Hirnchirurgie

Implantierte Elektroden stoppen Depressionen

Manchen Patienten mit Parkinson oder schweren Depressionen ist nicht anders zu helfen: In ihrem Gehirn arbeiten bestimmte Areale nicht richtig – und um wieder einigermaßen normal leben zu können, entscheiden sie sich für eine radikale Therapie: Sie lassen sich eine Elektrode in die Tiefen des Gehirns einpflanzen.

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Parkinsonpatienten etwa oder Menschen, die an chronischen Clusterkopfschmerzen leiden, helfen manchmal nur noch implantieren Elektroden im Gehirn. Die Elektrode gibt dann dauerhaft hochfrequente, kurze elektrische Pulse ab. Dadurch wird das Leiden erträglicher. Bisher wird diese sogenannte Tiefe Hirnstimulation (THS) hauptsächlich gegen Bewegungsstörungen eingesetzt. Doch das ändert sich langsam. Mittlerweile werden auch psychiatrische Erkrankungen mit THS behandelt.


Seit gut 20 Jahren wird die THS praktiziert. Zunächst hat ein Team um den Neurochirurgen Alim Louis Benabid von der Universität in Grenoble damit die Bewegungsstörungen von Parkinsonpatienten, bei denen keine Medikamente halfen, vermindert. Das Zittern und die Starre wurden dank der Stimulation des Hirngewebes mit einer kleinen, nadelförmigen Elektrode besser.


Seit den ersten Versuchen haben die französischen Forscher die Methode fortentwickelt. Sie haben einen stereotaktischen Roboter entwickelt, der eine extrem genaue Operation und Stimulation im Gehirn erlaubt. Und sie können heute auch Patienten mit Clusterkopfschmerzen helfen, bei denen keine andere Therapie mehr anschlägt.


Bei der THS wird ein kleines Loch in den Schädel gebohrt, durch das eine feine Elektrode bis zu der Hirnregion vorgeschoben wird, deren Stimulation die Symptome lindern soll. An der Außenseite des Schädelknochens wird die Elektrode dann verkabelt. Die Kabel werden unter der Kopf- und Halshaut hindurch bis zum Schlüsselbein „verlegt“, wo dann der Generator unter der Haut liegt – ähnlich wie bei einem Herzschrittmacher.


Offenbar hilft die THS aber nicht nur Menschen mit Bewegungsstörungen, sondern auch solchen mit Zwangserkrankungen, Depressionen und dem Tourettesyndrom, schreibt Jens Kuhn von der Universitätsklinik in Köln im „Deutschen Ärzteblatt“.

Kuhn hat eine groß angelegte Literaturrecherche und eigene Erfahrungen aus der Praxis ausgewertet. Er hat die verschiedenen Studien verglichen, um herauszufinden, ob die Elektrostimulation des Gehirns bei psychiatrischen Erkrankungen wirklich etwas bringt und ob das Risiko des Eingriffs durch medizinische Erfolge gerechtfertigt ist. Sein Resümee: Die THS hilft bei nicht anders zu behandelnden Depressionen, Tourettesyndrom und bei Zwangserkrankungen.


Aber darf man mit Elektroden die Hirnfunktion verändern? Ist ein Eingriff in das Organ, das die Persönlichkeit eines Menschen wohl am meisten bestimmt, ethisch vertretbar? Welche Nebenwirkungen gibt es? „Mindestens die Hälfte der Patienten, die erstmalig in unserer Tourettesprechstunde vorstellig werden, hat den expliziten Wunsch, mittels THS behandelt zu werden. Hierzu kann aber nur dann eine Zustimmung nach derzeitigem Wissensstand erfolgen, wenn alle medikamentösen Behandlungsversuche und auch eine Psychotherapie wirkungslos geblieben sind“, sagt Kuhn.


Von rund 40 Patienten mit chronifizierten psychiatrischen Erkrankungen, die mittels THS behandelt wurden, seien ihm fast ausschließlich positive Rückmeldungen bekannt. „Ein Patient sagte, dass er sich mit der Stimulation und der damit verbundenen Symptomlinderung deutlich besser fühle, den Gedanken an die Stimulation aber merkwürdig fände."


Die Nebenwirkungen, die Kuhn bei seiner Recherche begegneten, seien im Vergleich mit dem Gewinn an Lebensqualität zu vernachlässigen. So sieht das auch Urban Wiesing, Medizinethiker von der Universität Tübingen. „Risiken für unerwünschte Auswirkungen auf die Persönlichkeit lassen sich auch bei Studien mit Psychopharmaka nicht ausschließen“, schreibt Wiesing im „Deutschen Ärzteblatt“.