Infektionsforschung

Der Mann, der die gefährlichen Viren jagt

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Foto: Getty Images

Nathan D. Wolfe ist einer der führenden Virenjäger. Ob im Dschungel von Kamerun oder im Kongo – sein Team versucht weltweit neue Krankheitserreger möglichst schnell aufzuspüren. Auf Morgenpost Online spricht er über Stewardessen als Viren-Indikatoren und die Gefahr, unsere Feinde zu unterschätzen.

Morgenpost Online: Wurde die Schweinegrippe überschätzt?


Nathan D. Wolfe: Nein. Immer dann, wenn sich ein neues Grippevirus in der Bevölkerung ausbreitet, muss man das sehr ernst nehmen. Zurückblickend kann ich feststellen, dass sowohl aus wissenschaftlicher als auch gesundheitspolitischer Sicht richtig auf die Schweinegrippe reagiert worden ist. Dieses Virus hat die Fähigkeit, sich sehr schnell auszubreiten. Wäre es nur etwas tödlicher gewesen, hätte das verheerend sein können. Wir können doch froh sein, dass es nicht so war.


Morgenpost Online: Doch das sehen nicht alle so.


Wolfe: Ich kann nicht verstehen, warum sich Leute über die Vorsorgemaßnahmen beklagen. Wenn ein Meteorologe einen schlimmen Hurrikan vorhersagt, dieser aber in letzter Minute seine Richtung ändert und die Katastrophe deshalb ausbleibt, dann kritisiert doch auch niemand den Meteorologen. Pandemien sind wie Hurrikane, die allerdings gleichzeitig den gesamten Planeten treffen können. Es wäre einfach töricht, entsprechende Warnungen nicht ernst zu nehmen.


Morgenpost Online: Ist denn die Gefahr jetzt gebannt?


Wolfe: Die Schweinegrippe hat mich wirklich verblüfft. Vor einem Jahr kannte noch niemand diesen Erreger, und Ende 2009 hatte er sich schon rund um den Globus ausgebreitet. Das war und ist eine dramatische Entwicklung. Man sollte nicht vergessen, dass dieses Virus noch immer Menschen tötet. Überdies gibt es nach wie vor die Möglichkeit, dass zwei verschiedene Grippeviren ein Tier oder einen Menschen gleichzeitig infizieren. Dann können neue Viren entstehen, die Teile des Erbguts sowohl des einen als auch des anderen Virus enthalten. Was mir besonders Sorgen bereitet, sind die noch immer grassierenden Infektionsfälle mit dem vergleichsweise tödlichen Vogelgrippevirus H5N1. Da sich die Schweinegrippe H1N1 weltweit ausgebreitet hat, besteht nunmehr latent die Gefahr, dass sich die beiden Erreger irgendwo auf diesem Planeten in einem Organismus vermischen. Dabei könnte dann ein neues Grippevirus entstehen, das sich so leicht wie H1N1 ausbreitet, aber so tödlich ist wie H5N1.


Morgenpost Online: Ist das nicht ein Alarmismus, der niemandem hilft?


Wolfe: Wir brauchen gewiss keine Überreaktion, doch wir müssen uns doch der drohenden Risiken bewusst bleiben. Es wäre ein großer Fehler, jetzt mit der Aufmerksamkeit nachzulassen. Dabei ist der zu beobachtende Trend zum „Virus des Monats“ nicht hilfreich. Wenn sich die ganze Aufmerksamkeit immer nur auf ein bestimmtes Virus konzentriert, wie eben zuletzt auf den Erreger der Schweinegrippe, dann vergisst man leicht andere Risiken, wie etwa die Vogelgrippe. Hier haben die Gesundheitsbehörden und auch die Medien eine Verantwortung, den Blick nicht zu sehr auf eine Sache zu verengen.


Morgenpost Online: Können wir etwas tun, um das Entstehen eines neuen, gefährlicheren Virus zu verhindern?


Wolfe: Nicht wirklich. Doch wir können und sollten genügend Anstrengungen in die Vorhersage und Prävention von Pandemien investieren. Unser Umgang mit Pandemien ist doch irgendwie noch auf dem Stand der Herzmedizin der 60er-Jahre – da hat man einen Herzinfarkt einfach abgewartet. Damit will ich sagen: Wir müssen das Entstehen und die Ausbreitung von Pandemien besser als bisher verstehen, zugrunde liegende Muster erkennen, die es gibt und die sich auch schon abzeichnen. Wir brauchen ein besseres Frühwarnsystem für Pandemien, denn wenn man rechtzeitig weiß, dass da etwas auf einen zukommt, dann kann man viel besser reagieren – zum Beispiel bestimmte Verhaltensweisen ändern oder frühzeitig Impfstoffe produzieren. Bei der Schweinegrippe lief die Produktion der Impfstoffe viel zu langsam. Wenn dieses Virus tatsächlich gefährlicher und tödlicher gewesen wäre, hätte es schon sehr viele Todesfälle gegeben, bevor man überhaupt mit dem Impfen hätte anfangen können.


Morgenpost Online: Die Impfstoffproduktion war Ihnen zu langsam. Wie könnte sie denn beim nächsten Mal schneller sein?


Wolfe: Es müssen neue biotechnische Produktionsmethoden zum Einsatz kommen. Die gibt es, man muss sie nur nutzen.


Morgenpost Online: Ist das die Achillesferse in der Abwehr von Pandemien?


Wolfe: Unsere größte Schwachstelle ist das Fehlen eines wirklich guten Frühwarnsystems für Pandemien. Daher können wir im Ernstfall nicht schnell genug reagieren. Hier muss etwas geschehen. Betrachten wir einmal das klassische Beispiel HIV. Das Aids-Virus sprang bereits gegen Ende des 19. oder Anfang des 20.Jahrhunderts auf den Menschen über. Zehntausende Menschen, vorwiegend in Afrika, wurden mit diesem Erreger infiziert, bis er endlich 1981 überhaupt erst wahrgenommen wurde. Danach dauerte es zwei bis drei Jahre, bis der Erreger identifiziert war, und dann erst begann die bis heute andauernde Entwicklung von Therapie und Impfstoffen. Mit einem guten Frühwarnsystem hätte man das Aids-Virus viel eher enttarnen können, womit man Zeit für die Entwicklung von Diagnose- und Therapiemethoden gewonnen hätte. Je früher man eine neue Pandemie wahrnimmt und reagiert, umso mehr Menschenleben kann man retten. Das gilt auch für die Grippe.


Morgenpost Online: Was ist Ihr Beitrag im Kampf gegen Pandemien?


Wolfe: Wir sammeln Informationen aus allen Teilen der Erde und werten sie aus. Große Aufmerksamkeit gilt dabei dem Übergang eines Virus von Tieren auf den Menschen. Wir analysieren dazu Informationen im Internet und werten die lokalen Nachrichten und Berichte aus. Außerdem identifizieren und beobachten wir Schlüsselpersonen, die in besonderer Weise bei der globalen Ausbreitung von neuen Viren eine Rolle spielen. Dazu zählen beispielsweise Stewardessen, die aufgrund ihres Jobs offensichtlich ein guter Indikator sein können. Neben Reisen in Brennpunkte nutzen wir in erster Linie Informationstechnologie zur Virenfrüherkennung.


Morgenpost Online: Haben Sie sich selber gegen die Schweinegrippe impfen lassen?


Wolfe: Nein, ich hatte bislang keine Gelegenheit dazu. Doch ich will das baldmöglichst nachholen.

Das Gespräch führte Norbert Lossau