Psychologie

Wellness: Warum Alleinsein zufrieden und gesund macht

Allein ist nicht einsam: Psychologen erklären, wie positiv sich die Zeit ohne Handy, Freunde und TV auf die Gesundheit auswirkt.

Zeit mit sich allein zu verbringen, ist für die Gesundheit und die Psyche immens wichtig.

Zeit mit sich allein zu verbringen, ist für die Gesundheit und die Psyche immens wichtig.

Foto: gradyreese / Getty Images

Berlin.  Abends im Bett. Wer kennt das nicht, die Wohnung ist still, kein Geräusch ist zu hören. Wir könnten jetzt entspannen, loslassen. Doch dieses blaue Licht vom Smartphone oder Tablet beschäftigt uns. Wir sind auf Twitter, surfen auf Youtube, googeln nach „Wellness“. Doch entspannen tun wir uns gerade nicht. Weil wir nicht wirklich allein sind. Wer ist das schon gern? Doch wie wichtig gerade die Zeit mit mir selbst für die Gesundheit und die Psyche ist, zeigt die Forschung.

Denn gerade die Me-Time, die Zeit mit mir selbst, wirkt sich besonders positiv auf die Gesundheit und auf die Psyche aus. Geradezu Wellness. Wie das geht und wie viel Zeit mit sich von Vorteil ist, haben unterschiedliche Wissenschaftler erforscht. Denn wer sich selbst etwas mehr Muße gönnt, lebt gesünder und zufriedener. Dabei darf man das Alleinsein, nicht mit der Einsamkeit verwechseln.

Wellness: Nur wer lernt, sich mit sich selbst wohl zu fühlen, lebt zufrieden

Wer Zeit alleine verbringt, tut dies häufig mit einem negativen Gefühl. Weil der moderne Mensch dazu neigt, keine Zeit mehr mit sich selbst verbringen zu wollen – oder zu können. Aber wie wichtig eine gesunde Psyche ist, zeigt auch eine Studie des Lebensversicherers Debeka: Laut einer aktuellen Erhebung sind psychische Störungen inzwischen der Hauptgrund für eine Berufsunfähigkeit.

Schon Mitte der 1980er-Jahre kam der deutsche Philosoph Odo Marquard zu der Einsicht, dass es nicht die Einsamkeit sei, die die Menschen quäle, sondern der Verlust der Einsamkeits­fähigkeit. Der Mensch habe verlernt, sich mit sich selbst wohlzufühlen.

2014 bestätigen Forscher um den Psychologen Timothy Wilson von der Universität von Virginia diese Theorie. Sie führten Versuche mit Freiwilligen im Alter zwischen 18 und 77 Jahren durch. Und stellten fest, dass die Probanden es als unangenehm empfanden, auch nur für kurze Zeit allein in einem Raum zu sein und nichts weiter tun zu können, als sich mit ihren Gedanken zu beschäftigen.

Einsamkeit ist angeblich schädlich wie 15 Zigaretten am Tag

Und nun? Viele klinische Studien zeigten andererseits, dass auch Einsamkeit nicht das Mittel der Wahl sein kann. 2010 etwa wertete die US-Psychologin Julianne Holt-Lunstad Gesundheitsdaten von mehr als 300.000 Amerikanern aus.

Dabei stellte sie fest, dass soziale Isolation die Lebenserwartung senkt. Sie sei so schädlich wie Alkoholismus oder 15 Zigaretten täglich und sogar doppelt so schädlich wie Fettleibigkeit. Dauerhaft Einsame litten häufiger unter Erschöpfung, Entzündungen, Kopfschmerzen oder Kreislaufstörungen, so das Ergebnis. Spätere Studien kamen zu ähnlichen Resultaten. 2018 zeigten Forscher der Florida State Universität mittels Daten von 12.000 Studienteilnehmern, dass Einsamkeit das Demenzrisiko um 40 Prozent erhöht.

Das subjektive Gefühl macht krank

Der Sozialpsychologe John Cacioppo und seine Kollegen bemerkten bei ihrer Einsamkeitsforschung, dass es nicht das Alleinsein oder die physische Isolation selbst ist, sondern eher das subjektive Gefühl der Isolation, das für diese starke Auswirkung auf die Gesundheit sorgt. Sprich: die gefühlte Einsamkeit.

„Alleinsein und Einsamkeit werden heute oft synonym gebraucht, meinen aber etwas völlig anderes“, sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie. „Letztendlich ist die Grenze dort, wo ich das Alleinsein als Leiden empfinde.“ Das Alleinsein an sich sei etwas, das die meisten Menschen immer mal wieder bräuchten und auch bewusst herbeiführen, so die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin.

