Ernährung

Schützt der Verzehr von Bio-Lebensmitteln vor Krebs?

Wer viel nachhaltig Produziertes isst, reduziert das Risiko um bis zu 25 Prozent, sagen französische Forscher. Doch es gibt Zweifel.

Bei den Viel-Bio-Essern in der Studie traten speziell Brustkrebs sowie Lymphome seltener auf. Die Autoren vermuten einen Zusammenhang mit Pestizidrückständen, die bei Bio seltener sind.

Bei den Viel-Bio-Essern in der Studie traten speziell Brustkrebs sowie Lymphome seltener auf. Die Autoren vermuten einen Zusammenhang mit Pestizidrückständen, die bei Bio seltener sind.

Foto: Uli Deck / dpa

Berlin.  Bio ist gut fürs Gewissen. Die Tiere haben ein bisschen weniger gelitten, bei Obst und Gemüse ist weniger umstrittener Pflanzenschutz zum Einsatz gekommen. Umfragen zeigen: Wer Bio isst, ernährt sich meist auch insgesamt bewusster, treibt mehr Sport, raucht nicht. Es liegt nahe, dass Bio-Fans seltener an Krebs erkranken. Untersucht wurde dieser Zusammenhang bisher nicht.

Französische Forscher um die Epidemiologin Julia Baudry von der Universität Paris-Sorbonne haben die Vermutung nun mit Daten von knapp 70.000 Probanden untermauert. Ihr Wissenschaftszweig beschäftigt sich unter anderem mit den Ursachen für den gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung. Wer viel Bio isst, hätte ein bis zu 25 Prozent niedrigeres Risiko, an Krebs zu erkranken, als Probanden, die besonders wenig Bio verzehrten, schreibt das Autorenteam in der renommierten Fachzeitschrift „Jama“.

Konsum größerer Mengen von Pestiziden?

Speziell habe sich der schützende Effekt bei nach der Menopause auftretendem Brustkrebs als auch bei Lymphomen gezeigt, also Tumoren des Lymphgewebes. Möglicher Grund: Esser von mehrheitlich konventionellen Lebensmitteln würden größere Mengen von Pestiziden konsumieren. In Fachkreisen ist diese Annahme umstritten.

„Die Studie ist seriös und schlüssig aufgebaut – aber diese Schlussfolgerung ist schon sehr mutig“, sagt Dr. Tilman Kühn, Leiter der Arbeitsgruppe Ernährungsepidemiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Er fügt hinzu: „Es wäre überraschend, wenn die Pestizidbelastung über konventionelle Lebensmittel so hoch wäre, dass sie krank macht.“

Mehr Pestizidrückstände in konventionellen Produkten

„Für diese Aussage reichen die Daten der Studie nicht aus“, sagt auch Prof. Heiner Boeing, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung. So hätte das Team um Baudry nicht untersucht, ob und in welchen Mengen sich Pestizide in Blut oder Urin der Studienteilnehmer nachweisen ließen. Alle Angaben wurden nur per Fragebogen erhoben.

Tatsächlich enthalten Bio-Lebensmittel im Schnitt meist weniger Rückstände von Schädlingsvernichtern als konventionelle Produkte, das zeigen unter anderem die jährlichen Berichte der deutschen Überwachungsämter. Dass Konventionelles deswegen per se schädlich oder Bio grundsätzlich gesünder sei, könne man aufgrund solcher Daten aber nicht behaupten, schreibt ein Team von Ernährungswissenschaftlern der US-Elite-Uni Harvard in einem Begleitkommentar zu der Studie. Die gesundheitlichen Folgen des Rückstände-Verzehrs seien bisher noch völlig unbekannt.

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Häufiger Brustkrebs durch Verzehr von Bio-Produkten?

Dennoch sei die Fragestellung der Studie wichtig, und die Ergebnisse müssten in weiteren Untersuchungen bestätigt werden, glaubt Kühn. „Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Bio-Lebensmitteln und der Entstehung von Lymphomen geben könnte, hat beispielsweise auch schon eine Auswertung von Daten der britischen ‚Million Women Study‘ aus dem Jahr 2014 gezeigt.“

Die gleiche Untersuchung zeigte bei Brustkrebs wiederum den gegenteiligen Effekt: Bei Frauen, die viel Bio aßen, entwickelte sich demnach häufiger Brustkrebs. „Die Autoren haben damals vermutet, dass die Bio-Esser unter den Probandinnen einen höheren Bildungsgrad hatten und eventuell häufiger zur Vorsorge gegangen sind, wo dann entsprechend häufiger eine Brustkrebsdiagnose gestellt wurde“, so Kühn. Warum sich in der aktuellen Studie nun ein anderes Bild gezeigt habe, müsse untersucht werden. Die statistische Datenlage sei in beiden Fällen gut.

