Chirurgie

Das gefährliche Geschäft mit den Schönheitsoperationen

Die Nachfrage nach künstlicher Perfektion ist ungebrochen. Ökonomisch gesehen mehrt das vor allem eines: Unzufriedenheit.

Johannes Bruck macht jedes Jahr mindestens 1000 Frauen glücklich, davon ist er überzeugt. An seinem breiten Schreibtisch, unter einem Porträt von Audrey Hepburn, spricht er mit ihnen über Wunsch und Wirklichkeit. 1000 Frauen ließen sich allein im Jahr 2011 bei ihm die Brüste vergrößern. In einer „repräsentativen Umfrage“ will der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie herausgefunden haben, dass ein „signifikanter“ Anteil seiner Patientinnen sechs Monate nach der Operation selbstbewusster sei und zufriedener mit ihrem Sexualleben. Also glücklicher, sagt er.

Auch vielen alternden Damen und Herren verhilft Bruck zu mehr Lebensglück. So sieht er das. Gefühltes Alter und äußerliches Alter deckten sich oft nicht. Bruck, der 13 Jahre Chefarzt am Berliner Martin-Luther-Krankenhaus war, schafft Übereinstimmung. Er strafft Augenlieder, Hälse, Wangen und Bäuche. Er polstert knochige alte Hände mit Fettgewebe auf und spritzt Altersflecken weg. Alles im Namen des Glücks. Gut möglich, dass einzelne Patienten nach einer Schönheitsoperation zufriedener mit sich und ihrem Leben sind. Sie verschaffen sich schließlich, das haben Ökonomen untersucht, Wettbewerbsvorteile bei der Karriere und der Partnersuche. Dass der Trend zur künstlichen Schönheit allerdings das „Glück“ in der Gesellschaft mehren könnte, ist beinahe ausgeschlossen. Wahrscheinlicher ist es, dass das Streben nach Jugend und Schönheit mit Blick auf die allgemeine Zufriedenheit mehr kostet als nützt.

Fakt ist: Die ästhetische Chirurgie boomt. Die Zahl der Eingriffe allein der Schönheit zuliebe steigt seit Jahren rasant – Skandalen zum Trotz. Das bestätigen Fachverbände. Die Statistik allerdings ist ungenau. Denn die Abgrenzung zwischen medizinisch und rein ästhetisch begründeten Eingriffen ist fließend.

Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen legten sich im Jahr 2011 rund eine Million Deutsche der Schönheit zuliebe unters Messer. Nach Angaben der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland ließen sich zudem mehr als 130.000 Menschen mit dem Nervengift Botox und ähnlichen sogenannten Fillern gegen Falten behandeln – und das allein bei den 400 Mitgliedsärzten dieser Vereinigung. Profiteure dieses Trends sind zweifelsfrei die Anbieter. Das sind gleich eine Reihe von Ärztegruppen. „Schönheitschirurg“ kann sich jeder Arzt nennen – auch ohne sechsjährige Weiterbildung zum Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Auch der Kiefernchirurg oder der Hautarzt darf für die Schönheit operieren. Hinzu kommen Tausende von Kosmetikern und Inhaber von Botox-to-go-Läden, die Faltenbehandlungen anbieten. Je nach Schätzungen geben allein die Deutschen zwischen 800 Millionen und 1,8 Milliarden Euro pro Jahr für Schönheitseingriffe aus.

Körper als Werkzeug und Material

Hinter diesen Statistiken verbirgt sich allerdings eine Krux: Je mehr Frauen nämlich mit operierten Brüsten herumlaufen, je mehr Alte sich wundersam verjüngen – desto unzufriedener wird der große Rest mit seinem natürlichen Aussehen. Ökonomen haben das Phänomen der direkten Vergleichsgruppen für die eigene Zufriedenheit umfassend untersucht. Ob beim Auto, den Blumen im Vorgarten oder Urlaubsreisen – es gibt eine messbare Tendenz, mit den Nachbarn zumindest gleichzuziehen. Und das gilt offenbar auch für die Schönheit. Weil vieles technisch möglich ist, verbreitet sich die Vorstellung, jeder könne eine Art normierte Schönheit hinbekommen. Es gibt den Imperativ, sich zu optimieren, um am gesellschaftlichen Erfolg teilzuhaben, hat die Münchner Soziologieprofessorin Paul-Irene Villa festgestellt. „Der Körper ist in der Moderne gleichermaßen zum Werkzeug und zum Material von Selbstgestaltungspraxen geworden.“ Maßgeblich für das eigene Körperideal sind dabei immer mehr die Schönheitsbilder in den Medien. Welches Bild allerdings als schön empfunden und als Vorbild ausgewählt wird, ist offenbar auch abhängig vom gesellschaftlichen Stand. In seinem Buch „Schönheit als Praxis“ hat der Soziologe Otto Penz „klassenspezifischen“ Geschmack ausgemacht. In der oberen Klasse – definiert durch einen Hochschulabschluss – hätten Natürlichkeit und Individualität Gewicht. In der unteren Klasse – bei Penz bestehend aus Arbeitern oder Dienstleisterinnen – legten gerade diejenigen Frauen mit den kleinsten finanziellen Mitteln den größten Wert darauf, Schönheitsideale zu erfüllen. Psychologen haben zudem herausgefunden, dass gerade in der Unterschicht das Körperbild von jungen Frauen und Männern zunehmend durch den Einfluss von Pornografie verändert wird.

