Psychologie

Warum es an Weihnachten zu Krach und Stress kommt

In manchen Familien verlaufen die Feiertage alles andere als harmonisch. Der Psychoanalytiker Peter Michael Roth erklärt, was dabei passiert und wie man das Fest rettet.

Foto: Getty Images

Ein leuchtender Christbaum, gutes Essen, schöne Geschenke, glänzende Kinderaugen, Gespräche in Ruhe, Harmonie. So soll das Weihnachtsfest sein. Aber manchmal klappt das nicht, weil die Erwartungen zu hoch und die Konflikte aufbrechen. Woher das kommt und was man dagegen tun kann, erläutert der Nervenarzt und Psychoanalytiker Peter Michael Roth, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg in Wendisch Rietz. Die Klinik ist spezialisiert auf die Behandlung von Depressionen, Suchterkrankungen und Burn-out.

Berliner Morgenpost: Herr Dr. Roth, wie schaffen Sie selbst es, rechtzeitig vor Weihnachten alle Geschenke zusammenzubekommen?

Peter Michael Roth: Ich muss frühzeitig anfangen, sonst wird das nichts. Das hat auch damit zu tun, dass wir in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken vor Weihnachten mehr zu tun haben als sonst. Bei vielen kommt es da zu Krisen. Zum einen sind die Erwartungen der anderen, die wir uns zu eigen machen, besonders hoch, so dass ein besonderer Stress entsteht. Andere haben Angst vor dem Alleinsein an den Feiertagen. Das führt gerade in der Vorweihnachtszeit zu Krisensituationen.

Ist denn tatsächlich jeder im Stress, der das von sich sagt? Wird da nicht manchmal auch kokettiert?

Die Medizin unterscheidet zwischen dem gesunden „Eustress“, der Kräfte und Glücksgefühle mobilisiert, und dem „Disstress“, den wir als Druck erleben und der verschiedenste Krankheiten auslösen kann. Und weil Stress ein Modewort geworden ist, lässt sich damit auch gut Anteilnahme oder Anerkennung provozieren.

Was macht um Weihnachten Druck?

Weihnachten macht Stress, wenn die Erwartungen allgemein zu hoch sind. Viele wollen unbedingt Friede, Freude und Harmonie im Familienkreis. Doch die Realität sieht oft anders aus. Und dann sind da die Geschenke und der Baum, die besorgt werden müssen, die Essensvorbereitungen und die Einkäufe dazu. Das setzt unter Druck.

Gibt es viele Menschen, die in Krisensituationen kommen, weil sie an den Feiertagen allein sind?

Ich kenne keine Statistiken, aber wir haben viele Patienten, die an Weihnachten allein wären und ihre Überweisung an unsere Klinik regelrecht planen und sich rechtzeitig anmelden. Hier haben sie einen geschützten Raum und psychologisch kompetente Krisenbetreuung. Außerdem haben sie hier die Gesellschaft anderer.

Warum machen so viele das stressige Spiel um Weihnachten mit, obwohl sie sich dabei unwohl fühlen?

Der Grund ist der Gruppenzwang. Die Zusammenkünfte werden lange praktiziert. Es besteht die Übereinkunft, dass die Gruppe von Konsens geprägt sein muss und Konflikte hier nichts zu suchen haben. Dieses Bild von der – vermeintlichen – Harmonie wird ja auch in vielen Filmen und in der Werbung transportiert. Das nimmt Einfluss auf den Erwartungshorizont, und dem will man nacheifern. Aber Weihnachtszeit ist auch Konfliktzeit.

Wie kann man sich gegen Ärger wappnen?

Man muss sich zum einen bewusst machen, welche Bedürfnisse man selbst hat. Und man muss, zweitens, unbedingt mit den Menschen kommunizieren, mit denen man die Feiertage verbringt. Jeder sollte fragen: Was meint ihr zu dieser und jener Planung? Wollen wir es dieses Jahr nicht etwas „kleiner“ gestalten? Eigentlich klappt das heute in vielen Familien schon ganz gut. Aber es klappt dann nicht, wenn es einen Mangel an Kommunikation gibt und deshalb ein Missverhältnis zwischen Erwartungen und Realität entsteht.

Wie sieht die Stimmung in den Familien üblicherweise aus?

Es gibt nach meinem Wissen keine Statistiken. Wir sehen in unserer psychiatrischen und psychosomatischen Klinik ja nur die negativen Verläufe. Das habe ich auch früher erlebt, als ich in einer Universitätspoliklinik gearbeitet habe. Da waren wir zuständig für Kriseninterventionen beispielsweise nach Suizidversuchen und Alkoholvergiftungen. Wir beobachten jedenfalls, dass die Zahl der Klinikaufnahmen in der Weihnachtszeit zunimmt. Auch wenn das nicht die gesellschaftlichen Regelfälle sind, so haben sie doch etwas Typisches für unsere Zeit.

