Alternativmedizin

Chinesische Medizin will das Leben fließen lassen

Akupunktur bei chronischen Knie- oder Rückenschmerzen ist nicht mehr exotisch. Die Traditionelle Chinesische Medizin bietet abseits davon aber viel mehr.

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Im Essener Institut für Naturheilkunde und Traditionelle Chinesische Medizin ist es ruhig und licht. Ein Blick durchs Fenster nach draußen zeigt viel Grün und einen Qi-Gong-Lehrer im Kreis seiner Schüler. Drinnen in den Behandlungsräumen arbeitet die Ärztin Heike Böger. Obwohl sie erst klassisch Medizin studierte, spricht sie nun von Qi, Yin und Yang und sticht Akupunkturnadeln. In der westlichen Welt setzen viele Menschen Hoffnungen auf das fernöstliche Verständnis von Heilung – auch wenn etliche Schuldmediziner von Quacksalberei reden und wissenschaftliche Beweise für die Wirkung fordern.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gehe es im Grundsatz darum, die Lebensenergie Qi zu stärken, erklärt Böger: „Die alten Chinesen haben sich das von der Natur abgeschaut – so wie ein Fluss fließt, soll die Lebensenergie Qi durch den Körper frei strömen.“ Bei Unwohlsein bestehe oft ein bildlich gesprochener „Staudamm“ im Körper. „Schmerzen deuten auf solche Blockaden hin“, ist die Ärztin überzeugt. Sie könnten beispielsweise durch Akupunktur gelöst werden, so dass die Energie wieder fließe.

Dabei würden die Akupunkturnadeln nicht unbedingt an der akuten Schmerzzone gesetzt, sondern oft an einer Körperregion, die mit dem Schmerzzentrum in Verbindung stehe. Das Ziel einer Behandlung sei nicht, eine lokale Krankheit zu behandeln, sondern den ganzen Organismus.

Das Interesse an einem therapeutischen Beruf, der den Menschen ganzheitlich mit Körper, Geist und Seele betrachtet, brachte auch Nils von Below zur Traditionellen Chinesischen Medizin. Der Arzt ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin, die jährlich in Rothenburg ob der Tauber einen Kongress veranstaltet, der als der größte TCM-Kongress in der westlichen Welt gilt.

Dort geht es um klassische Disziplinen, zu denen außer Akupunktur auch Ernährungslehre, Arzneimitteltherapie, die Entspannungstechnik Qi Gong oder Massage gehören. In diesem Jahr habe auch das Thema „unerfüllter Kinderwunsch“ starke Beachtung gefunden, sagt Below.

Jede gesundheitliche Störung habe sich mit der individuellen Geschichte eines Menschen entfaltet, glaubt er: „Das ist der Ansatz der Traditionellen Chinesischen Medizin und darum liegt ganz viel bei der Wahrnehmung und Diagnose des Therapeuten“. Er trage eine große Verantwortung und brauche eine langjährige Ausbildung. So fielen in der Schulmedizin vielleicht 50 verschiedene Fallbeispiele von Patienten unter den Oberbegriff „Grippe“, doch in der Traditionellen Chinesischen Medizin seien es 50 unterschiedliche Krankheiten.

Kein Fall sei wie ein anderer, nie würden bei einem Patienten immer genau dieselben Akupunkturpunkte gesetzt. „Es gibt eben nicht das Denken, dass eine bestimmte Ursache eine bestimmte Auswirkung hat. Der Körper wird als System mit unzähligen zusammenhängenden Variablen gesehen“, sagt Below.

Darum sei es allerdings auch schwer, den Erfolg der Behandlungsmethoden wissenschaftlich zu überprüfen. Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte eine Liste von Erkrankungen, die nach ihren Erkenntnissen erfolgreich mit Akupunktur behandelt werden können. Dazu gehören Asthma, Migräne, Arthritis, Magenschleimhautentzündung und Verstopfung.

In Deutschland zahlen die gesetzlichen Krankenkassen wegen der fehlenden wissenschaftlichen Beweise nur sehr wenige TCM-Behandlungen, erklärt Tanja Hinzmann von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Berlin: „Zwei der wenigen Indikationen, die als Regelleistung bezahlt werden, sind Akupunktur bei chronischen Knie- oder Rückenschmerzen.“