Transplantationen

Krankenkassen versenden bundesweit Spendeausweise

Organspende Ja oder Nein: Wer den Brief erhält, muss sich entscheiden. In Berlin stagniert die Spendenbereitschaft.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Barbara Gebings Lebensretter ist so groß wie ein altes Faxgerät. Nachts brummt der Kasten und erledigt monoton seine Arbeit. Dialyse, acht Stunden lang im Schlaf.

Barbara Gebing ist 41 und alleinerziehend mit einer 14-jährigen Tochter. Vor drei Jahren versagten ihre Nieren. Wenn es keine Organspende gäbe, blieben ihr mit dieser Dialyse-Maschine vielleicht noch sechs Jahre zu leben. Doch ihre Kräfte würden bis dahin nachlassen. Sie könnte irgendwann nicht mehr für das Bezirksamt arbeiten, nicht mehr für ihr Kind sorgen. Seit ihrer Geburt hatte die Berlinerin Zysten auf den Nieren, kleine Zellknubbel, die man nicht wegoperieren kann. „Früher habe ich gedacht, wenn ich an die Dialyse muss, bringe ich mich um“, sagt sie. Nun bekommt sie eine neue Niere – ein passendes Spenderorgan wurde gefunden.

Damit mehr von den rund 12.000 Menschen in Deutschland, die auf ein Spenderorgan warten, wie Barbara Gebing versorgt werden können, verschicken die Krankenkassen als Teil des neuen Transplantationsgesetzes ab dem heutigen Donnerstag an ihre Versicherten Schreiben, die über Organspende aufklären.

Wer den Brief erhält, soll sich entscheiden: Organspende Ja oder Nein. Die Neuerung soll eine fatale Lücke schließen: Viele Deutsche haben nichts gegen Organspenden, füllen aber keinen Spenderausweis aus. Das war bereits vor dem Transplantationsskandal an zwei Uni-Kliniken so. Transplantationsärzte haben dort, so die Vermutung, ihre Patienten auf dem Papier kränker gemacht, als sie waren, damit sie früher eine Spenderleber bekommen.

Rühren am Tabuthema Tod

Die Schlagzeilen überschatten ein Grundproblem: Die Menschen beschäftigen sich selten mit der Transplantationsmedizin. Denn das Ausfüllen eines Spendeausweises rührt zwangsläufig an das Tabuthema Tod und die Möglichkeit des eigenen (unter Umständen frühen) Sterbens. Barbara Gebing ist das nicht fremd.

Auch sie verdrängte den Gedanken an ein Nierenversagen 35 Jahre lang. Für sie brach eine Welt zusammen, als ihr Arzt 2007 sagte, sie müsse an die Dialyse-Maschine und dass das meist nur zehn Jahre lang gut gehe. Gebing hat Familie und Freunde auf Organspende-Ausweise angesprochen. Sie ist an abweisende Reaktionen gewöhnt, besonders nach dem Transplantationsskandal: „Wer weiß, ob ich schon tot bin.“ – „Die wollen meine Organe doch nur verkaufen.“

Kampf gegen viel Skepsis

Ganz nüchtern spricht dagegen Andreas Pascher im großen Hörsaal des Charité-Bettenhochhauses zu Berliner Bürgern über seine Probleme als Transplantationsarzt: „Wir akzeptieren Organe von immer älteren Spendern. Wir gehen in die Extreme, bis hin zu 85-Jährigen.“ Und nun auch noch dieser Skandal, der das Vertrauen in das Organspende-System erschüttere. Für ihn gibt es nur zwei Wege aus der Misere: „Die Transparenz muss in den Vordergrund. Und wir müssen die Bevölkerung fragen. Wir können nur erfolgreich sein, wenn es ein gesellschaftliches Bekenntnis zur Organspende gibt.“ In der Fragerunde trifft Pascher auf Skepsis.

Skepsis ernten auch Menschen wie Dag Moskopp. Der Neurochirurg vom Vivantes-Klinikum am Friedrichshain gehört zu jenen, die darüber urteilen müssen, ob ein Mensch hirntot ist. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Organ entnommen werden darf. Rund 400 Mal hat er bisher den Hirntod eines Menschen festgestellt. Wenn das Gehirn nicht mehr durchblutet werde, ein Patient nicht mehr eigenständig atme und alle wichtigen Reflexe ausblieben – dann seien die Kriterien erfüllt, sagt der Professor. Die Persönlichkeit und das Ich sind erloschen. Es ist aber auch ein Zustand, in dem andere Organe wie das Herz durch Maschinen am Leben erhalten und entnommen werden können. Die Hirntod-Zeichen seien die sichersten, um auf den Tod rückzuschließen. „Von dort kommt niemand zurück.“

Berlin verzeichnet Spendenbereitschaft auf mittlerem Niveau

Doch die Angehörigen von potenziellen Spendern sind zögerlich. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) verzeichnete in den ersten drei Quartalen 2012 knapp acht Prozent weniger Organspenden als im Vorjahreszeitraum. Allerdings gibt es immer Schwankungen, wie aktuelle Berliner Zahlen zeigen.

Am Mittwoch hatte der Senat eine Kleine Anfrage der Piraten im Abgeordnetenhaus beantwortet und Zahlen zu Organentnahmen und -transplantationen in den Jahren 2002 bis 2012 gegeben. Demnach schwankte die Zahl der Organentnahmen in den aktuell 15 Berliner Spendekliniken zwischen 170 und 260, also um +/- etwa 20 Prozent. Nach einem Tief 2003 und 2004 stiegen die Zahlen kräftig, um dann 2010 und 2011 wieder auf ein mittleres Niveau zu fallen.

In der Summe wurden demnach von 2002 bis 1. August 2012 in Berliner Kliniken 2220 Organe entnommen. Hinzu kamen 392 Lebendspenden von Nieren und Lebersegmenten. Implantiert wurden in den vier Transplantationszentren – die drei Charité-Standorte und Deutsches Herzzentrum – hingegen 4013 Organe. Dass sehr viel mehr Organe implantiert als entnommen wurden, liegt daran, dass die Stadt gleich über vier Transplantationszentren verfügt und auch viele Patienten aus dem Umland behandelt. Es werden somit mehr Organe zugewiesen als hier entnommen.

Senat bemüht sich um Info-Kampagnen

Der Senat hat laut der Antwort auf die Kleine Anfrage in den vergangenen Jahren vielfach versucht, die Berliner zum Ausfüllen eines Organspendeausweises zu bewegen. So bekamen etwa die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes im Jahr 2008 mit ihren Gehaltsbescheinigungen Spendeausweise, 1,3 Millionen wurden zudem dem Anzeigenblatt „Berliner Abendblatt“ beigelegt. Es fanden Info-Kampagnen in Schulen statt, Werbeträger wurden unter anderem in der Gastronomie und in der Langen Nacht der Wissenschaften verbreitet. Wie erfolgreich solche Aktionen sind, lässt sich aber kaum überprüfen.

Barbara Gebings private Organspende-Kampagne hat ihr ein unerwartetes Geschenk beschert: Ein Angehöriger bot ihr eine seiner Nieren für eine Lebendtransplantation an. Damit sie von der Dialyse loskommt, bevor es abwärtsgeht.