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Chiquita-Chef warnt: Gefährlicher Pilz bedroht die Banane

TR4 verbreitet sich auf Bananenplantagen und bedroht die Ernten der beliebten Südfrucht. Der Deutschland-Chef von Chiquita warnt.

Chiquita wurde 1870 im US-amerikanischen Boston gegründet, hat heute weltweit 20.000 Beschäftigte und beliefert 70 Länder mit Bananen.

Chiquita wurde 1870 im US-amerikanischen Boston gegründet, hat heute weltweit 20.000 Beschäftigte und beliefert 70 Länder mit Bananen.

Foto: imago/STPP

Hamburg.  Marc Speidel spricht gern über Bananen. Der Mann ist schließlich Deutschland-Chef von Chiquita, einem der weltweit größten Exporteure der Südfrucht. Risiken sind in dieser Kategorie von Unternehmen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt.

Aber wenn es um die Abkürzung TR4 geht, schreckt der dynamische Manager vor drastischen Szenarien nicht zurück. „Die Gefahr ist extrem hoch, dass es die Bananen, die wir kennen, in ein paar Jahren nicht mehr gibt.“

Dahinter steckt die Angst vor dem aggressiven Bodenpilz Tropical Race­ 4­, der seit einiger Zeit auf den Bananenplantagen grassiert und innerhalb von wenigen Monaten die Ernten für die nächsten Jahre vernichtet. Betroffen sind vor allem Anbauregionen in Südostasien, aber inzwischen hat TR4 auch die arabische Halbinsel und Afrika erreicht.

Keine Frucht ist weltweit so bedeutend wie die Banane. In vielen Ländern ist sie ein wichtiges Grundnahrungsmittel, andere leben als Exportstaaten fast ausschließlich vom Bananen-Anbau.

Jeder Bürger verspeist pro Jahr neun Kilo Bananen

Die Deutschen hegen eine besondere Liebe für die gelbe Südfrucht, die früher Paradiesfeige genannt wurde, und Deutschland ist in Europa die wichtigste Absatzregion. Mehr als neun Kilo verspeist jeder Bürger im Jahr.

Dass trotz der TR4-Epidemie weiterhin jeden Tag kiloweise frische Ware in deutschen Supermärkten liegt, hat vor allem mit den Herkunftsregionen zu tun. „Die Bananen für den nordeuropäischen Markt werden ausschließlich aus Mittel- und Südamerika importiert“, sagt Speidel. Dort ist der Pilz bislang nicht festgestellt worden. Deutsche Chiquita-Bananen kommen aus Costa Rica oder aus Panama hauptsächlich von eigenen Plantagen. „Trotzdem ist die Gefahr vorhanden, dass TR4 weitergetragen wird“, sagt der Manager.

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Deshalb habe Chiquita inzwischen die Schutz- und Hygienemaßnahmen auf den Plantagen drastisch hochgefahren. Es gibt inzwischen Zäune, um Unbefugte von den Feldern fernzuhalten, und Desinfektionsanlagen unter anderem für Schuhe. Vor allem in den Häfen der Exportländer wird alles getan, dass die Sporen des Pilzes namens Fusarium oxysporum f. sp. Cubense – bekannt als TR4 – nicht eingeschleppt werden.

TR4 gelangt über die Wurzeln ins Innere der Bananenpflanze und verstopft ihre Gefäße. Wasser und Nährstoffe können nicht mehr aufgenommen werden, die Blätter werden braun, dann fallen sie ab. Die Pflanze stirbt. Der Pilz ist so gefährlich, weil er jahrzehntelang im Boden bleiben kann.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es die Panama-Krankheit

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts waren Anbauregionen von der sogenannten Panama-Krankheit betroffen, in einer Vorform der heutigen Variante. Ende der 1960er-Jahre vernichtete der Pilz die damals dominierende Bananensorte Big Mike. Wegen des massiven Einsatzes von Unkrautvernichtungsmitteln in den Monokulturen war ein resistenter Erreger entstanden.

Die Produzenten stellten auf die – widerstandsfähigere – Sorte Cavendish um, die heute den Markt beherrscht. Jetzt ist auch diese Variante bedroht. Unter Hochdruck wird an Sorten geforscht, die resistent gegen den heimtückischen Pilz sind.

Auch Chiquita beteiligt sich an der Suche nach Lösungen für die Rettung der Bananen. Die Wissenschaft hatte zuletzt einzelne ­Erfolge mit genmanipulierten Pflanzen vermeldet. Aber, so Speidel, „bislang ist kein Ersatz in Sicht, der den weltweiten Bedarf decken könnte“.

Große Bananenhändler haben ihren Sitz in Hamburg

Die Deutschland-Niederlassung von Chiquita war vor drei Jahren von Duisburg nach Hamburg gezogen. Die Hansestadt ist der wichtigste Fruchthafen in Deutschland, dabei spielt der Bananenhandel mit einem Umschlag von 500.000 Tonnen im Jahr eine besondere Rolle.

Einige der größten Bananenhändler haben in Hamburg ihren Sitz wie Dole, die Afrikanische Frucht-Compagnie (Onkel Tuca) und Fruchtimporteur Weichert, der die irische Fyffes-Gruppe vertritt. Chiquita führt die Bananen für den europäischen Markt allerdings nicht über den Hamburger Hafen, sondern über das niederländische Vlissingen ein.