Geht mancher schon mit schlimmen Erwartungen in den Familienbesuch?

Ja, durch frühere Erlebnisse geht mancher schon negativ konditioniert in das Treffen. Aber damit gibt er den anderen keine Chance, die Erwartungen zu korrigieren.

Was steckt, auf einer tieferen stammesgeschichtlichen Ebene, hinter den familiären Zusammenkünften?

In der dunklen Jahreszeit mit den langen Nächten, in denen man nicht viel anderes tun konnte, hockte man am Lagerfeuer und wärmte sich. Das stärkte das Gemeinschaftsgefühl, und die Innenschau kam in Gang, auch die Rückschau und die Beschäftigung mit sich selbst. Die Besinnlichkeit war durch die kurzen Tage schon vorgegeben. Das ist an sich auch heute noch eine ganz gesunde Institution. Der Drang, sich mit den Angehörigen und dem Clan zusammenzufinden, stärkt den Zusammenhalt, wenn es gut läuft. Manchmal klappt es nicht, und bei einzelnen Patienten gibt es Katastrophen.

Was ist der Grundkonflikt?

Wir versuchen, die Grundstrukturen in der Familie zu erkennen und die Konflikte, die nicht offen ausgetragen werden. Das Konfliktbehaftete wird ja gern unter den Teppich gekehrt. Da kann sich einiges ansammeln, was beim mehrtägigen Treffen dann um die Ecke kommt. Meist will das keiner, aber es ist einfach auf dem Tisch. Wenn man nicht gewohnt ist, mit alten Konflikten umzugehen, wird’s schwierig. Üppiges Essen und Alkohol und die damit verbundene „Eintrübung des Geistes“ sind in Krisen übrigens nicht gut. Sie schwächen in Krisensituationen.

Was kann man tun, um das Zusammentreffen harmonisch zu gestalten?

Man sollte sich selbst fragen: Wie hätte ich es gern? Was tut mir gut? Wie groß sollen die Geschenke und wie aufwendig soll das Essen sein? Womit fühle ich mich wohl? Wie viel Aufwand will ich betreiben? Und man sollte sich vor allem vorher mit den anderen darüber austauschen und klar sagen: „Ich will das gerne so und so – ist das für euch in Ordnung?“ So kann man falschen Erwartungen vorbeugen.

Und wenn die Familie schon in schwere Wetter gekommen ist?

Wenn es schief geht, muss man ein Stoppsignal senden und klarmachen, dass m an diesen Konflikt jetzt wohl nicht bereinigen kann und sich dafür besser einen anderen Rahmen sucht. Der Ablauf muss unterbrochen werden, und dafür eignet sich immer ein Spaziergang gut, entweder in der ganzen Gruppe oder in einzelnen Grüppchen. Wenn man sich allzu unwohl fühlt, sollte man das möglichst taktvoll mitteilen. Und wenn es gar nicht anders geht, muss man sich eben vorzeitig rausziehen, damit es kein bitteres Ende gibt und man den anderen den Spaß verdirbt.

Ist die traditioneller geprägte ältere Generation anfälliger für überhöhte Erwartungen?

Das ist häufig so. Aber ich bin oft auch erstaunt, wie sich die Probleme der Selbstüberforderung durch die Generationen fortpflanzen. Die Jüngeren gehen auch eher den Verlockungen der Werbung auf den Leim. Sie haben nicht so den Mut, gegen den Strom zu schwimmen.

Wie bewerten Sie das Auflösen der Familienbindungen?

Ich halte das für einen bedenklichen Trend. Man erkennt ihn statistisch an der Zunahme der Single-Haushalte. Aber der Mensch ist nicht zum Einzelgängertum geschaffen. Wir sind von Natur aus konzipiert für die Gruppe und nur in der Gruppe gesund – auch wenn es da mal Krach gibt. Das zeigt sich selbst in der Sterbestatistik: Wer alleine lebt, lebt kürzer. In der Gruppe und der Ehe werden wir älter.

Aber es gibt doch den Trend zu Ersatzfamilien ...

Ja, Gott sei Dank, haben wir die Fähigkeit, Ersatzfamilien zu finden. Das schaffen selbst Obdachlose, die sich gerade an Weihnachten beispielsweise in der Bahnhofsmission versammeln. Wir haben das Bedürfnis, uns zusammenzutun. Diese Beziehungen können locker und trotzdem gut sein, auch wenn man sich da nicht so geborgen fühlt. Aber generell können auch selbst zusammengesuchte Familien solide sein.