Probanden rund viereinhalb Jahre unter Beobachtung

Für ihre Studie nutzten Baudry und ihre Co-Autoren Daten der „Nutrinet-Santé Study“, einer großen Online-Umfrage unter Franzosen. Von den über 95.000 zur Verfügung stehenden Datensätzen verwendeten die Forscher nur die von Probanden, die zum Zeitpunkt der Erhebung noch keine Krebserkrankung hatten. Übrig blieben 68.946 im Schnitt 44 Jahre alte Teilnehmer, 78 Prozent davon Frauen. Mit Blick auf ihre Fragestellung behielten die Wissenschaftler die ausgewählten Probanden rund viereinhalb Jahre im Auge. Während dieser Zeit trat bei 1340 von ihnen erstmals Krebs auf, mit 34 Prozent am häufigsten Brustkrebs.

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„Dabei haben die Autoren Störfaktoren bestmöglich berücksichtigt“, erklärt DKFZ-Experte Kühn. So sei der statistische Zusammenhang zwischen Bio-Lebensmitteln und einem geringeren Krebsrisiko auch dann noch stark gewesen, nachdem die Autoren Körpergewicht oder Raucherstatus der Probanden als Faktoren herausgerechnet hätten. Dennoch gebe es auch methodische Schwächen. Dass Bio-Esser schlicht generell einen gesünderen Lebensstil pflegen und deswegen seltener an Krebs erkranken, hätten die Autoren als Ursache nicht ganz ausschließen können. „Zudem fehlen die Daten von Männern ein Stück weit, da in der Studie mehrheitlich Frauen erfasst wurden“, erklärt Kühn.

Neue Methoden sind bereits in Arbeit

All das sei eine starke Motivation für andere Wissenschaftler, Folgestudien durchzuführen, glaubt Kühn. „Blut- oder Urinproben sind dabei dann unerlässlich. Die Analytik von Pestiziden in solchen Proben ist allerdings sehr aufwendig. Dass die Studie diese Entwicklung möglicherweise angeschubst hat, ist ihr großes Verdienst“, so Kühn. Einige neue Methoden seien bereits in Arbeit, weiß Boeing. „Andere Arbeitsgruppen sind bereits dabei, die Zusammenhänge noch konkreter und mit Blutproben zu untersuchen.“

Den Rat, Bio-Produkte als Krebsschutz zu verzehren, wollen die Experten nicht geben. „Es gibt viele andere Gründe, um zu Bio-Lebensmitteln zu greifen, etwa Umwelt- und Tierschutz, die Gesundheit ist nach jetzigem Kenntnisstand ein eher untergeordneter Faktor“, so Kühn. Um das Krebsrisiko zu minimieren, ließen sich Maßnahmen ergreifen, deren Wirksamkeit deutlich besser belegt sei, ergänzt Boeing.

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Rauchen ist der größte Risikofaktor

Eine im September vorgestellte Studie des DKFZ benennt Rauchen als den einflussreichsten vermeidbaren Risikofaktor, es folgen ungesunde Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht und Bewegungsmangel. Wer bei Gewicht und Ernährung ansetzen wolle, sollte vor allem Kalorienbomben wie zuckergesüßte Getränke meiden, rät Boeing. „Es ist zudem erwiesen, dass ballaststoffreiches Getreide, Obst und Gemüse das Krebsrisiko reduzieren können, viel rotes Fleisch und verarbeitete Fleischprodukte können es erhöhen.“

Weniger Pestizide – mehr Schadstoffe

Der Bio-Markt wächst stetig, 2017 knackte die Branche beim Umsatz erstmals die Zehn-Milliarden-Euro-Marke. Im Vergleich zu konventionellen Lebensmitteln sind die Anteile aber in vielen Bereichen noch gering. Nach den aktuellesten Absatzzahlen des deutschen Bio-Spitzenverbandes BOLW haben Bio-Eier mit rund 14 Prozent den größten Anteil an der Gesamtverkaufsmenge.

Bei der Milch sind demnach mittlerweile etwa acht Prozent der Gesamtmenge Bio, bei Fleisch nur knapp ein Prozent. Die teils noch geringen Anteile lassen sich bei einigen Produktgruppen wohl auch mit dem meist höheren Preis erklären. Bei einem Vergleich von Bio und Konventionell der Stiftung Warentest waren von 50 Produktgruppen nur zwei mit Bio-Siegel im Schnitt günstiger: Tee und Sonnenblumenöl

Bei Pestiziden schnitt Bio in dem Warentest-Vergleich tatsächlich deutlich besser ab – nicht jedoch bei anderen Schadstoffen wie etwa Schimmelpilzgiften oder Mineralölen. Hier war Bio sogar öfter belastet.