Krankenhausinfektionen

An Keimen sterben mehr Menschen als bei Unfällen

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Bis zu 40.000 Personen sterben jährlich an Infektionen, die sie sich in Kliniken zuziehen. Petra Gastmeier, Fachärztin für Hygiene an der Berliner Charité, sagt, was die Keime so gefährlich macht und wie sie bekämpft werden können.

2009 kamen im deutschen Straßenverkehr 4152 Menschen ums Leben, laut Deutscher Gesellschaft für Krankenhaushygiene infizieren sich 800.000 Bundesbürger an Klinikkeimen, 20.000 bis 40.000 Menschen sterben daran. Morgenpost-Redakteurin Tanja Kotlorz sprach mit Petra Gastmeier (53), Fachärztin für Hygiene an der Charité, über Gefahr für Patienten in Kliniken.

Morgenpost Online: Wie kann es sein, dass im 21. Jahrhundert mehr Menschen an Krankenhauskeimen sterben als im Straßenverkehr?

Petra Gastmeier: Es stimmt, was Sie sagen. Es streben mehr Menschen in Kliniken durch Keime als im Straßenverkehr durch Unfälle. Im Auto kann man die Geschwindigkeit drosseln und so die Unfallgefahr senken. Ist aber ein Keim erst mal im Körper an einer Stelle, wo er nicht hingehört, kann er großen Schaden anrichten.

Morgenpost Online: Was macht die Keime so gefährlich?

Petra Gastmeier: Die meisten Klinikinfektionen werden durch so genannte fakultativ pathogene Keime verursacht. Das sind Erreger, die in ihrem gewohnten Umfeld, zum Beispiel in der Mundhöhle oder auf der Haut keine Probleme bereiten. Gelangen diese Keime aber durch Katheter, Schläuche oder Beatmungsgeräte in das Blut oder in die Lungen, können sie zur Lungenentzündung oder zur Blutvergiftung führen. Gefährdet sind vor allem Menschen, die ein geschwächtes Immunsystem haben, wie Frühgeborene, schwer Kranke oder ältere Menschen.

Morgenpost Online: Wer verursacht die Infektionen druch solche Keime?

Petra Gastmeier: Etwa ein Drittel der Infektionen werden durch fremde Keime verursacht. Etwa zwei Drittel der Keime importieren die Patienten selbst in die Klinik. Gegen die von den Kranken eingeschleppten Keime können wir wenig tun, aber wir können gegen die in der Klinik verursachten Ansteckungen etwas unternehmen. Das sind zum Beispiel Infektionen, die durch das pflegerische oder ärztliche Personal verursacht werden. Das Klinikpersonal geht von einem Patienten zum nächsten, manipuliert an Schläuchen und überträgt so Keime von einem Kranken zum nächsten. Wir fordern deshalb eine gründliche Händedesinfektion, vor und nach jedem Patientenkontakt! Bei 100 Tätigkeiten, bei denen eine Händedesinfektion notwendig wäre, wird diese nur in etwa 50 Prozent der Fälle durchgeführt. Deshalb hat die Charité die Aktion „saubere Hände“ gestartet. Das ist ein Verbund aus dem Aktionsbündnis Patientensicherheit, der Gesellschaft für Qualitätsmanagement für das Gesundheitswesen und wird finanziert vom Bundesgesundheitsministerium. 2008 wurde die Aktion bundesweit ins Leben gerufen, seitdem wurden an der Charité etwa 600 bis 800 Klinikschwestern und Ärzte im Bereich Hygiene geschult.

Morgenpost Online: Welche Erfolge haben die Kliniken erzielt? Gibt es weniger Infektionen?

Petra Gastmeier: Wir haben festgestellt, dass in einigen Kliniken die Hände-Desinfektion nachweislich um 30 Prozent gesteigert wurde. Wir messen einfach die verbrauchten Händedesinfektionsmittel. Wichtig ist, dass die Mitarbeiter motiviert werden, auf Hygiene zu achten. Viele denken daran, sich selbst zu schützen, aber nicht den Patienten vor Infektionen zu bewahren.

