Ohrgeräusche

Kombi-Therapie soll gegen Tinnitus helfen

Permanentes Pfeifen und Klingeln: Über drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Tinnitus. Für sie soll es jetzt Hoffnung geben.

Es gibt viele Menschen, die ständig ein Pfeifen oder Rauschen hören. Bei manchen zischt es im Ohr, andere hören ein Klingeln, Summen oder sogar das Kreischen einer Kreissäge. Chronischer Tinnitus ist eine Diagnose, die Ärzte mehr als vier Prozent der Bevölkerung stellen. Es ist eine Diagnose, die das Leben der Patienten völlig verändert. Doch obwohl das Leiden weitverbreitet ist, weiß bisher keiner genau, welche Ursachen es eigentlich hat. Zudem gibt es auch nach vielen Jahren der Forschung keine einheitliche Behandlungsstrategie gegen den Tinnitus.

Der Grund dafür: "Evidenzmangel". Mit dem Begriff Evidenz (engl. evidence = Beweis, Beleg) umschreiben Mediziner Therapien, die in qualitativ hochwertigen Studien ihre Wirksamkeit belegen konnten. Evidenzmangel beim Tinnitus bedeutet also, dass es unklar ist, welche der vielen verschiedenen Behandlungsmethoden (siehe Info-Kasten) den Betroffenen tatsächlich helfen können. "Es gab in der Vergangenheit keine wirklich aussagekräftigen Studien zu einzelnen Therapieansätzen", bemängelt Roland Laszig, Direktor der HNO-Universitätsklinik in Freiburg. Für die Patienten bedeutet dies, dass sie, je nachdem zu welchem Arzt sie gehen, anders behandelt werden. Das soll sich künftig ändern. Eine niederländische Studie konnte nun zeigen, wie die Therapie des chronischen Tinnitus auf der Basis der bereits mehr oder weniger etablierten Therapien deutlich verbessert werden kann.

Von einem chronischen Tinnitus sprechen Ärzte, wenn die Ohrgeräusche länger als sechs Monate andauern. Dann ist nicht mehr davon auszugehen, dass die Stille von allein wieder im Ohr einkehrt oder durch eine akute Therapien wie etwa einer durchblutungsfördernden Infusion. Wer an einem chronischen Tinnitus leidet, der muss häufig mit ihm leben lernen. Die Studie, die Wissenschaftler der Universität Maastricht in den Niederlanden durchgeführt haben, soll nun genau diesen "hoffnungslosen Fällen" helfen.

Bessere Lebensqualität

Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist, dass eine Kombination aus intensiver Verhaltenstherapie und Hörtherapie die Intensität des Tinnitus offenbar merklich vermindern und so die Lebensqualität der Betroffenen deutlich erhöhen kann. Die Ergebnisse der einjährigen Studie mit 492 Patienten wurden vor Kurzem im britischen Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht. "Es handelt sich um eine methodisch sehr gute Studie", sagt Berthold Langguth vom Tinnituszentrum des Bezirksklinikums Regensburg.

Treten Ohrgeräusche auf, sollten sie möglichst rasch behandelt werden, damit der Tinnitus nicht chronisch wird. "Kortison, Infusionen mit durchblutungsfördernden Medikamenten und eine Überdruck-Sauerstofftherapie helfen vielen Patienten", sagt Roland Laszig. Wenn aber ein nicht organisch bedingter Tinnitus bereits chronisch ist, setzen Ärzte normalerweise auf einen Therapiemix. Dazu gehört die sogenannte Retraining-Therapie gepaart mit psychologischer Betreuung.

Ein "Noiser" oder "Masker" ("Rauscher" beziehungsweise "Maskierer") im Ohr produziert hierfür etwa sechs bis acht Stunden am Tag ein leises Rauschen mit einem breiten Frequenzbereich. Das Gehirn soll auf diese Weise den Tinnitus als unwichtig einschätzen lernen und aus der bewussten Wahrnehmung verschwinden lassen. Der Patient lernt also praktisch, das unangenehme Geräusch zu überhören. Bei einer Hörstörung können alternativ zum Noiser auch beidseitig Hörgeräte zur Verstärkung der Umgebungsgeräusche angebracht werden. Die Aufmerksamkeitsumlenkung kann aber auch zusätzlich durch optische Reize erfolgen.

"Auch eine Hypnosetherapie kann die Aufmerksamkeit des Patienten vom Tinnitus weglenken", erklärt Laszig. Weiterhin findet die kognitive Verhaltenstherapie, eine umfassende Form der Psychotherapie, Anwendung. Die Patienten sollen dadurch lernen, besser mit den Ohrgeräuschen, den damit verbundenen Ängsten und Stress umzugehen sowie falsche Verhaltensmuster abzulegen. Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie sind beispielsweise das Erlernen von Stressbewältigungstechniken, Entspannungsübungen und ein Hörtraining mit Wahrnehmungsübungen.

Die von der neuen Lancet-Studie untersuchte spezielle Kombinationstherapie vereinigt die intensive kognitive Verhaltenstherapie mit Übungen und Techniken aus der Retraining-Therapie auf ganz spezielle Weise. "Ausgewählte Therapiebausteine wurden erstmals zu einem standardisierten und multidisziplinär durchgeführten, zweistufigen Behandlungskonzept zusammengefasst. Außer HNO-Ärzten, Audiologen, klinischen Psychologen sind noch weitere Experten beteiligt", sagt Berthold Langguth. Das Konzept lässt außerdem Raum, um auf individuelle Patientenbedürfnisse einzugehen.

Die eine Hälfte der Studienteilnehmer erhielt acht Monate lang die Kombinationstherapie, die andere Hälfte eine an der gängigen Retraining-Methode angelehnte Therapie. Diese ist ebenfalls zweistufig aufgebaut, aber nicht multidisziplinär über die Grenzen der medizinischen Disziplinen hinweg angelegt. Hörtests und intensive Befragungen zu Lebensqualität, subjektivem Ohrgeräusch und durch den Tinnitus ausgelöste Beeinträchtigungen erfolgten nach drei, acht und zwölf Monaten, ohne dass die Befrager beziehungsweise Untersucher wussten, zu welcher Gruppe der jeweilige Patient gehörte.

Dauerhafter Erfolg?

Die Auswertung zeigte dann klar, dass die Patienten, die mit der Kombinationstherapie behandelt wurden, unabhängig von der Schwere ihres Tinnitus deutlich mehr Verbesserungen zu Protokoll gaben als die Vergleichsgruppe. Erfreulicherweise waren die genannten Verbesserungen zum einen bereits nach den ersten drei Behandlungsmonaten und zum anderen auch noch vier Monate nach Behandlungsende vorhanden.

"Die Studie stellt einen wichtigen Schritt in Richtung evidenzbasierte Tinnitus-Therapie dar und ist ein relevanter Beleg dafür, dass den Tinnitus-Patienten eine vergleichbare Therapie flächendeckend angeboten werden sollte", sagt Berthold Langguth. Doch hält der Behandlungseffekt länger als einige Monate an? "Wir führen aktuell noch eine dreijährige Folgestudie durch, um zu überprüfen, ob der Behandlungseffekt auch noch nach drei Jahren besteht", sagt die Studienleiterin und Psychologin Rilana Cima von der Maastrichter-Universität. Danach könne man auch diese Frage beantworten.

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