Aids-Forschung

Eine "Pille danach" kann HIV-Infektion verhindern

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Wer jedoch mit HIV-infiziertem Blut, Sperma oder Vaginalsekret in Kontakt gekommen ist, kann jetzt eine Infektion mit dem Aids-Virus mit ziemlicher Sicherheit verhindern. Eine "Pille danach" vermindert das Ansteckungsrisiko. Die Kur liegt bereits im Trend – Experten sind skeptisch.

Foto: WELT ONLINE Infografik

Stefanie hatte sich gewehrt, aber der Typ war stärker. Dabei schien er so nett zu sein und sollte sie eigentlich nach der Party zu ihrer Wohnung begleiten. Doch dann hatte er sie vergewaltigt. Das allein ist schon schlimm genug. Aber sie hatte zudem Angst, dass der Mann HIV-positiv sein und sie angesteckt haben könnte.


Für Menschen wie Stefanie gibt es Hoffnung – denn mittlerweile existiert eine Art „Pille danach“. Sie reduziert das Risiko, sich bei ungeschütztem Sex mit HIV-Positiven anzustecken. Medikamente wie diese Tabletten haben mit dazu geführt, dass es in den vergangenen Jahren weltweit weniger HIV-Neuinfektionen gegeben hat. Laut UN-Welt-Aids-Bericht infizieren sich jeden Tag 7400 Menschen rund um den Globus. 33,4 Millionen Menschen leben weltweit mit dem potenziell tödlichen Virus im Blut.


Das Verfahren der „Pille danach“, das das Ansteckungsrisiko nach dem Kontakt mit dem Virus vermindert, ist relativ neu. Der Fachbegriff dafür lautet HIV-Postexpositionsprophylaxe (kurz: HIV-PEP). Kommt man mit dem Virus in Kontakt, senkt eine Medikamentenkombination das Risiko, sich mit der Krankheit zu infizieren. Eigentlich ist diese Methode für Ärzte und Krankenschwestern gedacht, die sich bei einem Arbeitsunfall etwa mit einer benutzten Spritze verletzen. Sie hilft aber auch Menschen wie Stefanie, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, oder solchen, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem möglicherweise Infizierten hatten.



Allerdings gibt es mehrere Haken bei dieser „Pille danach“: Die Medikamentenkombination besteht aus zwei starken Virusmitteln, die sehr teuer sind. Beide Präparate zusammen kosten rund 1500 Euro, die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Zudem muss man vier Wochen lang täglich die Tabletten einnehmen. Die Nebenwirkungen sind heftig: Übelkeit, Fieber, aber auch Muskellähmungen und Leberschäden. Doch das ist immer noch besser, als wenn man dem Virus hilflos ausgeliefert ist.


Außerdem ist das Verfahren relativ wirksam – verschiedenen Studien zufolge sinkt das Ansteckungsrisiko um mehr als 80 Prozent, wenn man innerhalb von 48 Stunden nach Kontakt mit dem Virus mit der Therapie beginnt.


In Deutschland halten alle größeren Krankenhäuser die Medikamente für eine PEP-Behandlung vor. Einen hundertprozentigen Schutz bietet aber auch die sofortige Einnahme der antiviralen Pillen nicht. Wie gut sie genau ist, lässt sich nur schwer sagen. Bei einer Studie von Michelle Roland von der Universität von Kalifornien in San Francisco waren von 702 PEP-Behandelten drei Monate später trotzdem sieben HIV-positiv. Dies könne aber nicht sicher auf das Versagen der Medikamente zurückgeführt werden, heißt es in der Studie – sondern möglicherweise auch auf erneuten ungeschützten Sex.


Das Wirkprinzip von PEP ist einfach: Die eine Komponente verhindert, dass sich das Virus einnistet. Die andere verhindert, dass ein Virus, das bereits in eine Zelle eingedrungen ist, sich vermehren, aus dieser Zelle „ausbrechen“ und weitere Zellen infizieren kann.


In Deutschland werden die Präparate unter anderem von der Haemato Pharm AG vertrieben. Doch auch der Haemato-Vorstandschef warnt vor Leichtsinn: „Bestimmte Risikogruppen neigen zu einer gewissen Sorglosigkeit, wenn sie die Möglichkeit der HIV-PEP kennen. Dabei ist das absolut unbegründet. Schon allein wegen der heftigen Nebenwirkungen sollte es eine Notfallmaßnahme bleiben."


Skeptiker warnen davor, dass die HI-Viren Resistenzen gegen die PEP-Medikamente entwickeln könnten. Das wäre ein großes Problem – denn sie kommen auch bei der Behandlung bereits Infizierter zum Einsatz. Die Präventivbehandlung könnte also am Ende das Virus widerstandsfähiger machen – und so mehr schaden als nutzen.


Die meisten Experten halten die PEP-Behandlung trotzdem für ein sinnvolles Instrument im weltweiten Kampf gegen das Virus. Die Pillenkur liegt im Trend, auch weil Aufklärungs- und Safer-Sex-Kampagnen die Ausbreitung der Seuche nicht stoppen konnten, weder in Europa noch in Asien oder Afrika.


In Deutschland scheint die Zahl der Neuinfektionen gebremst. Zudem sinken die Todeszahlen: 2009 starben weniger Infizierte als im Vorjahr. Weltweit sank zudem die Zahl der Neuinfektionen seit dem Jahr 2001 um 17 Prozent auf nunmehr 2,7 Millionen. Auch aus Afrika südlich der Sahara, der am schlimmsten betroffenen Region, meldet die Weltgesundheitsorganisation einen Rückgang der Übertragungen um 15 Prozent.

Dennoch tragen mit 33,4 Millionen Infizierten mehr Menschen das Virus als je zuvor. Dies liegt daran, dass mehr Patienten eine Therapie erhalten und länger leben. Doch das Therapieangebot hält mit der Zahl neuer Infektionen nicht Schritt. Auf fünf neue HIV-Patienten kommen nur zwei neue Behandlungen.

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