Psychologie

Warum sich Menschen selbst verstümmeln

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Schnitte, Stiche, Verbrennungen: In Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die sich selbst verletzen. Die Ursachen können psychischer, sozialer oder biologischer Herkunft sein. Selbstverstümmelung ist jedoch kein Suizidversuch – im Gegenteil: Die Betroffenen sehen darin einen Weg, um weiterleben zu können.

Ritzen und andere Selbstverletzungen haben in den vergangenen Jahren zugenommen, auch in Deutschland. Ein kleiner Schmerz nur – und schon scheint für die Betroffenen das Leben leichter erträglich zu sein.

Janis Whitlock von der Cornell-Universität im amerikanischen Ithaca hat sich Gründe und mögliche Therapien der Selbstverstümmelungen genauer angesehen. Dabei beschäftigt sie sich nicht mit der sogenannten Body Modification, also extremen Tätowierungen oder Piercings, sondern mit den häufig kleineren, oft unerkannten Schnitten und Verbrennungen.

„Häufig wird die Psyche als Ursache für selbstverletzendes Verhalten genannt“, schreibt Whitlock im Journal „PLoS Medicine“. Aber es gäbe auch soziale und biologische Gründe für den Griff zum Messer oder zum Feuerzeug.

„In manchen Studien wurde gezeigt, dass Menschen, die sich selbst verletzen, weniger körpereigene Opioide im Blut haben.“Dies könne eine Folge von Traumata, Missbrauch oder Verdrängung sein – käme aber manchmal auch ohne psychische Probleme vor.

Die dritte häufige Ursache für Selbstverletzungen sei sozialer Art: Die Patienten wollten damit in einer Art Hilferuf ihre Umgebung auf sich aufmerksam machen. Meistens verletzen sich die Patienten nicht an ihrer dominanten Hand, dass heißt Rechtshänder ritzen sich eher am linken Arm als am rechten.

Sie versuchen auch, Wunden und Narben zu verbergen – wodurch viele Fälle der Selbstverstümmelung eher durch Zufall ans Licht kommen. Die Auswertung von Übersichtsstudien hat auch ergeben, dass bei Patienten meist mehrere Krankheiten zusammenkommen: Essstörungen etwa oder auch Traumata infolge von Missbrauch als Kind.

Bei Nichtpatienten, also den „normalen“ Ritzern, sei ein solcher Zusammenhang allerdings nicht festgestellt worden. „In einer Studie zeigte sich, dass 44 Prozent der untersuchten Personen keine weitere psychische Störung hatten“, schreibt Whitlock.

Dass Selbstverstümmelungen häufig mit Selbstmordversuchen einhergehen, ist länger bekannt. Allerdings zeige die Literaturrecherche, dass viele Experten den Zusammenhang nicht direkt sehen: Diejenigen, die sich selbst Schmerzen zufügten, wollten meist nur kurzzeitig emotionale Spannungen überwinden.

Ihr Leben beenden wollten sie aber nicht. Manche Patienten sähen in der Selbstverstümmelung sogar eher einen Weg, um weiterleben zu können. Als beste Therapie habe sich bisher herausgestellt, dass der Arzt zunächst mit respektvoller Verwunderung auf das Verhalten reagiert. Wolle der Patient dann sein Verhalten ändern, sollten zunächst die Infektionsrisiken besprochen werden, bevor mit einer Problemlösungs- und Verhaltenstherapie begonnen werde.