Bereitschaftsdienst

„116 117“ – Die neue Nummer für den Arzt

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Shari Langemak

Foto: DPA

In fast allen Bundesländern ist der Bereitschaftsdienst jetzt unter der Nummer „116 117“ zu erreichen. Das ist gut für die Patienten.

Eine Grippe ist nie passend, manchmal aber schlägt sie zum besonders ungünstigen Zeitpunkt zu: Wer am Freitagabend krank wird, hat ein Problem: An wen soll man sich wenden, wenn der Hausarzt nicht erreichbar ist?

Bis vor Kurzem mussten Patienten erst einmal in der Zeitung oder im Internet nach einer passenden Nummer suchen – gar nicht so einfach bei dem bundesweiten Organisationswirrwarr. „Bisher hatten wir Hunderte von verschiedenen Bereitschaftsdiensten, Hunderte von verschiedenen Nummern und Hunderte von verschiedenen Organisationsformen“, sagt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Doch seit Montag gibt es eine einzige Nummer. Egal, ob man im Münchner Stadtapartment oder im Ferienhaus auf Rügen kränkelt – unter der „116 117“ erreicht man immer den richtigen Bereitschaftsarzt.

Automatische Weitervermittlung

Die einprägsame Nummer ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Schon 2006 hatten die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die KBV beschlossen, eine einheitliche Rufnummer zu schaffen.

Die Herausforderung: Die Nummer sollte EU-tauglich, also auch im Ausland nutzbar sein. KVen und KBV mussten daher nicht nur deutsche, sondern auch EU-Politiker für sich gewinnen. Fünf Jahre dauerte es allein, alle politischen Instanzen von dem Vorhaben zu überzeugen, erst dann konnte auch an der technischen Umsetzung gefeilt werden. Heraus kam ein ausgeklügeltes System, das zweifach abgesichert ist.

Im Idealfall registriert der Dienst schon beim Wählen der „116 117“ automatisch die Vorwahl des Anrufers. Sie ist ein wichtiges Indiz für den Standort und damit für den zuständigen Bereitschaftsdienst. Versagt diese Automatik, erfolgt die Weiterleitung über die Postleitzahl.

Natürlich hat man die nicht immer parat, schon gar nicht im Urlaub. In solchen Fällen kommt ein überregionales Service-Center zum Einsatz. Dessen Mitarbeiter nehmen die Adresse des Patienten auf, um ihn dann an die richtige Stelle weiterzuleiten. Kein Suchen – für Deutschlandreisende ist also die nächste Wochenendgrippe einfacher zu bewältigen. Zumindest, wenn sie nicht nach Baden-Württemberg oder ins Saarland fahren. Dort sowie in kleinen Teilen von Hessen und Rheinland-Pfalz dauert die Einführung der Nummer noch ein wenig.

Bis dahin müssen natürlich auch Rheinland-Pfälzer und Saarländer nicht auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst verzichten. „Für die Patienten ist die spätere Umstellung kein Problem – denn die alten Nummern bleiben bestehen“, versichert Stahl.

Er und seine Kollegen haben noch weitere Pläne: „Unser Fernziel ist es, dass die Nummer in ein paar Jahren auch über die deutschen Grenzen hinaus gilt.“ Spätestens dann wird die „116 117“ wohl genauso bekannt und selbstverständlich wie auch andere Behördennummern sein.

„112“ und „116 117“ mit unterschiedlicher Funktion

Die Notrufnummer darf man dabei aber nicht vergessen. Denn obwohl bei einem Anruf unter „112“ als auch unter „116117“ ein Arzt kommt, haben beide eine ganz unterschiedliche Funktion.

„Der Bereitschaftsarzt ist der Ersatz für den Hausarzt und kommt zum Einsatz, wenn Arztpraxen üblicherweise geschlossen sind, also mittwochnachmittags, am Wochenende und in der Nacht“, erklärt Peter Sefrin von der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND). „Dagegen behandelt der Notarzt Situationen, in denen man schnell handeln muss, wie Vergiftungen, Schlaganfall und Herzinfarkt.“

Diese Unterscheidung ist für Patienten oft nicht einfach. So wird der kassenärztliche Bereitschaftsdienst umgangssprachlich noch immer oft als „Notfalldienst“ bezeichnet. Sefrin warnt: „Dieser Titel ist irreführend, da der Bereitschaftsarzt nichts mit einem Notarzt im eigentlichen Sinne gemein hat.“

Notärzte haben nämlich nicht nur eine spezielle Zusatzarztausbildung. Dank Blaulicht und Martinshorn sind sie innerhalb weniger Minuten beim Hilfesuchenden. Aber wegen der großen Zahl von Kranken können schon einmal zwei Stunden vergehen, bis der Bereitschaftsarzt endlich beim Patienten eintrifft. Das ist bei Fieber und Erbrechen zwar lästig, aber in der Regel folgenlos.

Bei Akuterkrankungen immer die „112“

Ganz anders bei Akuterkrankungen. Wird bei einem Notfall der Bereitschaftsdienst gerufen, kann dies mitunter tödlich enden. Sefrin warnt: „Bei Schlaganfall und Herzinfarkt sollte man bitte nicht den Hausarzt rufen – auch wenn der noch so gut ist. Denn in diesen Situationen ist jede Minute entscheidend. Hirn- oder Herzgewebe geht sonst unwiderruflich zugrunde, und die Prognose verschlechtert sich massiv.“

Trotz der möglicherweise langen Wartezeit sollten Patienten nicht auf die Idee kommen, bei Husten die „112“ zu wählen. Wer einen Notarzt ruft, obwohl er weiß, dass er keinen benötigt, wird nicht nur zur Kasse gebeten. Er schadet auch der Allgemeinheit.

„Wenn jemand den Rettungsdienst fälschlicherweise alarmiert“, sagt Strahl, „zieht er einen Notarzt vom Rettungsdienst ab – und der fehlt dann bei lebensbedrohlichen Notfällen.“ So kann es vorkommen, dass ein Herzinfarktpatient auf die lebensrettende Spritze wartet, während der Notarzt andernorts einen Menschen mit Erkältung versorgt.

Doch mit einer einfachen Ziffernfolge wie „116 117“ könnte die Verwirrung sogar noch zunehmen. Diese wird durch die schwammige Berichterstattung derzeit noch befeuert. Nachdem Sefrin immer häufiger fehlerhafte Artikel zu der Bereitschaftsnummer las, beschloss er, die Aufklärung weiter voranzutreiben: „Nachdem wir von mehreren Stellen hörten, dass Not- und Bereitschaftsarzt sogar in den Zeitungen verwechselt worden sind, haben wir vorsorglich eine Pressemeldung zum Thema herausgegeben.“

Noch besteht viel Aufklärungsbedarf. So praktisch die neue Nummer auch ist – ihren Zweck wird sie erst dann erfüllen, wenn Patienten wissen, wann sie sie wählen müssen.