Zahnmedizin

Krebsmedikament zerstört Kieferknochen

Viele Krebserkrankungen werden mit Biophosphonaten behandelt. Doch diese Medikamente können den Kieferknochen absterben lassen.

Foto: picture alliance / picture alliance/chromorange

Es war zum Verzweifeln. Es war schon Wochen her, dass die Zahnärztin ihrem Patienten einen Zahn hatte ziehen müssen, doch die entstandene Wunde wollte einfach nicht heilen. In ihrer Not überwies sie den Mann an die Universitätsklinik in Kiel. Dort entdeckten die Mediziner schnell die Ursache des Problems: Der Patient litt unter Prostatakrebs, und zur Behandlung wurde unter anderem ein Bisphosphonat eingesetzt.

Dieser Wirkstoff dient in der Krebstherapie dazu, die Knochen zu stabilisieren, Metastasenbildung am Knochen zu verhindern sowie Knochenschmerzen zu lindern. Auch bei Osteoporose wird er eingesetzt, allerdings in deutlich geringeren Dosen. Die meisten Patienten vertragen Bisphosphonate gut. Aus der Krebstherapie sind sie längst nicht mehr wegzudenken. Doch bei einem Teil rufen sie eine Krankheit hervor, die über Jahrzehnte verschwunden war: die Kieferosteonekrose oder auch Kiefernekrose.

Das Wort Nekrose kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Absterben“ von Gewebe. Bei einer Kiefernekrose bildet sich der Kieferknochen zurück, Entzündungen entstehen, Wunden heilen nicht mehr, der Kieferknochen liegt frei in der Mundhöhle. In schweren Fällen hilft nur eines: Das abgestorbene Gewebe muss mit einer Operation entfernt werden.

Im 19. Jahrhundert war Kieferosteonekrose weit verbreitet

Mitte des 19. Jahrhunderts trat diese Krankheit plötzlich als große Welle auf: Arbeiter, die Zündhölzer aus Phosphor herstellten und die Dämpfe einatmeten, entwickelten reihenweise heftige Zahnschmerzen, Abszesse und waren im Endstadium schwer entstellt. Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts der Einsatz des Weißen Phosphors verboten wurde, verschwand die Krankheit. Anfang der 2000er-Jahre tauchte sie wieder auf.

In der Fachliteratur wurde 2003 zum ersten Mal der Zusammenhang zwischen Bisphosphonaten und Kiefernekrosen beschrieben. In den Jahren darauf kamen immer häufiger Patienten in die Zahnarztpraxen, deren Kieferknochen frei lag oder bei deren Behandlung scheinbar unerklärliche Komplikationen auftraten.

Die Lübecker Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgin Corinna Zimmermann, die damals an der Uniklinik Kiel über Knochenregeneration forschte, wurde 2005 zum ersten Mal mit dem Problem konfrontiert. „In kurzer Zeit bekamen wir gleich mehrere Patienten überwiesen, die unter einer Bisphosphonat-Therapie eine Kiefernekrose entwickelt hatten“, berichtet sie. „Typisch war, dass bei einigen dieser Patienten die Behandlung nicht richtig anschlug. Wenn wir die Nekrose im Unterkiefer entfernt und alles gut versorgt hatten, war ein paar Monate Ruhe, und dann ging es zum Beispiel im Oberkiefer los.“

Die Krankheit tritt nur selten auf

Viele Zahnärzte sahen schon eine neue Welle auf sich zurollen. Die blieb jedoch zum Glück aus. Tatsächlich entwickelt sich die Kiefernekrose nur bei einem sehr kleinen Teil der mit Bisphophonaten Behandelten. Warum diese Nebenwirkung überhaupt auftritt, ist bis heute nicht restlos geklärt. Offensichtlich hängt sie jedoch von der Höhe der Dosierung ab, vom Allgemeinzustand des Patienten und tendenziell vom Wirkstofftyp.

An der Berliner Charité richtete der Leiter des Zentrums für Muskel- und Knochenforschung, Dieter Felsenberg, bereits 2005 ein bundesweites Zentralregister zur Erfassung von Kiefernekrosen unter der Langzeittherapie mit Bisphosphonaten ein. Sein Fazit nach fünf Jahren: Von den Osteoporose-Patienten entwickelt nur einer von 13.600 eine Kiefernekrose. „Das Risiko ist hier also gering, aber auch nicht gleich null“, sagt Felsenberg. Seinen Auswertungen zufolge sind unter den Osteoporose-Patienten besonders Raucher gefährdet sowie Diabetiker und Menschen, die unter chronisch-entzündlichen Erkrankungen leiden.

Deutlich mehr Fälle treten in der Krebstherapie auf – je nach Studie bei drei bis zehn Prozent der Patienten. Felsenberg spricht von ein bis zwei Prozent. Krebspatienten seien deshalb stärker gefährdet als Osteoporose-Kranke, weil ihnen das Bisphosphonat in zehn- bis 15-fach stärkerer Dosierung verabreicht wird. Um auch hier das Risiko einer Kiefernekrose möglichst gering zu halten, ist eines wichtig: „Bevor man bei Tumorpatienten eine Bisphosphonat-Therapie beginnt, müssen die Zähne saniert werden“, sagt Andreas Schneeweiss, Sektionsleiter Gynäkologische Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen am Uniklinikum Heidelberg.

Keime begünstigen die Kiefernekrose

Kiefernekrosen werden begünstigt durch Keime im Mundraum. Deshalb sollte etwa eine Parodontitis vor Verabreichung von Bisphophonaten bestmöglich therapiert sein. Zudem verändert der Wirkstoff das Gleichgewicht von Knochenaufbau und Knochenabbau: Wenn während der Therapie ein Zahn gezogen werden muss oder ein Implantat gesetzt wird, ist die Heilung gestört, wodurch eine Nekrose entstehen kann. Auch solche Operationen müssen vor der Therapie abgeschlossen sein.

Während der Therapie sollten Patienten besonders aufmerksam sein: Zahnschmerzen, lockere Zähne, Prothesendruckstellen oder ungewöhnlicher Mundgeruch können Anzeichen einer Kiefernekrose sein und müssen sofort untersucht werden. „Wenn man all diese Maßnahmen beherzigt, bin ich mir sicher, dass wir das Risiko einer Kiefernekrose noch deutlich senken können“, sagt Schneeweiss.