Psychologie

Deutsche sind heute nicht depressiver als früher

Jeder zehnte Bundesbürger erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Doch im Gegensatz zu den Krankenkassen sieht die Stiftung Deutsche Depressionshilfe keine Zunahmen der Diagnosen. Depressionen würden heute lediglich schneller erkannt und behandelt.

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Auf dem Weg zum nächsten Termin klingelt das Handy, dabei wollte man gerade noch schnell einen Happen essen. Wer beruflich eingespannt ist, leidet an Stress und neigt im Volksglauben dazu, in eine Depression zu verfallen. „Aber Depressionen haben meist nichts mit Leistungsdruck zu tun, denn die Krankheit kann jeden von uns treffen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, vor dem 1. Patientenkongress Depression.

„Das Gefühl des Überfordertseins und der Überlastung begleitet jede Depression“, sagt Hegerl. Dass es nur die trifft, die täglichen Stress erleben, sei ein Trugschluss. Einer sich anbahnenden Depression mit einer Auszeit wie einem längeren Urlaub vorzubeugen, sei zwecklos. „Denn die Depression reist mit“, erklärte der Experte.

Über die genauen Ursachen und Anzeichen sowie Auswege aus der Erkrankung diskutiert Hegerl mit rund 1000 Betroffenen, deren Angehörigen und Ärzten im Gewandhaus. Seine Stiftung bietet dazu Vorträge, Workshops, eine Podiumsdiskussion und aktuelle Zahlen.

Etwa fünf Prozent aller Deutschen plagen demnach typische Symptome wie gedrückte Stimmung, fehlender Antrieb, Schlafstörungen und Schuldgefühle. „Die klassische Depression verläuft in Phasen, sie schleicht sich ein und klingt oft erst nach mehreren Monaten wieder ab“, erklärte Hegerl. „Wenn mehrere dieser Krankheitszeichen aber 14 Tage anhalten, spricht man von einer behandlungsbedürftigen Depression.“

Die Behandlung erfolge mit Antidepressiva und Psychotherapie, wobei vor allem die täglichen Verhaltensroutinen im Mittelpunkt stünden. „In einer kognitiven Verhaltenstherapie wird mit den Betroffenen besprochen, wie ein ausgeglichener Tagesablauf aussieht und wie man auch mal Nein sagen kann“, sagte Hegerl, der die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Leipzig leitet. „Viele Betroffene opfern sich auf und sind immer nur für andere da.“

Es gebe aber nicht mehr depressiv Erkrankte als früher, sagte Hegerl und widersprach damit Warnungen der Kassen, wonach die Fallzahlen nach oben schnellten. „Es suchen mehr professionelle Hilfe und die Erkrankung wird häufiger erkannt.“

Früher seien Depressionen hinter Ausweichdiagnosen versteckt worden. „Da hatte jemand einfach nur Rückenschmerzen, heute ist es das Burn-out-Syndrom“, erklärte er. Für die umfangreichere Hilfe im Gegensatz zu früher spreche auch die Selbstmordstatistik. Nahmen sich vor rund 30 Jahren noch 18.000 Menschen wegen ihres Leidensdrucks jährlich das Leben, seien es heute 9600. „Das sind immer noch rund 30 Menschen pro Tag – aber es ist eine sensationelle Verbesserung.“