Eine große Anzahl von gelifteten und geglätteten Gesichtern sowie aufgepumpten Brüsten in der unmittelbaren Umgebung erhöht zunächst einmal die Unzufriedenheit mit dem natürlichen Status quo. Entschließt Mann oder Frau sich zu einem Eingriff, kommt zusätzliches Leid hinzu. Denn die Operation ist, wie jede medizinisch indizierte auch, schmerzhaft. „Eine kosmetische Operation ist eine Form der Körperverletzung auf Verlangen“, sagt der plastische Chirurg Bruck nüchtern.

Hinzu kommt: Jede Operation hat Risiken. Und das Risiko, Betrügern wie der französischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP) aufzusitzen, hätte auch Bruck nicht ausschließen können. Denn die Franzosen boten ihre Implantate mit verunreinigtem Industriesilikon nicht nur im Billigsegment an. Hunderte von Frauen ließen sich allein in Deutschland in diesem Jahr verunreinigte Implantate wieder herausoperieren. Den großen Teil der Kosten dafür trugen die Krankenkassen – schließlich bestand „Gefahr für die Gesundheit“. Effizient ist das nicht: Die Kosten für das Risiko einer medizinisch unnötigen Behandlung werden der Gesellschaft aufgebürdet. Den Nutzen verbucht der Operierte für sich allein. Und der kann, ökonomisch gesehen, durchaus beachtlich sein. Dann gilt, was Ökonomen und Soziologen herausgefunden haben: Schönheit zahlt sich aus. In den 90er-Jahren zeigten die amerikanischen Ökonomen Daniel Hamermesh und Jeff Biddle: Überdurchschnittlich hübsche Menschen verdienen in den USA zehn bis 15 Prozent mehr als unterdurchschnittlich gut aussehende. Die Forscher Markus Mobius aus Harvard und Tanya Rosenblat von der Wesleyan University haben später die Gründe für diese „Schönheitsprämie“ untersucht. Sie fanden heraus, dass Arbeitgeber hübschen Mitarbeitern „signifikant“ mehr zutrauten als unscheinbaren – und das allein vom Foto. Hinzu kam, dass die gut aussehenden Versuchspersonen im direkten Gespräch selbstbewusster auftraten – und die Chefs deren Produktivität daraufhin nochmals höher einschätzten.

Schöne machen leichter Karriere

Überdurchschnittlich gutes Aussehen öffnet demnach Türen zum Arbeitsmarkt und stärkt das eigene Selbstbewusstsein. Ein Problem ist nur, wenn sich der Durchschnitt verschiebt. Wenn Botox, Lidstraffung und Co. für gepflegte über 60-Jährige zur Norm werden, sinkt die Zahl der Bewunderer für deren jugendliches Aussehen. Dann schrumpft der Vorteil der künstlich Verschönerten – und der soziale Druck auf die Naturbelassenen steigt. Für die Gesellschaft als Ganzes gesehen ist die Operiererei ein Nullsummen-Spiel. Einen messbaren Gewinn haben Schönheitsarbeiter. Einzelne Patienten mögen sich vorübergehend schöner fühlen – Befragungen zufolge kehren viele allerdings nach kurzer Zeit mit neuen Unzufriedenheiten auf den Operationstisch zurück. Ökonomische Kosten entstehen durch Gesundheitsrisiken bei den Operationen. Zudem steigt mit der Zahl künstlich verschönerter Menschen auch die Unzufriedenheit der anderen.

Ob es da nicht nützlicher und zudem ethisch verantwortlicher wäre, die Menschen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken? Diese Frage stellt sich Bruck nicht. „Menschen, die zu mir kommen, sind so sehr in ihrer Persönlichkeit verunsichert, dass sie sich freiwillig einer Körperverletzung unterziehen“, sagt er. Da könnten oft auch Psychologen nicht helfen. Ein guter Chirurg aber sehr wohl. Er befreie Frauen von ihren subjektiv empfundenen Makeln. Er gebe Alten diejenigen 20 Jahre zurück, die sie sich sowieso jünger fühlten. „Ich helfe den Menschen, sich ihr eigenes Ebenbild zu schaffen“, sagt Bruck. So sieht er das.