Sehstörung

Warum Kinder trotz guter Augen schlecht sehen

Sehstörungen kommen bei Kindern häufiger vor als gedacht. Oft liegt die Ursache im Gehirn, was Ärzte leider nicht immer erkennen.

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Laura ist 16, geht zur Realschule und ist eigentlich eine völlig normale Jugendliche - wäre da nicht ihre ausgeprägte Schwäche im Fach Mathe, vor allem in Geometrie. Warum das so ist, wurde erst jüngst entdeckt: Sie kann trotz sehr guter Augen keine Linien erkennen. Hält man ihr schwarze Rechtecke auf einer weißen Platte vor, sieht sie nur schwarz, ebenso bei einer weißen Platte mit vielen schwarzen Linien.

Der Grund dafür sind Störungen in ihrem Gehirn. "Schätzungsweise acht von zehn Kindern, die durch Sauerstoffmangel unter der Geburt oder durch einen Unfall motorisch beeinträchtigt sind, haben visuelle Probleme", sagt die Rehabilitationsforscherin Renate Walthes von der Technischen Universität Dortmund.

Zum Thema zerebral bedingter Sehbeeinträchtigungen besonders bei Kindern fand am vergangenen Wochenende ein internationaler Kongress in Darmstadt statt. Seit längerem ist bekannt, dass das Sehsystem des Gehirns in seiner Entwicklung im Mutterleib sehr sensibel ist.

Die Symptome sind vielfältig, eine genaue Diagnose zumeist schwierig: Manche Menschen haben Probleme, sich im Raum zu orientieren. Sie finden etwa in einem Gebäude nicht von einem Ort zum anderen.

Andere können es nicht vertragen, wenn sie schnelle Bewegungen sehen - etwa die Mundbewegungen beim Sprechen - und schauen lieber weg.

Es gibt eine Reihe solcher fast schon skurril anmutender Sehstörungen: Mitunter kommt es beispielsweise vor, dass Menschen sich keine Gesichter merken können, nicht einmal die von guten Bekannten.

Für sie sehen alle Gesichter gleich aus. Wir gehen davon aus, dass zwei von hundert Menschen Gesichtserkennungsstörungen haben", sagt Walthes. "Im Extremfall können die Menschen ihr eigenes Bild im Spiegel nicht erkennen", sagt der Psychologe Prof. Claus-Christian Carbon von der Universität Bamberg. Die Auswirkungen solcher Störungen können immens sein. Guckt etwa ein Kind immer weg, wenn es mit einem spricht, kann schnell Autismus vermutet werden.

"Wenn Kinder die sozialen Regeln und Erwartungen ihrer Umwelt nicht erfüllen, wird dies selten auf visuelle Probleme zurückgeführt", sagt Walthes.

"Unter Umständen kann aus den Auffälligkeiten eine falsche Diagnose resultieren, die das Leben des Kindes maßgeblich bestimmt und ihm Chancen verbaut."

Wie häufig diese Störungen genau sind, ist bislang noch unklar. Mit dem Wissenschaftskongress wollen die Dortmunder Forscher um Walthes nun ein Projekt starten, bei dem das Thema von mehreren Fachrichtungen untersucht wird, etwa von Augenärzten, Neurologen und Neuropsychologen.

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