Sexualmedizin

Viagra für Frauen – verzweifelt gesucht

Ein neues Heilmittel oder nur geschicktes Marketing? An Arzneien zur Steigerung der Lust bei Frauen scheiden sich die Geister.

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Ein neues Heilmittel oder nur geschicktes Marketing? An luststeigernden Arzneien für Frauen, bei denen Sexualstörungen diagnostiziert wurden, scheiden sich die Geister. Für die einen stehen Präparate wie Flibanserin von Boehringer Ingelheim für medizinischen Fortschritt. Kritiker halten den Ansatz dagegen für fragwürdig, mit der Verschreibung einer Pille komplexe Libido-Probleme von Frauen beheben zu wollen. Das Symptom nennen Mediziner „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ (HSDD).

Angespornt wurde die Suche nach einer Lustpille für Frauen auch durch den Umsatzerfolg des Potenzmittels Viagra von Pfizer, das dem US-Konzern Milliarden bescherte und Wettbewerber wie Bayer und Eli Lilly mit eigenen Entwicklungen konterten. Die Geschichte des Boehringer-Präparats Flibanserin – in der Branche kursiert in den USA bereits der Name „Rosa Viagra“ - ist kurios: Ursprünglich sollte die Substanz ein Antidepressivum werden, aber dann wirkte sie ganz anders als erwartet. Forscher fanden heraus, dass der Wirkstoff genau bei den Neurotransmitter-Systemen im Gehirn ansetzt, die eine Rolle beim sexuellen Verlangen spielen. Flibanserin ist kein Hormonpräparat und zielt auch nicht auf die Blutgefäße ab wie Viagra und verwandte Potenzmittel für Männer. Zudem muss es über eine längere Zeit eingenommen werden und nicht wie die Pfizer-Pille erst kurz vor der sexuellen Aktivität.

Genau hier bohren Kritiker nach. „Beide Punkte, dass es eine chronische Therapie ist und dass es die Gehirnchemie beeinflusst, werfen wichtige Fragen auf“, sagt etwa Amy Allina vom National Women's Health Network, einer Verbraucherschützer-Vereinigung in den USA. Für sie ist weder ausgemacht, dass die neue Lustpille die gewünschte Wirkung erzielt, noch dass deren Risiken ausreichend erforscht sind. Boehringer Ingelheim dagegen pocht auf umfangreiche klinische Studien. „Wir sind zuversichtlich, dass unsere Daten die Sicherheit und Wirksamkeit von Flibanserin gezeigt haben“, sagt Peter Piliero, der für den Konzern in den USA für Medizinfragen zuständig ist.

Ob sich für die Branche nun ein neuer Markt auftut, wird sich in diesen Tagen entscheiden. Denn ein Expertenausschuss der US-Gesundheitsbehörde FDA will Risiken und Vorzüge des Boehringer-Präparat abwägen und eine Empfehlung geben. Üblicherweise folgt die FDA dem Votum ihrer Beratergremien. Dass es zur Zulassung kommt, ist längst nicht ausgemacht. So hatten sich im Jahr 2004 Experten gegen eine Zulassung des Hormonpflasters Intrinsa für Frauen von Procter & Gamble entschieden und dies unter anderem mit dem Fehlen langfristiger Sicherheitsdaten begründet. Im Vorfeld der Anhörung bei der US-Gesundheitsbehörde wurden von den FDA-Experten bereits Zweifel an der Wirksamkeit von Flibanserin angemeldet.

Das Marktpotenzial solcher Medikamente lässt sich derzeit noch schwer abschätzen, da es sich um ein neues Feld handelt. Klein dürfte es aber nicht sein: Der US-Pharmahersteller BioSante, der selbst an einer Hormonsalbe gegen Sexualstörungen bei Frauen arbeitet, taxiert es allein in den USA auf mehr als zwei Milliarden Dollar im Jahr. Boehringer Ingelheim hatte in Studien Schätzungen vorgelegt, nach denen in den USA eine von zehn Frauen unter Sexualstörungen leidet, die mit HSDD im Zusammenhang stehen könnte. Ein prägnanter Markenname für Flibanserin ist bereits im Gespräch: „Girosa" soll die Pille künftig heißen.