Selbst wenn gefühlte Einsamkeit schadet – Zeit mit sich zu verbringen scheint für das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit immens wichtig zu sein. So befragte Psychologin Pia Weiherl im Rahmen ihrer Doktorarbeit 2012 knapp 500 Studenten, wie viel Zeit sie für ihre Arbeit, für andere und für sich selbst haben. Diejenigen, die angaben, dass sie genügend Zeit hatten „für ihre Freunde oder die Familie“, „über sich selbst nachdenken zu können“ und „für die täglichen Pflichten bei der Arbeit“, litten eigenen Angaben zufolge am seltensten unter körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen.

Heute arbeitet Weiherl als Therapeutin und Coach. Sie beobachtet, dass viele Menschen erst dann bemerken, wie wichtig das Alleinsein für ihr Wohlbefinden ist, wenn dafür keine Zeit mehr bleibt, etwa weil bei jungen Familien neben Job und Alltag die Kinder viel Aufmerksamkeit brauchen.

Wie geht Me-Time? Die Hautsache ist, dass man es ganz bewusst tut

„Me-Time, finde ich, ist der perfekte Begriff für das positive Alleinsein“, meint Weiherl. Und genau diese Me-Time müsse man sich trotz stressigen Alltags bewusst schaffen – quasi als neue, dritte zentrale Säule der Work-Life-Balance. „Es geht nicht darum, dass man in dieser freien Zeit, die man für sich allein hat, irgendetwas Bestimmtes machen soll, damit man sich besser fühlt“, sagt die Psychologin. „Das ist individuell und kann alles sein – ein Buch lesen, stupide Hausarbeit bis hin zu ‚Ich sitze allein auf dem Berg und schaue in die Ferne‘.“ Hauptsache, man tue dies ganz bewusst.

Das bestätigt auch eine Studie der Universität Rochester (USA) aus dem Jahr 2017. Die Forscher um die Psychologin Thuy-vy T. Nguyen zeigten, dass das Alleinsein zu psychischer und körperlicher Entspannung und Stressabbau führen kann, wenn man sich bewusst dafür entscheidet, allein für sich zu sein.

Die Befunde einer im Frühjahr in der Zeitschrift „Journal of Adolescence“ veröffentlichten psychologischen Studie legen nahe, dass Jugendliche und junge Erwachsene, die sich bewusst dafür entscheiden, Zeit allein zu verbringen, am besten wissen, was gut für sie ist. Der Schlüsselfaktor sei die Wahl: Sei man erzwungenermaßen allein, ob zur Strafe oder aus sozialer Angst, könne dies pro­blematisch sein. Aber das gewählte Alleinsein trage zu persönlichem Wachstum und Selbstakzeptanz bei, erklärten die Wissenschaftlerinnen Virginia Thomas und Margarita Azmitia.

„Das war für mich ein bisschen ernüchternd“

„Die Statistiken, die wir haben, zeigen, dass das Alleinsein bei uns in Deutschland erstmals zunimmt – nicht die Einsamkeit“, stellt der Soziologe Janosch Schobin fest. Er ist Wissenschaftler an der Universität Kassel und forscht seit vielen Jahren zum Thema. Aber mit Blick auf die Gesundheitsforschung ist dies kein Grund zur Freude: Schobin schaute, wofür dieses zusätzliche Alleinsein genutzt wird.

„Und das war für mich ein bisschen ernüchternd“, gesteht Schobin. „Es wird eigentlich fast komplett für massenmedialen Konsum verwendet. Das heißt: Was wir da machen, ist mehr Fernsehen schauen, im Internet surfen oder shoppen, Musik hören, Videos schauen und so weiter.“ Relativ wenig werde gelesen, die Zeit für künstlerische Tätigkeiten verwendet oder nachgedacht und philosophiert.

„Mehr Alleinsein bedeutet also nicht, dass diese Form des Alleinseins zunimmt, die normalerweise den moralisch positiven Charakter des Alleinseins untermauert“, sagt der Soziologe. Hierhin sollte man – so legen es zumindest die Studien und Expertenmeinungen nahe – der eigenen Gesundheit zuliebe wieder zurückfinden.

Malte Güth, aktuell zur Erlangung des Doktorgrads an der Rutgers University in den USA und einer der beiden Autoren des Buches „Alleinsein macht Sinn. Von der Kunst mit sich einig zu sein“, hat hier einen klaren Appell: Auch wenn es Mut koste, sich aktiv mit sich selbst auseinanderzusetzen, so sei es dennoch sehr sinnvoll, dies regelmäßig zu tun. Ihm zum Beispiel gelinge dies gut beim Ausdauersport oder in der Natur. „Diese Introspektion stärkt uns, macht uns widerstandsfähiger“, sagt Güth. Regelmäßiges Alleinsein und Reflektieren könne vor psychischen Krankheiten schützen. „Denn sonst holt uns alles Erlebte vermutlich irgendwann unverarbeitet mit voller Wucht ein.“