Morgenpost Online: Welche Ursachen gibt es noch für Infektionen – abgesehen von unsauberen Händen?

Petra Gastmeier: In Kliniken kommen viele Instrumente zum Einsatz, zum Beispiel das Endoskop. Es hat einen Schlauch mit einer Kamera und kann zur Diagnostik in den Darm eingeführt werden. Ein solches Instrument muss ordentlich gereinigt und desinfiziert werden. Viele medizinische Instrumente müssen sterilisiert werden, bevor sie bei einem anderen Patienten wieder zum Einsatz kommen dürfen. Das ist auch eine mögliche Schwachstelle in den Kliniken.

Morgenpost Online: Dennoch ist es schwer zu verstehen, warum jetzt noch ein drittes Baby in Mainz sterben musste, obwohl man die Ursache der Infektion doch schon wusste. Konnte man das nicht verhindern?

Petra Gastmeier: Wahrscheinlich ist es in Mainz deshalb so fatal ausgegangen, weil es sich um Frühgeborene und kranke Babys handelte. Sie haben ein geschwächtes Immunsystem und die Organe sind noch nicht voll entwickelt. Bei einem gesunden Erwachsenen hätten dieselbe Menge dieser Erreger vielleicht gar keine Krankheit verursacht.

Morgenpost Online: Die Nährlösungen für die Mainzer Säuglinge wurden in der Apotheke des Krankenhauses gemixt. Ist eine Klinik-Apotheke aus hygienischer Sicht auch ein gefährlicher Ort?

Petra Gastmeier: Alles, was aus der Klinikapotheke kommt, ist eigentlich sicher. Aufpassen muss man eher auf den Stationen, vor allem, wenn dort auch noch ungelerntes Personal arbeitet. Ein anderes Beispiel für Gefahren sind Ampullen: Morgens entnimmt eine Schwester aus einer Ampulle Arznei für eine Spritze und lässt die angebrochene Ampulle stehen. In der Zwischenzeit können sich möglicherweise eingedrungene Keime in der angebrochenen Lösung vermehren. Bei der nächsten Spritze, die die Schwester dann abends aus der Ampulle aufzieht, werden die Keime einem Patienten injiziert. Man wird es nicht schaffen, eine Klinik zu 100 Prozent steril zu bekommen, aber man muss möglichst viele Gefahrenquellen beseitigen.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Medizinstudenten nur ein paar Stunden Hygiene lernen im Rahmen ihrer sechsjährigen Ausbildung?

Petra Gastmeier: Nicht ganz, es sind etwa 30 Stunden Hygiene. Von Nachteil ist, dass diese Unterrichtsstunden zu Beginn des Studiums stattfinden, und nicht am Ende. Das Hygienewissen sollte zum Ende des Studiums noch mal aufgefrischt werden.

Morgenpost Online: Ein berühmter Mediziner der Berliner Charité, der Pathologe Rudolf Virchow, hat vor 130 Jahren auf die Notwendigkeit der Hygiene hingewiesen. Warum ist so wenig passiert?

Petra Gastmeier: Die heutige Medizin hat nichts mehr mit der Medizin zu Virchows Zeiten zu tun. Heute gibt es ganz andere Möglichkeiten, mehr Technik und mehr Eintrittspforten in den Körper durch Schläuche, Infusionen, Katheter – vor allem auf den Intensivstationen.

Morgenpost Online: Die Keime haben offenbar auch aufgerüstet, sind resistent geworden. Was heißt das eigentlich?

Petra Gastmeier: Jede zehnte Infektion wird durch multiresistente Keime verursacht. Das sind Erreger, die nur noch auf wenige, manche auf gar keine Antibiotika mehr ansprechen. Darunter gibt es auch ein, zwei sehr bösartige Keime.