Jede Woche kommen dort 700.000 Boxen an, bei durchschnittlich 110 Bananen pro Box sind das mehr als 77 Millionen Bananen für Nordeuropa. Der Transport auf dem langen Seeweg wurde bislang von Reedereien abgewickelt, jetzt hat der Bananen-Konzern umstrukturiert. Chiquita transportiert die Bananen ab sofort mit einer eigenen Flotte.

Mit neuen Containern den Weg verkürzen

Fünf Containerfrachter mit neuen Kühlcontainern, die über eine eigene Software verfügen, pendeln zwischen Zen­tralamerika und Europa. Das erste Schiff war vergangenen Montag in Vlissingen in Betrieb genommen worden. „Damit haben wir den kürzesten Weg von den Ursprungsländern auf den europäischen Markt“, betont Speidel.

Das bringe Vorteile wie Schnelligkeit, Qualitätsverbesserungen, Serviceausbau und Energie­ersparnis. Dazu kommen bessere Kon­trollwege, um das Einschleppen der ­Bananenkrankheit TR4 zu verhindern.

Chiquita, das seit 1944 die Bananen mit einem blauen Sticker sowie einer Latino-Schönheit schmückt und heute zum brasilianischen Milliarden-Konzern Cutrale gehört, verkauft in Deutschland im Jahr Bananen im zweistelligen Millionenbereich.

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Die Markenbekanntheit ist extrem hoch, nicht zuletzt wegen eingängiger Werbekampagnen mit Sprüchen wie „Nenn nie Chiquita nur Banane“. Konkrete Geschäftszahlen will Speidel, der mit seinem achtköpfigen Team an der Neuen Gröningerstraße sitzt, nicht nennen. Von dem Büro aus werden Vertrieb und Marketing für Nordeuropa gesteuert. Bananen gibt es hier nur als Werbeträger und immer montags zur Qualitätskon­trolle.

Hauptkunden sind die großen Supermarktketten Edeka und Rewe sowie deren Discount-Ableger Netto und Penny. Mit Preisen zwischen 1,89 und 1,99 Euro pro Kilo zählen Chiquita-Bananen zur Premiumklasse. Aldi und Lidl beliefert das Unternehmen nicht.

Hoher Konkurrenzdruck

„Wir wachsen“, sagt Betriebswirt Speidel, der seit 2015 im Unternehmen ist. Allerdings sei der Konkurrenzdruck hoch. Das liegt einerseits an einem sich wandelnden Markt. Immer mehr Händler bieten Bananen aus fairem Handel an. Der Anteil liegt bei etwa zwölf Prozent im deutschen Markt. Auch der Konsum von Bio-Bananen wächst.

Chiquita agiert in beiden Feldern eher zurückhaltend – und hat dafür auch immer wieder Kritik von Menschenrechtlern und Umweltschützern einstecken müssen.

„Wir bieten Bio-Bananen an, die wir aus der Dominikanischen Republik, Ecuador und Peru beziehen“, sagt Fa­bienne Deiß, die bei Chiquita für Marketing zuständig ist. Hauptabnehmer ist Schweden. Wegen der klimatischen Bedingungen in den Anbauländern mit Regenzeiten könnten nicht alle Märkte mit Bio-Qualität beliefert werden.

Konkret: Ohne den Einsatz von Pestiziden ist kein ganzjähriger Anbau möglich. Allerdings betont Deiß, experimentiere das Unternehmen damit, den Einsatz zu verringern.

Fairtrade-Siegel sucht man auf den Bananen mit dem blauen Sticker komplett vergebens. „Chiquita-Qualität ist fair“, sagt Deutschland-Geschäftsführer Speidel.

Das Unternehmen, das 1870 im US-amerikanischen Boston gegründet wurde und heute mit weltweit 20.000 Beschäftigten 70 Länder mit Bananen beliefert, zahle den Arbeitern auf den Plantagen höhere Löhne als üblich, fördere Gewerkschaften, investiere in Schulen und Gesundheitsprojekte und setze auf nachhaltiges Wirtschaften, so der 47-Jährige. Deshalb seien externe Zertifizierungen weniger im Fokus. Chiquita habe es in den vergangenen Jahren versäumt, auch öffentlich über dieses Engagement zu reden.

Aldi, Netto und Edeka liefern sich einen harten Preiskampf

Denn auf der anderen Seite gibt es ein wachsendes Angebot an Billigbananen. Aldi, Netto und Edeka liefern sich einen erbitterten Kampf mit Kilopreisen unter einem Euro. NGOs wie Oxfam warnen vor den Folgen des ruinösen Wettbewerbs, der auf Einkaufspreise drückt.

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Sie befürchten schlechtere Arbeitsbedingungen und fordern höhere Preise. „Das geht in die richtige Richtung“, sagt auch Chiquita-Mann Speidel. „Es kann doch noch nicht sein, dass exotische Früchte wie Bananen billiger verkauft werden als Äpfel aus dem Alten Land.“

Im Chiquita-Büro in Hamburg ist die wöchentliche Bananenlieferung für die Mitarbeiter kostenlos. Von Tag zu Tag kann man sehen, wie die Früchte gelber werden. Wann wer zugreift, ist Geschmackssache. „Jeder hat einen anderen Tag. Ich bin eine Mittwochs-Esserin“, sagt Marketingmanagerin Deiß.

Deutschland-Chef Marc Speidel mag es noch ein bisschen reifer. Braune Punkte auf der Schale, sogenannte Zuckerflecken, stören den Bananen-Fan nicht: „Dann hat die Banane erst die richtige Süße.“