liebsten Schweinshaxe. Die will er nicht ganz aus seinem Leben streichen. Er lacht wieder. Es ist ein befreiendes Lachen, eins mit der Gewissheit, viel Glück gehabt zu haben.

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Teil 2: Brustkrebs

Teil 3: Hüfte/Knie

Teil 4: Darmkrebs

Teil 5: Lungenkrebs

Teil 6: Speiseröhren-/Rachenkrebs